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ARD: alter Apple-Woi in neuen Schläuchen

Rewe, TUI und jetzt Apple: Am Montagabend widmet sich die ARD in der vorerst letzten Folge seiner “Markencheck”-Reihe dem Lieblingsthema der Techgemeinde. Immer wieder nahm das Erste populäre Marken und ihre Firmenpolitik unter die Lupe. Dass es einmal den zeitweise wertvollsten Konzern der Welt trifft, war nur eine Frage der Zeit. Doch wirklich Neues vermag die kritische Apple-Doku nicht zu Tage zu fördern und bleibt eine Mischung aus wissenschaftlichen Pseudoerkenntnissen und Altbekanntem.

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Was geht im Gehirn eines eingefleischten Apple-Fans vor? Diese Frage mag sich so mancher Smartphone- und Tabletbesitzer stellen angesichts der typischen Bilder von langen Schlangen vor den Apple Stores bei Produkteinführungen aus dem kalifornischen Cupertino. Doch diese Frage stellt sich die ARD-Doku "Der Apple-Check", die am Montag um 20.15 Uhr läuft, und vor allem dem Kult um die Marke nachgeht anstatt der Marke selbst. Das WDR-Team fand heraus: Während Produkte des Konkurrenten Samsung Hirnregionen ansprechen, die mit rationalem Handeln zu tun haben, aktiviert Apple Bereiche, die üblicherweise für die positive Bewertung von Personen bzw. das Erkennen von Gesichtern zuständig sind. Zu diesem Ergebnis kamen der Neurowissenschaftler Prof. Jürgen Gallinat und Dr. Simone Kühn, die im "Markencheck"-Auftrag die Hirne von Probanden scannten.

So hätten die Bilder von Samsung-Produkten aller Probanden offenbar verstärkt den präfrontalen Kortex angesprochen, "ein Hirnareal, das mit Entscheidungsfindung, Abwägung, planerischem Handeln, Nachdenken etc. verknüpft ist", so Forscher Gallinat. Die Apple-Bilder aktivierten hingegen "gleich mehrere Hirnregionen, die normalerweise auf den Anblick von Gesichtern ansprechen". Vor allem hätte die Aktivierung von Hirnregionen im Temporallappen und Frontallappen überrascht, die unter anderem für das Erkennen von Gesichtern und emotionale Bewertungen bedeutsam sind. "Das ist außergewöhnlich, denn Apple hat kein Gesicht, Apple ist ein technisches Produkt", lässt der WDR Gallinat zu Wort kommen.

Apple emotionalisiert also. Vermutlich dürfte beim Kauf eines Porsche auch der emotionale Aspekt eine große Rolle spielen, auch wenn rein rational betrachtet ein anderes Auto das praktischere Fortbewegungsmittel wäre. Doch wie die Marke selbst will auch der "Apple-Check" auch zu emotionalisieren – mit dem typischen, altbekannten Foxconn-Dreh. Dafür sich das das WDR-Team um Redakteur Detlef Flintz in Shenzen, dem Sitz des größten Apple-Zulieferers, umgeschaut. Ein Ansatz, wie ihn zuletzt auch der TV-Autor Rasmus Gerlach für seine Dokumentation "Apple Stories" wählte, die Phoenix am 23. Februar ausstrahlt. Und so kommt der "Markencheck" auch zu altbekannten Erkenntnissen: Die Arbeitsbedingungen bei Foxconn sind mies gemessen an deutschen Maßstäben. Es kommen die alten Geschichten über die Selbstmordreihe auf dem Foxconn-Campus vor drei Jahren, gepaart mit Straßenumfragen zu den geschätzten Kosten der Einzelteile eines Smartphones. Auch hier fördert die ARD nichts Neues zu Tage: Die Gewinnspanne beim Apple-Smartphone ist hoch.

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Apple ist nicht Foxconn
Was die WDR-Doku vergisst zu erwähnen: Foxconn ist nicht Apple. Der chinesische Riesenkonzern beschäftigt zeitweise mehrere hunderttausend Mitarbeiter und fertigt die Technik nicht nur für Apple, sondern auch Dell, Microsoft und Hewlett-Packard. Firmengründer Terry Gou hat erst kürzlich 37,6 Prozent einer neuen LCD-Fabrik erworben, die Sharp 2009 für rund zehn Milliarden Dollar bauen ließ. Das Werk ist darauf spezialisiert, Fernseher in Größen ab 60 Zoll zu fertigen. Das Unternehmen will sich unabhängiger von Apple aufstellen. Soll heißen: Foxconn ist keine Tochterfirma von Apple und ist dementsprechend nicht verpflichtet, auf Forderungen aus Cupertino einzugehen. Da beide Unternehmen aber durch die Massenproduktion von iPhone, iPad und iPod touch aneinander gebunden sind und Foxconn gute Gewinne mit der Fertigung verdient, will man künftig die Arbeitsbedingungen verbessern. Dass diese noch weit entfernt von westlichen Maßstäben sind, steht außer Frage.

Wer die kritische Berichterstattung zu Apple in den vergangenen Monaten verfolgt hat, dürfte beim "Apple-Markencheck" nichts wirklich Neues erfahren. Was hängenbleibt, ist eine Mischung aus Vorwürfen über zu hohe Preise, gepaart mit Vorwürfen zu niedrigen Lohnkosten auf Zuliefererseite. Ob westliche Konsumenten dann im Gegenzug steigende Anschaffungspreise in Kauf nehmen müssen, wenn die Löhne in Shenzen steigen, will die Dokumentation nicht beantworten. Zum Hintergrund: Der US-Konzern musste im vergangenen Quartal rund acht Milliarden Dollar mehr umsetzen, um auf das gleiche Konzernergebnis des Vorjahres zu kommen. Die Gewinnmarge fiel um mehr als sechs Prozent von 44,7 auf nur noch 38,6 Prozent – binnen nur eines Jahres ist das ein großer Einbruch. Ein Grund dafür waren die gestiegenen Produktionskosten durch höhere Lohnkosten bei Foxconn.

Auf den "Markencheck" folgt im Ersten ab 21 Uhr "Hart aber fair". Unter dem markigen Titel "Handy an, Hirn aus – wie doof machen uns Apple und Co.?" diskutiert Frank Plasberg mit Moderator Ranga Yogeshwar, Pirat Christopher Lauer und Pädagogen darüber, was mit Kindern und Jugendlichen passiert, "die mehr in virtuellen als in wirklichen Welten zu Hause sind".

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