Fall Brüderle: dahin gehen, wo es wehtut

Publishing Aus der Debatte rund um die Entgleisung des FDP-Spitzenpolitikers Rainer Brüderle und den alltäglichen Sexismus können Medien etwas lernen: Wir brauchen mehr Tabubrüche. Gerade im verkrusteten Politikjournalismus sollte der Tabubruch zum Normalfall werden. Viel zu sehr haben wir uns an die Kumpanei zwischen Korrespondenten und Funktionären gewöhnt. Mit dem Thema Sexismus in der Politik hat der stern mit den falschen Mitteln eine richtige Debatte losgetreten.

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Das Thema Sexismus in Politik und Alltag beschäftigt Medien und Menschen. Bei Twitter und Facebook türmen sich die Kommentare. Blog-Beiträge mit Erfahrungsberichten und Meinungen zum Thema werden wie wild verlinkt. Bei Twitter veröffentlichen Männer und Frauen unter dem Hashtag #Aufschrei ihre Erfahrungen und Meinungen zu Sexismus im Alltag. Medien greifen das Thema auf. Als nächstes dürften die TV-Talkshows auf den mit Volldampf rollenden Debatten-Zug aufspringen. Und der stern, der die Debatte ausgelöst hat, steht bedröppelt da, wird von vielen als Buhmann verspottet.

Der Grund: Die stern-Reporterin Laura Himmelreich hat den Vorfall mit dem aufdringlichen FDP-Politiker erst über ein Jahr zu spät aufgeschrieben und als bunten Einstieg für ein ansonsten konventionelles Brüderle-Porträt genutzt. Die eigentliche Debatte wurde online ausgelöst. Bei stern.de veröffentlichten Franziska Reich und Andreas Hoidn-Borchers von der Berliner stern-Redaktion das Stück “Der spitze Kandidat” mit einer ganz anderen Tonalität und ganz anderem Schwerpunkt als im Print-Stück. Hier wurde der Sexismus-Vorwurf gegen Brüderle erhoben und die Berichterstattung darüber gleichzeitig zum Tabubruch erklärt.

Darüber hinaus wurden weitere Fälle von Aufdringlichkeiten von Politikern anonymisiert genannt. Mittlerweile hat stern-Chefredakteur Thomas Osterkorn die Berichterstattung des Magazins verteidigt (“Junge Journalistinnen sind kein Freiwild”), und bei stern.de wurde nachgelegt, inklusive Medienschau und einem weiteren Artikel zum Thema Sexismus im Alltag inklusive Erfahrungsbericht.

Sexismus im Alltag und in der Politik ist offenbar ein Thema, das viele bewegt. Und im Prinzip würde man sich als Leser wünschen, dass solche Themen viel öfter deutlich und meinungsstark von Medien aufgegriffen würden. Und nicht nur als Einstieg zu einem Politiker-Porträt. Stattdessen gerieren sich Politiker und Journalisten als Angehörige ein und derselben Klasse, eine Art politisch-medialer Komplex. Das geht in der höchsten Ausbaustufe so weit, dass Journalisten ganz geschmeidig von den Medien in die Politik wechseln, wie der heutige Regierungssprecher und frühere ZDF-Journalist Steffen Seibert, und sogar wieder zurück. Wie der frühere Bild-Journalist und spätere Regierungssprecher Béla Anda, der mittlerweile wieder zurück in der Bild-Chefredaktion ist. Das Spitzenpersonal dieses politisch-medialen Komplexes ist offenbar so austauschbar wie große Teile der Berichterstattung.

Auch darum findet die Brüderle-Debatte so eine gewaltige Resonanz. Sie ist tatsächlich ein Tabubruch in dem Sinne, dass hier eben keine Nähe zum politischen Personal gesucht wird. Man geht dahin, wo es weh tut. Allerdings auch “nur” bei einem wie Rainer Brüderle, einem Politiker, der von vielen Medien ohnehin nur noch als harmlose Witzfigur gesehen wird. Bei einem echten politischen Alphatier gäbe es größere Beißhemmungen. Zu groß wäre die Angst, dass man dann kein Interview mit dem Großkopferten und seinen vielen Freunden mehr bekommt, dass man beim nächsten Hintergrundgespräch draußen vor der Tür bleiben muss oder der Anruf mit den scheinbar so exklusiven Infos ausbleibt, mit denen man in der Redaktion punkten und an der eigenen Karriere basteln kann. Was wir brauchen im Politikjournalismus ist generell weniger Rücksicht. Distanz zur Politik, Nähe zum Leser ist das Gebot. Das Umgekehrte wird leider allzu häufig praktiziert.

So hat der Stern in der Tat mit dem Thema Sexismus in der Politik mal wieder eine echte und relevante Debatte angestoßen – aber eben mehr losgestolpert als -getreten. Wäre das Anstoßen der Debatte überlegt gewesen, hätte das Magazin ja “Unsere spitzen Politiker” auf den Titel packen können. Das das nicht erst jetzt, sondern schon vor einem Jahr. Wenigstens zeigt der Fall Brüderle, dass Medien noch etwas bewegen könnten, wenn sie nur wollten und den Mut aufbrächten, dahin zu gehen wo es wirklich wehtut. Und damit ist nicht das nächste Schnitzelessen mit dem Herrn Staatssekretär im Borchardt gemeint.

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