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Hitlers Uhr: Tickt der Spiegel noch richtig?

Mit seinem aktuellen Titel “Hitlers Uhr - Deutschlands Geheimnis” hat der Spiegel die Grenze zur Realsatire überschritten. Ein Hauch von “Schtonk” weht über das Titelbild - jener genialen Film-Satire über die gefälschten Hitler-Tagebücher, denen einst der stern aufsaß. Die im aktuellen Spiegel vorgeführten Nazi-Schätze sind sicherlich echt. Genauso echt wie die seltsame Begeisterung der Redaktion über NS-Devotionalien von Hitlers Uhr über Görings Geweihe bis zu Hitlers Pistole.

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Ein “moralisches Desaster” will der Spiegel hier aufgedeckt haben. Die Formulierung fällt gleich mehrfach, mutmaßlich um damit die fast kindliche Begeisterung beim Aufstöbern von geheimen Nazi-Schätzen zu rechtfertigen. Gemeint ist mit dem “Desaster”, dass viele wertvolle (und auch nur skurrile) Stücke aus Nazi-Besitz heute in Depots von Museen und Regierungen weggesperrt sind und sich nach Ansicht des Spiegel niemand darum kümmert. Dass mit der Hinterlassenschaft der Nazi-Größen vielleicht nicht korrekt umgegangen wurde, dass Gelder nicht sinnvoll verwendet wurden – das mag alles sein. Aber diese herausgestellten Indiana-Jones-Spielereien des deutschen Nachrichtenmagazins wirken trotzdem befremdlich.
“Auf der Rückseite des Gehäuses prangt eine Gravur mit handschriftlichem Namenszug: ‘Zum 6.2.1939 herzlichst A.Hitler’.” So wird gleich zu Beginn mit ehrfürchtigen Worten jene Uhr beschrieben, die Hitler seiner Geliebten Eva Braun zum 27. Geburtstag schenkte. “Hitlers Uhr”, weniger ein Sinnbild für das “geheime Deutschland” wie der Spiegel meint, sondern für die auch schon viel zitierte Banalität des Bösen. Später kommt auch noch – shocking – “Hitlers silbernes Essbesteck” vor. Spiegel TV sekundiert mit “Hitlers Pistole”, mit der er sich – oh, morbides Faszinosum –  umgebracht haben soll.
Egal wie belanglos ein Alltagsgegenstand (Görings Zigarettendose) an sich auch sein mag – klebt man das Etikett “Hitler” oder “Nazi” drauf, wird es offenbar mit Geschichte beatmet. Sogar auf Hermann Görings Geweihsammlung (!) stieß der Spiegel bei seiner Nazi-Pirsch. In einem Begleit-Video der Digitalausgabe erklärt der zuständige Redakteur Steffen Winter, dass Görings Geweihe nun in einem Jagdmuseum in Bayern hängen. Inklusive Videobeweis mit einer arglosen Schulklasse, die nichtsahnend unter den Geweihen des Bösen sitzt und einen Film guckt.
Der Spiegel kann froh sein, dass Konrad Kujau, der Fälscher der Hitler-Tagebücher, schon lange tot ist. Nicht auszudenken, was der noch alles an Hitler-Accessoires in seinen Schatullen gehabt hätte. Während halb Deutschland über Sexismus debattiert, wühlt der Spiegel bis zu den Ellenbogen in ollen Kisten mit Nazi-Schätzen.  Und das, obwohl das Magazin in vergangenen Woche das Thema mit einem Artikel von Annett Meiritz selbst angestoßen hatte. Das ist weniger ein moralisches Desaster als eine blattmacherische Bankrotterklärung.

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