Sexismus-Talk: die entgleiste Debatte

Es war damit zu rechnen, dass sich die TV-Talkshows das Thema Sexismus und Rainer Brüderle nicht entgehen lassen würden. Von Markus Lanz über Günther Jauch bis Maybrit Illner werden fast sämtliche Talk-Strecken im TV mit Sexismus zugepflastert. FDP-Politiker, Komiker, Schauspieler und Journalisten werden als Gäste aufgeboten und drehen sich immer schneller im Kreis einer entgleisten Debatte in der viel geredet aber kaum etwas gesagt wird. Mit einer Ausnahme.

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Markus Lanz hat am Thema Sexismus einen besonderen Narren gefressen. Alle drei Ausgaben seiner Talkshow in dieser Woche beschäftigten und beschäftigen sich ausführlich mit dem “Dirndl-Gate” (Lanz) des Rainer Brüderle und den Auswirkungen auf Showbiz, Politik und Gesellschaft. U.a. Karl Dall, der Komiker Ole Lehmann, Schlagersänger GG Anderson, Ex-Dschungelkönig Peer Kusmagk und Schauspielerin Katrin Sass durften sich bei ihm zum Thema schon äußern. Am heutigen Donnerstagabend ist dann stern-Chefredakteur Andreas Petzold bei Lanz an der Reihe.

Er dürfte die aktuelle Titelstory des stern (es geht um Sexismus!) vorstellen und vielleicht auch ein bisschen Matussek-Bashing betreiben. Spiegel-Kollege Matthias Matussek saß nämlich am Dienstag schon beim Lanz und diagnostizierte, dass die Auslöser-Story “Der Herrenwitz” über Rainer Brüderle im stern, handwerklich schlechter Journalismus gewesen sei. Die stern-Reporterin Himmelreich lebe in einem “falschen Anreizsystem” so Matussek, sei womöglich von den fiesen stern-Chefs zur Anspitzung der Geschichte um den “spitzen Kandidaten” (stern.de) getrieben worden.

Auch am gestrigen Mittwoch bekam der stern bei „Markus Lanz“ sein Fett weg. FDP-Fraktionsvize Martin Lindner forderte forsch, nicht Brüderle oder Autorin Laura Himmelreich sollten sich bei wem auch immer entschuldigen, sondern die stern-Chefredaktion. Dass Andreas Petzold heute abend bei Lanz ein “sorry” über de Lippen kommt, darf als unwahrscheinlich gelten.

Die Lanz-Sendungen sind bezeichnend für den traurigen Zustand, den die Sexismus-Debatte in den Medien im Rekordtempo erreicht hat. Es geht kaum noch um die Sache, dafür umso mehr um Quote, Auflage und darum, wer die besten Sprücheklopfer zum Thema aufbieten kann. Die Redaktion von “Markus Lanz” gibt Stil und Takt vor, wenn etwa FDP-Fraktionsvize Lindner als “berühmtester Eierkrauler des Bundestags” eingeführt wird. Haha. Hoho. Den Beinamen hat er weg, seit eine Linken-Abgeordneter und eine SPD-Politikern ihn mal so titulierten. Sexismus ist bei Lanz nur ein weiterer Grund, ein paar mehr oder weniger heitere Späte am späten Abend zu reißen.

Aber auch andere Sendungen hatten so ihre Probleme mit dem Thema. Bei Günther Jauch (“Herrenwitz mit Folgen”) lümmelte neben Silvana Koch-Mehrin und Alice Schwarzer etwa Hellmuth Karasek, dessen Beitrag zur Debatte tatsächlich darin bestand mit vollem Ernst während der Sendung einen Herrenwitz zum Besten zu geben. Es ging ungefähr darum, dass sich eine Frau im Kino vom richtigen Kerl gerne die Brust betatschen lässt. Außerdem machte er noch Werbung für sein nächstes Buch. Am Montag durfte man sich in der ZDFinfo Sendung “Login” seine tägliche Dosis Sexismus-Talk abholen. Motto: “Glotzen, Grabschen, Sprücheklopfen – sind Frauen Macho-Opfer?” Dort wurde der “Männer Berater und Verführungs-Experte” Pütz aufgeboten, der meinen durfte: “Feminismus hat Männer psychisch kastriert.” Ihm gegenüber gestellt wurde eine schrill geschminkte Piraten-Aktivistin, die vor allem mit dem wahrscheinlich unfreiwillig treffenden Satz auffiel: “Warum wir das Problem haben, kann ich heute nicht lösen.”

Am Mittwoch dann die geballte Ladung mit Lanz, Stern TV mit der “Günther Jauch”-gestählten #aufschrei-Initiatorin Anne Wizorek samt Mitstreiterin Nicole von Horst, und “Anne Will”. Bei Frau Will waren u.a. Lederjackenträger und Alt-Frauenversteher Heiner Geißler, Renate Künast, Spiegel-Online Kolumnist Jan Fleischhauer sowie die Ex-Gleichstellungsbeauftragte Monika Ebeling zu Gast. Letztere kannte der fleißige Zuschauer schon aus “Login”, wo sie ihre Platte, dass Männer AUCH Opfer sind, bereits ausführlich abgenudelt hatte. Immerhin bemühte sich Moderatorin Anne Will, das Thema nicht dorthin mäandern zu lassen, wo es nicht gehört, nämlich zu tatsächlicher sexueller Gewalt in der Ehe, in Indien oder sonstwo. Immerhin hatte die Redaktion von „Anne Will“ eine Mitarbeiterin eines Bundestagsabgeordneten aufgetrieben, die über alltäglichen Sexismus im Politbetrieb erzählte, wenn auch nur anonymisiert und wenig konkret.

Am heutigen Donnerstag folgen nun der dritte Aufguss der Sexismus-Festspiele bei Lanz unter besonderer Berücksichtigung des aktuellen stern-Titels “Der tägliche Sexismus”. Und Maybrit Illner schart im ZDF u.a. Claudia Roth, Medienanwalt Ralf Höcker sowie FDP-Lautsprecher und Flirt-Verweigerer Wolfgang Kubicki um sich. Man kann sich ungefähr vorstellen, wie die Diskussion laufen wird.

Wenn wir eines gelernt haben in dieser Themenwoche Sexismus dann dass, wie schwer es Medien fällt, dieses Thema, das so viele berührt, zu fassen. Es wurde verdammt viel geredet über Sexismus und verflixt wenig gesagt. Die Medien und ihr Stichwort-Personal – von Karasek bis Schwarzer – haben dabei meist keine gute Figur gemacht. Der Titel der “Maybrit Illner”-Talkshow heute Abend lautet “Schote, Zote, Herrenwitz – ist jetzt Schluss mit lustig?” Man muss fürchten, die Antwort lautet: nein.

Eine positive Ausnahme gab es: In „Panorama 3“ im NDR erzählten drei gestandene TV-Redakteurinnen, u.a. Hanni Hüsch, ganz konkret und offen über ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung und auch den zweifelhaften Ruf, den Rainer Brüderle in dieser Hinsicht unter Journalistinnen genießt. Außerdem gaben zwei junge Auszubildende ausführlich und ungeschminkt Auskunft über ihre tatsächlichen Begegnungen mit Alltags-Sexismus im Berufsleben. Diese paar Minuten an O-Tönen von betroffenen Frauen waren deutlich erkenntnisreicher als das stundenlange Sprücheklopfen bei Lanz und Co.

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