Space: unendliche Weiten auf 140 Seiten

Wenn sich ein Verlag in Deutschland mit Nerds auskennt, dann ist es die Heise Gruppe. Deshalb passt es auch, dass die c't-Mutter mit Space jetzt ein neues Magazin für Weltraum-Fans an den Kiosk bringt. Der Neuling ist ein unterhaltsames und vor allem optisch ansprechendes Heft, das seine Zielgruppe jedoch noch genauer umreißen und häufiger überraschen muss. Gelingt das, könnte der Titel Zukunft haben, immerhin ist in unendlichen Weiten auch unendlich viel Themenpotential.

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Wobei genau das ein Punkt ist, den man der Erstausgabe ankreiden muss. Sie wirkt weniger wie ein gut durchdachtes erstes Heft, als wie eine Nullnummer, mit der man Verlag und Anzeigekunden zeigt, wie ein Heft aussehen kann. Dafür presst es mehrere große Themen der vergangenen Ausgaben des Lizenzgebers in eine Ausgabe. Denn: Trotz der vielseitigen Themenfelder Astronomie, Astro-Physik und Raumfahrt bieten die Blattmacher den Leser in der Premieren-Ausgabe allerhand Erwartbares an. Auf dem – im Übrigen extrem voll gepackten – Cover werben die schon vielfach durchgekauten Themen Gefahr durch Astroiden, Mondlandung, Weltraumtourismus, Cassini-Mission und als Titelthema "Die Erforschung des Mars" um Leser. 

Thema: Gefahr durch Astroiden – hat man schon häufig gelesen
Das sind die gängigen Weltraum-Themen, die in TV und Populärmedien schon vielfach behandelt wurden und zu denen selbst nicht an den Tiefen des Alls Interessierte mittlerweile einen Wissensvorrat aufgebaut haben. Wirklich Neues erfährt der Leser, das kommt noch hinzu, zu diesen Themen nicht. Auch weitere Geschichten im Heft handeln von übliche Verdächtigen: Stephen Hawking, der Aufbau von Erde und Mars, der Lebenszyklus von Sternen. All das wird den Leser enttäuschen, denn er will überrascht werden, er will einen "wow"-Effekt, will sagen "faszinierend". Außerdem: Wenn so viele der großen Themen bereits behandelt wurden, was soll dann in Heft zwei, das am 28. März erscheinen wird, überhaupt noch folgen?
Die Frage, die sich die Macher rund um Chefredakteur Wolfgang Koser stellen müssen, lautet: Welches Publikum will man erreichen? Die meisten Geschichten im ersten Heft setzen tendenziell wenig Vorwissen voraus. Wer jedoch weltraumbegeistert genug ist, um sich ein Heft namens Space zu kaufen, wird Vorwissen haben. Das bedeutet nicht, dass im Publikum zwingend Wissenschaftler warten, wohl aber dürfte es vielversprechender sein, mehr in die Tiefe zu gehen, den Beiträgen einen neuen Dreh hinzuzufügen – auch hier: zu überraschen.
Von diesem Punkt abgesehen, ist den Machern nichts vorzuwerfen – im Gegenteil. Sie haben ein handwerklich solides Heft abgeliefert. Es gibt lange Lesestücke und kurze Häppchen für Zwischendurch. Hier gelingt es sogar die eine oder andere Neue hervorzubringen. Der Mix mit Themendossiers und kleinen Servicestücken (im aktuellen Heft zum Beispiel zu empfehlenswerten Weltraum-Apps) ist angenehm. Der Umfang des 140-Seiten Heftes eignet sich, um mehrere Tage Lesestoff zu bieten. Bis zum nächsten heft ha der Leser aber immerhin auch zwei Monate Zeit. 

Neben den Dossiers gibt es Lese-Häppchen für Zwischendurch
Sich auf die Schulter klopfen dürfen die Layouter und Fotoredaktion von Space, denn das Heft wirkt sehr ansprechend. Die Seiten sind eindrucksvoll und auch das Hochglanz-Cover sticht ins Auge. Freunde von schlichten Design und viel Weißraum hingegen werden enttäuscht sein. Von der Aufmachung her ist Space somit so etwas wie ein Anti-New Scientist. Space – das als Lizenztitel des Originals "All About Space" erscheint, orientiert sich dabei auch vollständig am englischsprachigen Lizenzgeber.
Der Weltraum bietet für das Heft freilich einen kaum erschöpflichen Vorrat an grandiosen Bildern. Seien es Teleskop-Aufnahmen von fernen Galaxien die in vielen verschiedenen Farben schimmern, Bilder der Erde aus dem Orbit oder computergenerierte Modelle von künftigen Raumschiffen oder Sonden: Alles hat Potential für große Leinwände. Der Wow-Effekt, der mangels überraschender Themen inhaltlich fehlt, wird so optisch geliefert. Das ist das größte Pfand des Heftes. Wer im Kiosk kurz durchblättert, wird ob der Bilder leicht ins Schwärmen kommen und sich so womöglich zum Kauf entscheiden. Um Leser zu Überzeugen, ein Abonnement abzuschließen, muss aber auch in den Texten häufiger ein "wow" kommen.

Faszinierende Bilder: Das Thema bieten eine Menge für das Auge
Für einen Erfolg des Heftes will selbstverständlich neben dem Lesermarkt auch der Anzeigenmarkt überzeugt werden. In der ersten Ausgabe sind kaum Anzeigen zu finden. Neben einer kleinen Werbung eines Teleskop-Herstellers finden sich nur Eigen-Anzeigen des Heise-Verlags in Ausgabe eins. Welche Anzeigekunden man gewinnen will ist also noch offen, nahe liegend wird jedoch sein, dass man Kunden des bereits bestehenden Hefts Wissen, das wie Space in der Lizenzprodukte-Tochter eMedia erscheint, auch für das Weltraum- Magazin gewinnen will. Auch die Zielgruppe der technikbegeisterten Leser sonstiger Heise-Hefte könnte sich mit den Weltraum-Fans, die Space erreichen will überschneiden, was die Anzeigen-Akquise vereinfachen würde. Allerdings stellt sich dan die Frage, warum hier keiner schon in Heft eins wirbt.
52.000 Exemplare umfasst die Druckauflage. Über Erfolg- oder Nicht-Erfolg werden nun die Leser entscheiden. Das Magazin erweitert geschickt das bisherige Angebot des Verlags. Es gibt viele Andockpunkte bei der Zielgruppe, was es vereinfacht bereits bestehende Leser und Anzeigekunden zum neuen Lizenz-Titel zu führen. Das erste Heft überzeugt vor allem optisch und fasst die großen Themen an. Gelingt es ab Heft zwei zu beweisen, dass abseits dieser bekanten Themen Spannendes in den unendlichen Weiten wartet, könnte Space ein neuer Stern am Magazin-Firmament werden. Andernfalls heißt es aber schnell: "Houston, wir haben ein Problem!"

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