Riesen Twitter-Echo auf Lustmolch-Debatte

Publishing Seit der Nacht zum Freitag werden die Timelines auf Twitter von Beiträgen, die mit dem Hashtag #Aufschrei versehen sind geflutet. Das ist doppelt bemerkenswert: Unzählige Frauen berichten deutschlandweit über sexuelle Belästigung und verschaffen sich so Gehör. Zudem zeigt die Aktion aber auch, dass das Problem viel größer ist, als bisher dargestellt wurde. #Aufschrei könnte die größte politisch-gesellschaftliche Bewegung sein, die Deutschland bislang auf Twitter erlebte.

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Seit dem stern-Artikel von Laura Himmelreich über Rainer Brüderle wird in Deutschland an vielen Orten wieder über alltäglichen Sexismus diskutiert. Patricia Dreyer veröffentlichte auf Spiegel Online einen Kommentar mit dem Titel "Stopp!". Tenor: Die Sexismus-Frage sollte nicht auf Brüderle oder die Politik beschränkt werden, sondern weiter gefasst und diskutiert werden. Einen Ansatz für diesen Wunsch kann man derzeit auf Twitter finden.
Auslöser ist ein weiterer Beitrag. Maike Hank bloggte am gestrigen Donnerstag auf kleinerdrei.org den Text "Normal ist das nicht!". Darin beschreibt sie aus persönlicher Perspektive, wie sie mit Sexismus im Alltag zu kämpfen hat. Gegen Ende ihres Textes schreibt sie:
"Laura Bates, Betreiberin der Seite everydaysexism.com, hat eine Aktion ins Leben gerufen, mittels des Hashtags #ShoutingBack Street Harassment auf Twitter sichtbar zu machen und so verbal zurück zu schlagen. Was hält uns davon ab, dort mitzumachen? Ebenso denkbar wäre es, einen deutschen Hashtag ins Leben zu rufen."
Am Abend darauf twitterte die Nutzerin @vonhorst Beispiele, die ebensolche Fälle behandelten.
"Bewogen hat mich der Artikel von @ruhepuls, deren Glaubwürdigkeit in den Kommentaren angezweifelt wurde, es sogar in Frage gestellt wurde, dass sexuelle Übergriffe eine alltägliche Erfahrung von Frauen seien, dass Daten, nicht Geschichten verlässlich seien", schildert die Nutzerin, die mit bürgerlichem Namen Nicole von Horst heißt, ihre Beweggründe gegenüber MEEDIA. Sie habe über eigene Erfahrungen nachgedacht sowiedie Scham, davon zu erzählen, weil einem nicht geglaubt werden könnte. Ihre Kurzmitteilungen klangen dann zum Beispiel so:
"Die vielen Männer, die mich anstarrten oder eklig ansprachen, als ich in Gothic-Kleidung an eine Wand gelehnt auf eine Verabredung wartete."
oder
"Bei allem das Gefühl, es nicht erzählen zu können, weil ich irgendwie beteiligt war, mich nicht abgrenzte. Schämen und selbst schuld sein."
Daraufhin regte Nutzerin @marthadear zur Bündelung solcher Beiträge das Hashtag #Aufschrei an – und eine Bewegung wurde geboren. Nach und nach schlossen sich immer mehr Nutzerinnen und auch Nutzer an und berichten seitdem mit dem Schlagwort über Sexismus in ihrem Alltag. Die Fälle sind vielfältig. Und es sind viele. Das #hashtag ist seit Stunden trending topic, derzeit das meistverwendete im deutschsprachigem Web. Es wird kaum Nutzer geben, die heute nicht in ihrer Timeline mit vielen Tweets zum Thema konfrontiert werden.
Die Erfinderin des Hashtags, Nutzerin @marthadear heißt eigentlich Anne Wizorek, schreibt ebenfalls für das Blog kleinerdrei.org. Mit einem solch großen Echo hatte sie nicht gerechnet, verrät sie MEEDIA. Erhofft habe sie es sich aber durchaus: "Ich hatte schon lange das Bedürfnis, eine solche Twitteraktion auch für den deutschsprachigen Raum zu sehen. Es gab bereits erfolgreiche und wichtige Vorbilder wie #prataomdet aus Schweden und jüngst auch #shoutingback aus Großbritannien."
Auch ihre Blogger-Kollegin Maike war überrascht: "Es war nicht damit zu rechnen, dass bereits jetzt so viele Fällle aufgeschrieben würden", schreibt sie MEEDIA. Sie berichtet weiter: "Es scheint den vielen Frauen wirklich ein Bedürfnis zu sein, endlich laut zu geben und nach außen zu tragen, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt, sondern um Alltägliches. Das gab es in dieser Form auf Twitter noch nicht. Ich war letzte Nacht überwältigt, allerdings auch ziemlich erschüttert von all den Erlebnissen." 
Sie betont aber auch, es gehe "überhaupt nicht darum, Männer schlecht zu machen. Es geht darum, zu zeigen, wie der Alltag für uns aussieht." Das Feedback der meisten Männer sei auch positiv, wie alle drei Frauen berichten, wenngleich es auch negative Töne gegeben habe. "Wenn ich sehe, wie viele Männer bereits mit wenn auch teils überraschten, doch sensiblen Antworten auf den Hashtag reagieren, dann gibt es mir Hoffnung, dass sie sich in solchen Situationen künftig anders verhalten – also entweder ihr eigenes Verhalten als übergriffig erkennen oder einschreiten wenn sie Zeuge dessen werden", meint Anne Wizorek.
Auch Maike Hank betont: "Ich bin mir sicher, dass solch eine Aktion etwas bewegen kann." Es sei jedoch nun wichtig, die Debatte fortzuführen sowie "den Hashtag zu etablieren und die Tweets auch irgendwo zu bündeln, damit sie nicht – wie sonst üblich – in den Untiefen von Twitter verschwinden." Das sei bereits in Planung. 
Ihren Beitrag habe sie schon länger geplant, die Diskussion um Rainer Brüderle sei nicht der Auslöser gewesen. "Dass gerade jetzt auch wieder einmal in der Öffentlichkeit solche Fälle viel Raum einnehmen ist Zufall – zeigt jedoch, wie allgegenwärtig das Thema ist", meint sie. Kollegin Anne Wizorek betont: "Das Thema ist eigentlich immer aktuell, schließlich geht es um Alltagssexismus und all die Erlebnisse, die wir jeden Tag durchhalten und hinnehmen müssen.". Die derzeitige Debatte helfe, um dem Thema mehr Gehör zu verschaffen In Deutschland sei es "mehr als Zeit für eine ernstzunehmende und nachhaltige Debatte zum Thema Sexismus."

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