Das verzögerte Lustmolch-Outing im stern

Die Story im aktuellen stern über den FDP-Spitzenkandidaten Rainer Brüderle soll nach eigenen Angaben des Magazins ein “Tabubruch” sein. Die Reporterin Laura Himmelreich erzählt, wie der wein- und redselige Politiker sie vor einem Jahr an einer Stuttgarter Hotelbar plump anmachte. Der stern nutzt die Begebenheit an der Grenze zwischen dem Privaten und Politischen, um die eigene, stotternde Aufmerksamkeitsmaschine ein bisschen zu schmieren. Wer ist hier der wahre Loser?

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Die Sache mit dem stern und dem Brüderle ist so eine vertrackte Einerseits-Andererseits-Geschichte. Einerseits sind wir ja als Menschen alle ein wenig gierig nach Klatsch und Tratsch. Die Geschichte, dass der bekannte Bundespolitiker Rainer Brüderle eine Journalistin reichlich ungeschickt abends an einer Hotelbar anbaggert, die liest man schon mit einem gewissen Interesse. Es menschelt, wenn auch nicht im positiven Sinne. Und natürlich ist das, was der Brüderle da wohl gemacht hat, nicht in Ordnung. Philipp Rösler wäre so etwas jedenfalls nicht passiert.

Andererseits: Was ist denn wirklich passiert – vorausgesetzt, es stimmt alles genauso wie Frau Himmelreich das im stern schilderte: Der FDP-Spitzenpolitiker Rainer Brüderle hat eine Journalistin an der Bar angebaggert, anzügliche Bemerkungen über ihre Oberweite gemacht und wurde dann von seiner Sprecherin ins Bett geschickt. So weit, so jämmerlich für den Politiker. Der Vorfall war für die betroffene stern-Redakteurin und die Redaktion des Magazins über ein Jahr lang nicht erwähnenswert. Das änderte sich nun schlagartig, als der Fraktionschef und verhinderte Rösler-Putschist Brüderle zum FDP-Spitzenkandidaten für die kommende Bundestagswahl ausgerufen wurde.

Für den stern war dies der Anlass, ein Brüderle-Porträt ins Blatt zu nehmen und nun erinnerte Autorin Laura Himmelreich sich auch wieder an jene Nacht vor gut einem Jahr. Wäre doch prima für den Artikel. Die Baggerei Brüderles wird im Print-Artikel als bunter Einstieg und als Rausschmeißer benutzt. Dazwischen wird das Bild eines tumben Provinzpolitikers gezeichnet, der hier und da mit mehr oder weniger anzüglichen Witzchen und Mätzchen auffällt. So soll er u.a. einen Kuh-Euter als “Körbchengröße 90L” bezeichnet haben. Naja. Der stern diagnostiziert: “Der FDP-Hoffnungsträger befindet sich selbst in einem Zustand von Dauererotisierung. Er gefällt sich als Verkörperung des wandelnden Herrenwitzes.” Ein paar Zeilen später heißt es über den angeblich Dauererotisierten: “Rainer Brüderle verhält sich nicht immer wie ein Sexist. Er ist mehr als 30 Jahre mit einer erfolgreichen Volkswirtin verheiratet. Enge Mitarbeiterinnen und lang- jährige Parteifreundinnen reagieren überrascht, wenn man sie fragt, ob ihr Geschlecht bei der Zusammenarbeit eine Rolle spiele. Sie verneinen es und wirken glaubhaft. Wenn es ernst wird, hat Brüderle sich im Griff.” Ja was denn nun? Ist der Brüderle nun ein schlimmer Finger oder nicht?

Wäre der Passus mit Brüderle an der Bar nur in diesem in dieser Frage unentschlossenen Porträt im gedruckten stern erschienen, hätte die Geschichte womöglich gar keine großen Wellen geschlagen. Aber die Sache wurde online vom  stern unter der Überschrift “Der spitze Kandidat” noch einmal deutlich in Richtung Sex und Sexismus gedreht. Plötzlich wurde aus dem Brüderle-Porträt eine Art Präzedenzfall für die verkommenen Sitten in der Politik. Im Online-Vorspann heißt es nun: “Die Begegnung einer stern-Journalistin mit FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle wirft ein Schlaglicht auf den alltäglichen Sexismus in der Politik.” Der Artikel des Print-stern wird online zum “Tabubruch” hochgejazzt. Die Online-Autoren Franziska Reich und Andreas Hoidn-Borchers haben noch mehr gehört. Sie raunen von einem “bieder-braven CDU-Ministerpräsidenten”, der bei zwei Jung-Journalistinnen “den Hirsch” machte und in einer Tempo-30-Zone “angeberisch” zu schnell gefahren sei. Heiliger Bimbam! Außerdem ist die Rede von einem “Parteihäuptling”, der auf einem Fest einer Mitarbeiterin “auf die Pelle” gerückt sei. Und ein “ehemaliger Wirtschaftsminister” soll bei Auslandsbesuchen Frauen in den Botschaften nachgestellt haben.

Wieso werden in diesen Fällen keine Namen genannt? Warum hat die Online-Version der Geschichte einen komplett anderen Dreh als die Print-Story? Und warum wurde der Fauxpas Brüderles gerade jetzt thematisiert und nicht schon vor einem Jahr? Laura Himmelreich beantwortet bei Twitter die Frage nach dem Zeitpunkt der Veröffentlichung damit, dass es relevant sei, dass das "neue Gesicht" der FDP veraltete Klischees lebe. Doch so neu und frisch ist Rainer Brüderle als FDP-Gesicht nun wahrlich nicht. Die Fallhöhe für einen Skandal hätte er schon damals gehabt. Wäre der stern vor einem Jahr mit dem Thema gekommen, verbunden mit weiteren, gut recherchierten Fällen über Sexismus in Politik und Wirtschaft – das wäre eine gute Story gewesen. Aber nun die Brüderle-Bar-Anekdote als Porträt-Farbklecks und hype-geilen Online-Aufreger – das ist schwach.

“Relevanz” aus heiterem Himmel ist keine glaubwürdige Erklärung dafür, warum der stern mit einem Jahr Verspätung hier und heute mit der Geschichte vom Lustmolch Brüderle um die Ecke kommt. Ein chronischer Mangel an öffentlicher Aufmerksamkeit für den stern ist da schon die plausiblere Erklärung. Auf der Facebook-Seite des stern sind bereits über 270 Kommentare zu dem Brüderle-Text aufgelaufen – viele davon äußerst negativ für den stern. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als sei Rainer Brüderle hier der Loser, weil er als Lustmolch geoutet wurde. Der wahre Loser in dieser Debatte ist der stern.

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