Apples Wendepunkt: Abstieg vom Olymp

Der Tag X ist da: Apples phänomenale Erfolgsgeschichte an der Börse ging gestern krachend zu Ende. Die meisten Medien wundern sich über das scheinbare Paradoxon von Rekordergebnissen und einem epochalen Kurssturz von 64 Dollar. Ihnen entgeht die eigentliche Botschaft: Es könnten Apples Abschiedszahlen an der Spitze gewesen sein. Es dürfte nun nämlich schwer werden, eine Bilanz wie gestern noch einmal zu überbieten. Schon im laufenden Quartal droht ein zweistelliger Gewinneinbruch. Der Abstieg vom Olymp hat begonnen.

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Der Tag X ist da: Apples phänomenale Erfolgsgeschichte an der Börse ging gestern krachend zu Ende. Die meisten Medien wundern sich über das scheinbare Paradoxon von Rekordergebnissen und einem epochalen Kurssturz von 64 Dollar. Ihnen entgeht die eigentliche Botschaft: Es könnten Apples Abschiedszahlen an der Spitze gewesen sein. Es dürfte schwer werden, eine Bilanz wie gestern noch einmal zu überbieten. Schon im laufenden Quartal droht ein zweistelliger Gewinneinbruch. Der Abstieg vom Olymp hat begonnen.

Der 23. Januar 2013 dürfte als Wendepunkt in die fast 37-jährige Unternehmensgeschichte von Apple eingehen: Die Zeitenwende von Cupertino hat begonnen. Natürlich sieht es danach beim ersten Blick auf die jüngste Konzernbilanz nicht aus. 13,1 Milliarden Dollar in 92 Tagen verdient. 48 Millionen iPhones und 23 Millionen iPads verkauft.

Wie steht das im Verhältnis zu den erdrutschartigen Kursverlusten von gestern mit 64 Dollar oder mehr als 12 Prozent, die fast 60 Milliarden Dollar Börsenwert ausradierten? "Die spinnt doch, die Wall Street", lautet das überwältigende Echo gestern in den sozialen, aber auch traditionellen Medien. Böse, zynische Börsianer.

Die einzige Währung, die an der Börse zählt, ist die Zukunft

Was vielen beim scheinbaren Paradoxon jedoch entgeht: Die Börse war nie 1:1 das Abbild der aktuellen Wirtschaftsentwicklung. Im Gegenteil: "Die Börse benimmt sich oft wie ein Alkoholiker; auf gute Nachrichten weint sie, auf schlechte lacht sie", hatte die Anlagelegende André Kostolany das Wesen der Aktienmärkte schon vor vielen Jahrzehnten treffend beschrieben. Das Bonmot ist bei Apple aktueller denn je.

Vor allem ist die einzige Währung, die an der Börse wirklich zählt, die Zukunft. Die Gegenwart ist längst in den Kursen eingepreist und interessiert Anleger nicht mehr – was Kurse treibt, ist ausschließlich die Erwartung der Zukunft. So kommt es, dass Apples Rekordzahlen zunächst wirkungslos verpufften, und in dem Augenblick, als der Blick Richtung Zukunft gewandt wurde, eine fast panikartige Verkaufswelle einsetzte.

Tim Cook verschreckt die Wall Street

Verantwortlich ist dafür in erster Linie Tim Cook, der in diesen Tagen sein persönliches Waterloo erlebt. Cook mag zwar ein Meister der Produktionsoptimierung sein – mit den Gepflogenheiten der Wall Street ist der neue Apple-CEO indes offenbar überfordert und kann die Börse nicht begeistern.

Im Gegenteil: Er verschreckt die Wall Street und hat mit seiner Entscheidung, den Gewinnausblick zu kassieren, aber auch der haarsträubenden Kommunikation zu künftig "realistischeren Prognosen", komplett verbrannte Erde hinterlassen – der Löwenanteil der Kursverluste ging gestern auf den Investor Relations-GAU zurück.

Kein Gewinnausblick mehr: Warum schweigt Apple?

Was das Apple-Management damit nämlich implizit sagt, sind zwei Dinge, die Anleger extrem verunsichern:

1.) ‚Wir geben keinen Gewinnausblick mehr, weil wir nicht eingestehen wollen, wie hässlich es aussieht’, wie es der Business Insider gestern paraphrasierte. Das ist die Lesart, die sich bei vielen Anlegern nun durchsetzten dürfte – besonders nach den vielen negativen Gerüchten der vergangenen Monate, die Apple damit unfreiwillig noch mal befeuert. Denn wenn es nichts zu verbergen gäbe, warum wird dann plötzlich geschwiegen?

2.) Das Investor Relations-Desaster machte ausgerechnet Apple-Veteran Peter Oppenheimer perfekt, als der Finanzchef dann noch in der Telefonkonferenz erklärte, man werde beim Ausblick künftig einen realistischeren Ansatz wählen. Was bedeutet: Die Zeit der positiven Überraschungen und Kursfantasie ist vorbei. Realistisch bedeutete das gestern: Gewinne und Umsätze im laufenden Quartal werden sehr deutlich unter dem liegen, was die Wall Street erwartet hatte.

Apples Gewinne dürften im laufenden Quartal zweistellig fallen

Der vermiedene Gewinnausblick wird damit lediglich zum Rechenexempel, das jeder Anleger selbst durchspielen kann. Und es sieht alles andere als gut aus: Bei einem angenommen Umsatzmittelwert von 42 Milliarden Dollar und einer angenommenen Bruttomarge von 38 % würde der Gewinn je Aktie bei knapp 10,50 Dollar liegen – am unteren Ende von Apples eigenen Erwartungen sind es gar deutich weniger als 10 Dollar je Anteilsschein.

Da der Ausblick nun keinen Raum mehr für positive Überraschungen bietet, hat Apple gestern damit die eigentliche Bombe extrem verklausuliert formuliert: Erstmals seit neun Jahren werden sich die Gewinne wieder rückläufig entwickeln, das ist nun so gut wie sicher. Und das gleich sehr deutlich – nämlich zweistellig: Ein erwarteter Gewinn je Aktie in Höhe von 10,50 Dollar steht nämlich einem Vorjahresergebnis von 12,30 Dollar gegenüber – das sind 15 Prozent weniger. Rund eine Milliarde Dollar dürfte Apple mindestens in diesem Quartal weniger verdienen als im Vorjahr.

Tim Cook hat seine Trümpfe ausgereizt

Das sind zu große Dimensionen, um sie als einen Ausrutscher abzutun. Tatsächlich weisen die letzten Quartale eine deutliche Entwicklung auf: Nur mit großem organisatorischen Geschick hat Tim Cook den Tag X noch einmal um ein halbes Jahr aufgeschoben.

Das September-Quartal rettete er mit dem Verkaufsstart des iPhone 5 in der letzten Septemberwoche, das Weihnachtquartal mit dem vorgezogenen Verkaufsstart des iPhone 5 in China in den letzten Wochen des Jahres, ohne den die gestrige Bilanz mit geschätzt 3-4  Millionen weniger verkauften iPhones zum Desaster geworden wäre.

Doch genau die fehlen Tim Cook nun. Ein Grund für die starken Vorjahresergebnisse war schließlich die vollständige Einführung des iPhone 4S im ersten Kalenderquartal 2012. Cook hat alle Trümpfe gespielt, der zweistellige Absturz lässt sich nun nicht länger vermeiden.

Rekordgewinne in letzter Minute: Abschiedszahlen auf dem Olymp

Doch auch die jetzt vorliegende Konzernbilanz macht zwischen den Zeilen deutlich, dass der Abstieg unwiderruflich begonnen hat. Nur mit größtmöglichem Aufwand konnte Apple noch einmal die Rekordergebnisse des vergangenen Jahres um 12 Millionen Dollar toppen – also buchstäblich auf den allerletzten Metern, in den allerletzten Minuten des Geschäftsjahres 2012.

13,078 Milliarden Dollar in 92 Tagen: Der nochmalige Rekordgewinn liest sich beeindruckend, es ist der höchste, der in der Technologiebranche je erzielt wurde, tatsächlich der vierthöchste Wert der Wirtschaftsgeschichte. Nur drei Ölmultis, allen voran Gazprom, haben in den letzten Jahren mehr verdient.

Doch im vermeintlichen Jubel über den nochmaligen Rekord, der beim Gewinn je Aktie auch schon keiner mehr war, geht unter, wie extrem groß der Aufwand war, den Apple dafür erbringen musste. 8,3 Milliarden Dollar mehr mussten umgesetzt werden, um gerade mal 12 Millionen Dollar mehr zu verdienen als im vergangenen Jahr? Der beunruhigende Einbruch der Gewinnmarge legt nahe, dass es Abschiedszahlen auf dem Olymp gewesen sind.

Doug Kass sagt deutlich rückläufige Gewinne voraus

Wenn Apple nicht schnell ein neues iProdukt auf den Markt bringt, das an die Erfolge von iPhone und iPad anknüpfen kann, scheint der Abstieg vorprogrammiert, zu groß ist die Margenerosion und zu aussichtslos der Kampf, den Gewinnrückgang mit billigeren Produkten aufzuhalten. Die Folgen hat der Vermögensverwalter Doug Kass bereits in seinen Überraschungen für das Börsenjahr 2013 vorausgesagt: Apples Gewinne könnten sich rückläufig entwickeln und der Jahresgewinn auf nur noch 40 Dollar je Aktie fallen.

Es kann ein langer, zermürbender Weg nach unten werden.  Apple steht an der Börse das Microsoft-Schicksal bevor: Der Zenit ist überschritten, aus der Aktie die Luft raus. Zwar verfügt der Techpionier inzwischen über bemerkenswerte 137 Milliarden Dollar in bar, aber auch Microsoft sitzt auf einem Geldberg von inzwischen 50 Milliarden Dollar, ähnlich groß im Verhältnis zum Börsenwert – für neue Fantasie hat das bei Anlegern nie gesorgt. "Geld schießt keine Tore", sagt man im Fußball so gerne – Geld macht offenbar auch keine Kurse.

Geldvernichter Apple: Die schlechteste Aktie der USA

Mehr denn je ist Apple nun zu Innovationen verdammt. Wenn Tim Cook nicht als der CEO in die Geschichte eingehen will, der den wertvollsten Konzern der Welt – und damit das Erbe von Steve Jobs – in Rekordzeit zum langweiligen Tech-Dinosaurier hat verkommen lassen und als Investment ruiniert hat, muss er jetzt handeln – und zwar in Form von Produkten, nicht PR-Floskeln.

"Wetten Sie nicht gegen uns", versuchte Cook gegenüber NBC-Chairman Brian Williams im Dezember noch Zweckoptimismus zu verbreiten. Es wäre eine der einträglichsten Wetten der vergangenen Jahre gewesen: Mit Kursverlusten von mehr als 15 Prozent seit Jahresanfang ist Apple 2013 mit weitem Abstand die schlechteste Aktie der USA. Mehr Abstieg geht im Moment nicht.

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