Dschungel-Kritik: Zorn der Selbstgerechten

Jetzt ist es also passiert. Das berüchtigte Dschungelcamp, die RTL-Sendung “Ich bin ein Star - holt mich hier raus!”, das Ekel-Trash-TV per se, der Format-gewordene Untergang des Abendlandes und aller Länder, die noch kommen, wurde für den heiligen Gral des Qualitäts-Fernsehens nominiert: den Grimme Preis. Die Nominierung schlug hohe Wellen in Medien und Social Web. Für selbstgerechte Qualitäts-Apostel ist diese Nominierung ein Stachel im Ego-Fleisch.

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Man kann sich ungefähr vorstellen, was zum Beispiel Matthias Kalle vom Tagesspiegel von der Nominierung des Dschungelcamps für den Grimme Preis in der Kategorie Unterhaltung halten muss: ungefähr nichts. Kalle ist ein Kritiker, der sich über jene erhebt, die die Sendung machen oder gut finden. Wer etwas anderes behaupte, als dass das Dschungelcamp abgrundtief schlecht sei, “der lügt entweder oder der hat keine Ahnung vom Fernsehen, wahrscheinlich beides”, schrieb er in Radikalinski-Manier. Wohlgemerkt beim Tagesspiegel, einem Medium, das es sich seinerseits nicht nehmen ließ ebenfalls eine sechzehnteilige Artikel-Serie zur TV-Sendung unter der Rubrik “Dschungelbuch” zu veröffentlichen.

Bei der Welt griff Feuilleton-Redakteurin Iris Alanyali in die Tasten und fragte sich und die Leser, warum dieses Dschungelcamp denn nun preiswürdig sein soll. In einer halsbrecherischen Argumentations-Volte erläutert sie, dass das Dschungelcamp eigentlich nur deshalb nominiert werden kann, weil die Grimme-Vorjury damit das Lebenswerk des verstorbenen Moderators Dirk Bach würdigen will und dass darum quasi im Endeffekt der Tod himself einen Preis für Unterhaltung bekommen soll: “So aber hat die Nominierung einen üblen Beigeschmack: Wenn das Ereignis von Dirk Bachs Tod der Grund für die Nominierung des Dschungelcamp ist, so bekommt, könnte man sagen, sein Tod den Grimme-Preis, ausgerechnet in der Sparte Unterhaltung. Das allerdings wäre wirklich ein Grund zur Aufregung.” Ein Unterhaltungs-Grimme für Freund Hein. Hierzu wäre folgende Anmerkung angebracht: Hä!?

Und im “Meinungs-Medium” der Freitag erklärt Daniel Martienssen, mit der Nominierung des Dschungelcamps eine “Grenze für überschritten”. Die Nominierung sei gar – schockschwerenot! – ein “Skandal”. Er schafft das feuilletonistische Glanzstück, gleich in den ersten Zeilen seines Empörungs-Aufsatzes die Begriff “Dystopie” sowie “faschistoide Elite” unterzubringen und das Dschungelcamp damit in eine Regalecke wie den Tennie-SciFi-Reißer “The Hunger Games” zu stellen. Warum das so schrecklich sein soll, bleibt im Diffusen. Das Dschungelcamp, so schreibt er weiter, sei ein Mosaikstein für eine verrohte Gesellschaft. Mithin der Anfang vom Untergang unseres schönen, schlauen Abendlandes. Und wenn der liebe Kollege beim Freitag erklärt, die gruppendynamischen Prozesse beim Dschungelcamp würden sich “kaum von einer Reality-Show mit Laiendarstellern auf RTL 2” unterscheiden, dann muss man sich fragen, ob er das Dschungelcamp überhaupt jemals geschaut hat.

Auch bei Twitter, wo sich die Fans des Dschungelcamps sonst gerne und intensiv über aktuelle Vorkommnisse in der Show austauschen, sorgte die Nachricht von der Grimme-Nominierung für eine Reihe von erwartbaren Späßchen einer selbst ernannten Intelligenzija. Vom “Bushido-Bambi” war da die Rede oder davon, dass nun Lothar Matthäus bald “den Nobelpreis” gewinnen könne. Adolf Grimme rotiere in seinem Grab, war zu lesen, bzw. er sei für das Camp nominiert, bzw. “Adolf würde sich im Grab umdrehen, wenn er diesen #RTL Scheissdreck sieht”.

Eine wirklich differenzierte Analyse der zurückliegenden Dschungel-Staffel lieferte ausgerechnet Dschungel-Autor Jens-Oliver Haas in diesem Interview mit Stefan Niggemeier. Haas empfahl sogar, die Show nun pausieren zu lassen, um das Format zu schonen. So viel Reflexion sucht man bei den Kritikern der Show vergebens. Wer das Interview liest, müsste erkennen, mit wieviel Verstand und – ja – Sensibilität die Macher beim Dschungelcamp an die Arbeit gehen. Da sind offenbar Menschen am Werk, die ihren Job und gutes Unterhaltungsfernsehen lieben. Die selbstgerechten Empörungsrituale über die Show dienen letztlich nur dazu das Ego der Empörten ein wenig zu polieren.

Hoffentlich gewinnt “Ich bin ein Star” den Grimmepreis. Die Show und ihre Kritiker hätte es verdient!

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