Tim Cook verspielt das Anlegervertrauen

Bis zum ersten Jahrestag als CEO sah es so aus, als würde Tim Cook seine Skeptiker Lügen strafen – der langjährige Stellvertreter füllte die übergroße Lücke seines Vorgängers Steve Jobs zunächst souverän aus. In den vergangenen vier Monaten hat Cook jedoch viel Ansehen verspielt: Überraschende Personalrochaden wechselten sich mit weichgespülten PR-Floskeln ab. Spätestens gestern verprellte Tim Cook nun die Wall Street: Seine Initiative, den Gewinnausblick zu kassieren, ist ein krasser Managementfehler und der Hauptgrund für den Kurseinbruch.

Anzeige

Bis zum ersten Jahrestag als CEO sah es so aus, als würde Tim Cook seine Skeptiker Lügen strafen – der langjährige Stellvertreter füllte die übergroße Lücke seines Vorgängers Steve Jobs zunächst souverän aus. In den vergangenen vier Monaten hat Cook jedoch viel Ansehen verspielt: Überraschende Personalrochaden wechselten sich mit weichgespülten PR-Floskeln ab. Spätestens gestern verprellte Tim Cook nun die Wall Street: Seine Initiative, den Gewinnausblick zu kassieren, ist ein krasser Managementfehler und der Hauptgrund für den Kurseinbruch.

Es waren nur Bruchteile von Sekunden, doch sie sagten alles darüber aus, was bei Apple gestern bei Verkündung der jüngsten Konzernbilanz schief lief: Um 22.30 Uhr deutscher Zeit wurden die Geschäftsergebnisse für das abgelaufene Quartal veröffentlicht, und für einen Moment sah es so aus, als würde es doch noch gut gehen für Apple.

Immerhin: Der US-Techpionier hatte, je nach Lesart, Rekordergebnisse vorgelegt. Zwar nach dem Gewinn je Aktie hauchdünn das Vorjahresergebnis verfehlt, in der Gesamtsumme jedoch 40 Millionen Dollar besser gelegen. Vor allem die Schätzungen der Wall Street wurden überboten. So weit, so in Ordnung. Die zuletzt heruntergeprügelte Aktie sprang in den ersten Sekunden des nachbörslichen Handels auf 525 Dollar.

Apples neue "Orientierungshilfe": Nur noch eine Umsatzspanne?

Sekunden später jedoch setzte der freie Fall ein. In diesem Augenblick müssen Anleger gemerkt haben, dass in der Pressemitteilung etwas nicht stimmte. Im unteren Teil tauchten plötzlich verdächtig viele Aufzählungspunkte auf. Darüber heißt es: "Apple gibt folgende Orientierungshilfe für das zweite Quartal im Geschäftsjahr 2013".

Unter der "Orientierungshilfe" – Apples gewohnheitsmäßige Guidance – sind eine Menge neuer Angaben zu finden: Der Steuersatz, die sonstigen Erträge und Aufwendungen, die Aufwendungen für das operative Geschäft, die Bruttogewinnspanne und eine Umsatzspanne.

An dieser Stelle das erste Innehalten: Eine Umsatzspanne? Bisher kannte man solche schwammigen Schätzungen nur von Amazon – bei Apple war man immer eine bis auf die Kommastelle genaue Prognosen gewohnt. Doch da war noch mehr:  das Wichtigste fehlte – die genaue Gewinnprognose je Aktie, an der sich Analysten und Anleger orientierten. Das ist die zweitwichtigste Kennziffer einer Apple-Bilanz.

Problematischer Verzicht auf Gewinnprognose

Tim Cook und Finanzchef Peter Oppenheimer hatten sich entschieden, darauf künftig zu verzichten. Und das in einer Unternehmensphase, in der die Apple-Aktie inzwischen fast täglich von irgendwelchen Gerüchten sturmreif geschossen wird. Apple ist schließlich das dankbarste Opfer: Das Management kommentiert schlicht nichts.

Also bleibt am Unternehmen, vor allem aber an der Aktie, immer etwas hängen. Und nun kassiert Cook auch noch die einzig echte Orientierung für die nächsten drei Monate, die bitternötig gewesen wäre, um absurden Gerüchten, wie sie mittlerweile selbst über das Wall Street Journal lanciert werden, entgegenzutreten?

Steve Jobs wird schmerzlich vermisst

Der Vergleich wurde in den vergangenen Monaten überstrapaziert: Doch wie schmerzlich Steve Jobs bei Apple vermisst wird, lässt in diesen Tagen gar nicht mal an den mutmaßlich fehlenden neuen Produkten ablesen, als vielmehr an der Unternehmensführung.  

Das wurde besonders in der anschließenden Telefonkonferenz deutlich, als Cook die Steilvorlage, endlich die Gerüchte über die Auftragskürzungen bei Zuliefern richtig zu stellen, mehr oder weniger zaghaft verstreichen ließ: "It’s good to question the accuracy the rumor on build plans. The supply chain is very complex", erklärte Cook betont höflich. "Es wäre gut, die Genauigkeit von Gerüchten über unserer Produktionspläne zu hinterfragen. Unsere Zulieferkette ist sehr komplex", war alles, was von Cook im Stile eines Südstaaten-Gentlemen, nicht aber des knallharten CEOs des wertvollsten Unternehmens der Welt zu hören war.

Telefonkonferenz voller Floskeln

Nie wurde der Verlust der Aura von Steve Jobs deutlicher als in diesem missratenen Conference Call, der mit den üblichen Phrasen gespickt war, mit denen sich Cook mühsam durch die vergangenen Keynotes hangelte. Immer wieder PR-ähnliche Lobpreisungen der eigenen Produkte statt vertrauenbildener Maßnahmen für Analysten und Aktionäre.

"Niemand kommt auch nur annährend an das Qualitätsniveau des Retina-Displays heran", gab der Apple-CEO den Analysten mit auf den Weg. Aha. "Das Wichtigste für Apple ist es, die beste Produkten herzustellen und das Leben unserer Kunden zu bereichern." Auch das hat man – praktisch wortwörtlich – von Cook immer wieder gehört.

Dann über zukünftige Produkte: "Wir arbeiten an unglaublichen Dingen. Unsere Pipeline ist zum Überlaufen voll: Ich möchte nicht Bestimmtes hervorheben, aber wir fühlen uns großartig mit dem, was wir in petto haben." Ob das Aktionären nach vier Monaten Vernichtung von Anlegerkapital in Höhe von 235 Milliarden Dollar auch so geht – oder den eigenen Mitarbeiter, deren Aktienprogramme plötzlich unter Wasser liegen?

Finanzchef Oppenheimer löst zweite Verkaufswelle aus

Und dann war da in der Mitte der Telefonkonferenz noch etwas über die zukünftige Orientierung für Aktionäre, die Anlegern im nachbörslichen Handel die Sprache verschlug und eine zweite, noch heftigere Verkaufswelle auslöste: Finanzchef Peter Oppenheimer verkündete, man wolle künftig eine "realistischeren" Ansatz beim Ausblick verfolgen.  

"Realistischer"? Damit bricht Apple unter Tim Cook mit der Tradition der notorisch konservativen Prognosen, die unter Steve Jobs für soviel Kursfantasie gesorgt hatten. Die Praxis des "uPodings" ging so: "Under Promise, over Deliver". Zu deutsch: Wenig versprechen, aber umso mehr halten.

"Realistischer" Ansatz beim Ausblick nimmt Kursfantasie

Der neue Weg bedeutet nun offenbar, dass die Zeit der positiven Quartalsüberraschungen raus ist. Anleger wissen in Form der Umsätze größtenteils, was sie erwartet. Oder eben nicht durch die fehlende Gewinnprognose. "Ich sehe das als Grund für den starken Ausverkauf in der Aktie an", erklärte Vermögensverwalter Doug Kass, der gegenüber der Apple-Aktie seit Monaten extrem kritisch eingestellt und seine Skepsis noch mal vor den Quartalszahlen erneuert hatte.

Die schlimmsten Befürchtungen sind nun wahr geworden – Apple notierte gestern im nachbörslichen Handel bei 457 Dollar auf dem tiefsten Stand seit genau einem Jahr. Ein maßgeblichen Anteil daran fällt auf Tim Cook zurück: Allein in der einen Stunde der Telefonkonferenz verlor die Aktie fast 30 Dollar an Wert.

Es scheint, als hätten Anleger komplett das Vertrauen in den Jobs-Nachfolger verloren, dem ein ganz wichtiges Merkmal seines überlebensgroßen Vorgängers abgeht: Cook kann die Wall Street einfach nicht bei Laune halten.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige