“Noch mehr zu arbeiten, ist nicht drin”

Publishing Zeitungssterben, Entlassungswellen, miese Arbeitsbedingungen. Wer will heutzutage eigentlich noch Journalist werden? Bei einer Veranstaltung der Deutschen Journalisten-Union zum Thema “Zeitungslandschaft NRW im Wandel” riet der renommierte Zeitungsforscher Horst Röper vom Dortmunder Formatt Institut jungen Leuten davon ab, Journalist zu werden: “Tut Euch diesen Beruf nicht an!”. MEEDIA sprach mit Röper über seinen Appell und darüber, wie schlimm es um den Beruf tatsächlich steht.

Werbeanzeige

Sie sind gerade zitiert worden mit den Worten „Journalismus ist nicht mehr erstrebenswert. Ich rate allen: Tut Euch diesen Beruf nicht an!“ Haben Sie das ernst gemeint?

In der Tat sehe ich die Veränderungen, die im Journalismus in den vergangenen Jahren stattgefunden haben, sehr kritisch. Wir haben immer mehr Funktionskopplungen zu Ungunsten der Redakteure. Wir haben ein immer stärker verdichtetes Arbeitsfeld. Und wir haben ein sehr ausgedünntes Berufsfeld, weil in vielen Unternehmen Redakteursstellen und journalistische Arbeitsplätze gestrichen worden sind. Zudem wird die Bezahlung durch Tarifflucht, Leiharbeit und ähnliches schlechter.

Will heißen: Immer weniger Journalisten müssen immer mehr machen?

In der Tat. In den besten Zeiten, so um das Jahr 2000, hatten wir bei Tageszeitungen rund 15.000 Journalisten. 2011 waren es noch 13.000. Das zeigt, wie sehr die Arbeitsplätze ausgedünnt werden. Die Zeitungen selbst werden aber nicht unbedingt dünner. Da müssen die verbliebenen Redakteure für jene, die nicht mehr da sind, mit arbeiten.

War früher wirklich alles besser? Journalisten haben doch schon immer geklagt, dass sie zu wenig Zeit haben und zuviel arbeiten müssen.

In diesem Fall lässt sich das aber anhand von Zahlen nachvollziehen. Das Berufsfeld für Journalisten in Medien ist kleiner geworden. In der PR dagegen sind die Stellenangebote für Journalisten in den vergangenen Jahren stets gewachsen.

Hat das auch mit der Digitalisierung zu tun?

Klar hat das auch mit der Digitalisierung zu tun. Im Grunde hat diese Tendenz aber schon früher begonnen, nämlich Anfang der 80er Jahre mit der Elektronisierung der Produktion im Journalismus. Damals sind ganze Berufssparten, die den Journalisten zu- oder nachgearbeitet haben, weggefallen. Zum Beispiel Setzer oder Metteure. All diese Arbeiten sind in die Redaktionen hinein verlagert worden. Wir haben es dort nun mit erheblichen Funktionskopplungen zu tun. Später kam dann die Mehrfachverwertung von journalistischen Produkten über neue Transportwege hinzu, vor allem natürlich durch das Internet. Heute kommen mobile Anwendungen wie Apps dazu. Damit ist der so genannte Echtzeit-Journalismus aufgekommen, der nichts anderes bedeutet als extremer Aktualitätsdruck.

Gibt es auch etwas, das heute im Journalismus besser ist als früher?

Klar. Beispielsweise, dass heute Vertriebskosten speziell beim Internet so gering sind, dass neue, auch semi-professionelle Medien-Angebote entstehen. Im Tageszeitungsjournalismus ist das undenkbar, im Zeitschriftenmarkt gibt es Innovationen, die sind aber mit hohen Investitionen verbunden. Das ist im Internet anders. Da kann sich Jemand mit einer eigenen Website an die große Öffentlichkeit wenden, ohne dass dafür ein nennenswerter Startbetrag benötigt wird.

Meinen Sie, dass wir eine Deprofessionalisierung von Journalismus erleben?

Soweit würde ich nicht gehen. Aber neben den journalistischen Profis tummeln sind nun eben zusätzlich auch Semi-Professionelle oder Amateure.

Sind die Journalisten an der prekären Lage auch selbst mit schuld?

Sicher trägt der eine oder andere für seinen beruflichen Werdegang Verantwortung. Aber die Arbeitslosigkeit unter Journalisten ist nun einmal groß. Die inoffizielle Arbeitslosigkeit unter Journalisten ist sogar noch viel größer, als es offizielle Zahlen vermuten lassen. In diesem Heer an freien Journalisten verbirgt sich viel verkappte Arbeitslosigkeit. Das versaut die Preise. Seit Jahren gibt es tariflich feste Vereinbarungen auch für freie Journalisten. Nur an die hält sich fast niemand.

Das war aber schon immer so.

Na ja. Wenn sie sehr weit zurückgehen gab es Zeiten, da haben zum Beispiel bei öffentlich-rechtlichen Sendern die freien Journalisten das große Geld verdient und festangestellte Redakteure ein relativ geringeres Gehalt bekommen. Das hat sich heute komplett gedreht.

Müssen Journalisten damit leben, in Zukunft mehr zu arbeiten und weniger zu verdienen?

Das will ich nicht hoffen. Noch mehr zu arbeiten, ist in diesem Berufsstand nicht drin. Es gibt schon jetzt eine hohe Zahl an Überstunden. Noch mehr würde dem Berufsstand nicht gut tun und auch nicht den Medien.

Wenn man sich nicht an Ihren Rat hält und trotz aller Probleme immer noch Journalist werden will – was sollte man tun?

Das ist eigentlich eine Binse: Ich würde zu einer möglichst gediegenen, multimedialen Ausbildung raten. Sich einseitig für nur ein Medium auszubilden, ist heute nicht mehr angemessen.

Wollen die jungen Leute heute überhaupt noch Journalist werden – sind Medien noch sexy?

Das berühmte „was mit Medien“ machen ist sicher immer noch aktuell. Das muss aber nicht zwangsläufig etwas mit Journalismus zu tun haben. Es gibt mittlerweile erste Anzeichen dafür, dass dieser immens hohe Andrang im journalistischen Ausbildungsbereich ein wenig zurückgeht. Wir haben in aller Regel immer noch hohe Bewerberzahlen aber man hört von den ersten Unternehmen und Journalistenschulen, dass die Bewerberzahlen rückläufig sind.

Ist es nicht seltsam, dass Online-Journalismus bei vielen jungen Leuten, die in den Journalismus drängen, nicht oben auf dem Wunschzettel steht?

Im Onlinejournalismus wird eben in der Regel schlechter bezahlt. Auch multimedial agierende Unternehmen zahlen im Print-Bereich oft noch Tarif, im Online-Bereich aber nicht. Da sind die jungen Leute gar nicht so dumm, wenn für sie Online nicht oberste Priorität ist.

Liegt das wirklich nur am Geld?

Natürlich gibt es in Medien auch klare Hierarchien. Fernsehen rangierte schon immer vom Image her ganz weit oben, das Anzeigenblatt ganz weit unten. Wo Online da einzusortieren ist, vermag ich nicht zu sagen.

Werbeanzeige

Mehr zum Thema

Nach veröffentlichter Wulff-Nachricht: massive Bild-Kritik bei Facebook

Zeitmagazin launcht Sonderheft Zeitmann

Nach Ablehnung von Frauke Böger: Rieke Havertz wird Chefin von taz.de

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*