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Amazon vs. Apple: das Börsen-Paradoxon

Innerhalb von wenigen Tagen haben zwei der wertvollsten Tech- und Internet-Konzerne ihre Quartalszahlen vorgelegt. An der Börse riefen die Bilanzen hysterische Reaktionen hervor – nur jeweils in die entgegengesetzte Richtung. Konträrer könnten die Ausschläge nicht sein: Apple verdient so viel wie nie und ist so billig wie nie – und die Aktie fällt so tief wie seit einem Jahr nicht. Amazon indes patzt beim Umsatz, verdient 45 Prozent weniger – und die Aktie zischt auf Jahreshochs. Ist die Wall Street völlig außer Kontrolle geraten?

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Innerhalb von wenigen Tagen haben zwei der wertvollsten Tech- und Internet-Konzerne ihre Quartalszahlen vorgelegt. An der Börse riefen die Bilanzen hysterische Reaktionen hervor – nur jeweils in die entgegengesetzte Richtung. Konträrer könnten die Ausschläge nicht sein: Apple verdient so viel wie nie und ist so billig wie nie – und die Aktie fällt so tief wie seit einem Jahr nicht. Amazon indes patzt beim Umsatz, verdient 45 Prozent weniger – und die Aktie zischt auf Jahreshochs. Ist die Wall Street völlig außer Kontrolle geraten?

James Cramer hat mal wieder als Erster die Sprache gefunden. "Das Leben ist nicht fair", kommentierte der frühere Hedgefondsmanager und heutige CNBC-Moderator eine der seltsamsten Kursentwicklungen der vergangenen Jahre.

Die sieht folgendermaßen aus: Apple, seit Monaten an der Wall Street im schweren Abwärtstrend, legte vergangene Woche die besten Quartalszahlen in der Geschichte der Technologiebranche vor. Gewinne in Höhe von 13,078 Milliarden Dollar wurden in 92 Tagen verbucht. Höhere Gewinne wurden nur dreimal in der Wirtschaftsgeschichte erzielt – von Erdöl-Unternehmen.

Ein paar Tage später berichtete Amazon über das abgelaufene Quartal. Ergebnis: Die Umsatz-Erwartungen wurden um mehr als eine Milliarde Dollar verfehlt. Beim Gewinn 45 Prozent unter dem Vorjahr geblieben – und das auf dem Niveau von gerade 95 Millionen Dollar. Ausblick? Alles kommt noch schlimmer, Amazon wird im laufenden Quartal wohl eine dreistellige Millionensumme verlieren. Tatsächlich hat Amazon in der gesamten Konzerngeschichte nur so viel verdient wie Apple zuletzt in sechs Wochen!

Reaktion auf Quartalszahlen: Apple-Aktie im freien Fall, Amazon eine Kursrakete

Die Sache sieht also ziemlich eindeutig aus, sollte man meinen: Apple hat erfreuliche Quartalszahlen vorgelegt, Amazon gepatzt. Die Apple-Aktie müsste also steigen, Anteilsscheine von Amazon verlieren, so würde es eine logische Betrachtungsweise nahelegen.

Die tatsächliche Reaktion der Börse? Ein dramatischer Kurssturz von 15 Prozent in den zwei folgenden Handelstagen bei Apple. Der Börsenwert des iPhone-Herstellers wurde um über 70 Milliarden Dollar zusammengeschossen. Amazon dagegen erlebte nachbörslich ein wahres Kursfeuerwerk, das die Anteilsscheine des weltgrößten Online-Kaufhauses um neun Prozent in die Höhe schießen ließ.

Zwei Tech-Titanen in zwei Welten: Amazon auf Allzeithochs, Apple auf  Jahrestiefs

Lohn der Kursturbulenzen: Amazon notierte am Mittwoch auf neuen Allzeithochs, während Apple im Wochenverlauf auf neue Jahrestiefs taumelte. Fazit: Apple wird momentan wie die schlechteste Aktie der Welt gehandelt – Amazon wie die beste. "Vielleicht sollte Apple einfach am Ende des Quartals einkaufen gehen und 13 Milliarden Dinge kaufen. Die Anleger würden ausrasten", flüchtete sich TechCrunch-Kolumnist und Apple-Aktionär MG Siegler in schwarzen Humor.

Apple-CEO Tim Cook macht nach Meinung der Anleger in diesen Tagen also alles falsch, Amazon-Gründer Jeff Bezos alles richtig. Cook ist in Rekordzeit zu einem der größten Wertvernichter der Börsengeschichte geworden, während sich Bezos anschickt, Steve Jobs zu beerben und für seine Aktionäre die größte Wertschöpfung aller Zeiten herauszuholen.

Apple: Bewertet wie eine südafrikanische Minenaktie vor der Pleite

So liest sich die Geschichte der beiden Tech-Titanen per Ende Januar 2013.  Ob der Trend weiter Bestand hat, muss die Zukunft zeigen – dass es aber allein so gekommen ist, ist fraglos schon jetzt eine der großen Fußnoten des Börsenjahres 2013. Um so besonderer wird sie, wenn man die Bewertungen von Amazon und Apple betrachtet. Würde Apple mit Premium-Aufschlägen gehandelt und Amazon mit Abschlägen, wären die konträrer Börsenreaktionen noch verständlicher.

Doch auch hier ist das Gegenteil der Fall: Ungeachtet seines Börsenwerts ist Apple eines der günstigen Unternehmen der Welt. Das maßgebliche Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) der zurückliegenden 12 Monate liegt bei 10. Die immensen Barbestände von 135 Milliarden, die schon 145 Dollar je Aktie ausmachen,  herausgerechnet, erreicht der iPhone-Hersteller Bewertungsniveaus wie eine südafrikanische Minenaktie kurz vor der Pleite. Das KGV rutscht auf ein Niveau von 7 ab. Das ist günstiger als jedes andere der größeren Technologie-Unternehmen inklusive der alternden Giganten Microsoft, Intel oder Cisco. Apple ist so billig wie seit der Amtsübernahme von Steve Jobs 1997 nicht mehr. Man könnte auch sagen: Die Skepsis der Börse hat bei Apple aktuell 16-Jahreshochs erreicht.

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Jeff Bezos spricht die Sprache der Wall Street

Auf der anderen Seite schießt Amazon auf immer bemerkenswertere Bewertungsniveaus. Das KGV ist auf einen Fantasiewert von 3500 gezischt. Nun ist klar, dass Konzernchef Jeff Bezos aktuell eine aggressivere Expansionsstrategie fährt und seine Aktionäre und die fundamentalen Bewertungskriterien der Börse mit größtmöglicher Arroganz missachtet. Bezos weiß, dass die Wall Street ihm aus der Hand frisst – deswegen muss er ihr keine Beachtung schenken.

Aus der Vergangenheit wissen Aktionäre, dass Bezos, der sich seine Sporen vor der Gründung von Amazon bei Bankers Trust und einem Hedgefonds verdiente, die Sprache der Wall Street beherrscht und die Bedürfnisse der Börse befriedigt, wenn er denn muss. Das war etwa nach dem Dot.com-Crash 2000 der Fall, als die Aktienmärkte nervös wurden und Profitabilität sehen wollten. Bezos drosselte das Wachstum und bewies, dass er eine schwarze Null schreiben kann. Der Nachweis genügte, danach konnte der 49-Jährige die bis heute wohl aggressivste Wette des Internets fortsetzen und sämtliche Einnahmen bis zum Überschreiten der Verlustzone in die Zukunft investieren.

"Es ist cool geworden, Apple zu hassen"

Die wachstumssüchtige Börse applaudiert Bezos so exzessiv Beifall, dass selbst Langzeitfrist-Investoren wie Henry Blodget, der die Aktie des Online-Einzelhändlers seit dem IPO 1997 besitzt, den Kopf schütteln. "Ich freue mich als Aktionär, aber ich wundere mich schon, was sich Anleger dabei denken, den Kurs immer weiter nach oben zu treiben", erklärte Blodget auf seinem Blog-Konglomerat Business Insider.

Apple indes ist längst in die Gegenwelt abgetaucht: Das wertvollste Unternehmen der Welt ist gleichzeitig aktuell die schlechteste Aktie der Welt. "Es ist cool geworden, Apple zu hassen", erklärt ein Hedgefondsmanger bei TheStreet.com. Finanzjournalist Robert Weinstein rät auf derm selben Finanzportal, die Aktie weiter nicht anzufassen, zu groß sei die Negativität, selbst wenn sie ungerechtfertigt sei.  Egal, was Apple und sein CEO Tim Cook in diesen Tagen anstellen – es ist falsch. Der Markt will tiefere Kurse sehen, gegen die Apple-Aktie wird gewettet wie gegen den letzten römischen Kaiser kurz vor dem Sturz seines Imperiums.

Börsenerwartung: Sicherer Abstieg von Apple, goldene Zukunft für Amazon

Tatsächlich wird in der aktuellen Bewertung viel über die zukünftige Erwartung der Marktteilnehmer ausgesagt. Sie trauen Amazon offenbar alles zu, vielleicht auch, eines Tages in Apples Fußstapfen zu treten und das wertvollste Unternehmen der Welt zu werden. Apple indes wird als der sicherste Abstiegskandidat aller Zeiten gehandelt: Die Abschläge an der Börse preisen aktuell mindestens eine Zeitenwende nach dem Microsoft-Vorbild ein: Ist der Zenit überschritten, ist der Abstieg unwiderrufbar, wie es der Software-Hersteller 2000 auf dem Gipfel erlebte.

Bemerkenswerterweise notiert Microsoft heute nach einem stetigen 12-jährigen Abstieg nur 55 Prozent unter dem damaligen Bestwert. Apples Börsenwert wurde indes binnen vier Monaten um 40 Prozent zusammengeschossen. Die Wette auf den todsicheren Abstieg Apples überholt an den inzwischen komplett hysterischen Aktienmärkten ebenso die Realität wie Amazons scheinbar unaufhaltsamer Aufstieg.

Kursvernichter Apple, Börsenliebling Amazon – hat das auch am Ende des Jahres noch Bestand?

Es hat sich in der Vergangenheit indes oft an der Börse gezeigt, dass schon die mittelfristige Zukunft keinesfalls eine so sichere Sache ist, wie es die seltsamen Räusche der Börse vorweggenommen haben – die vermeintlich wundersamen Comebackstorys von Facebook, Blackberry und Nokia, aber auch Apples eigener Einbruch sind ein Beleg für die unvorhersehbaren Launen der Kapitalmärkte.

Nach einem Monat des neuen Börsenjahres liegt Apple um 15 Prozent hinten und Amazon um 7 Prozent vorne.  Es wird interessant zu beobachten sein, ob das Missverhältnis der beiden Tech-Titanen auch am Ende des Jahres weiter Bestand hat.

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