Blinkist: Sachbuch-Aggregator für Lesefaule

Sachbücher können, wenn sie mit einem Thema daherkommen, das in der Luft liegt und dazu eine schmissige These bieten, große Durchschlagskraft entfalten. Siehe beispielsweise Malcolm Gladwells "Tipping Point" oder Chris Andersons "Long Tail". Doch werden diese Bücher dann auch wirklich gelesen – oder eignet sich der Leser dann doch nur die wichtigste These an, ohne das Buch komplett durchzuackern? Die App Blinkist bietet Zusammenfassungen in "blinks" an – und führt die Idee von Vorbild GetAbstract weiter.

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Sachbücher können, wenn sie mit einem Thema daherkommen, das in der Luft liegt und dazu eine schmissige These bieten, große Durchschlagskraft entfalten. Siehe beispielsweise Malcolm Gladwells "Tipping Point" oder Chris Andersons "Long Tail". Doch werden diese Bücher dann auch wirklich gelesen – oder eignet sich der Leser dann doch nur die wichtigste These an, ohne das Buch komplett durchzuackern? Die App Blinkist bietet Zusammenfassungen in "blinks" an – und führt die Idee von Vorbild GetAbstract weiter.

Blinkist ist das erste publikumsreife Angebot des Telekom-Inkubators Hubraum. Das Startup wurde im vergangenen Jahr gegründet. Die Telekom bietet Gründern mit Ideen, die zu Hubraum passen, Büroräume in Berlin, Unterstützung durch erfahrene Gründer und nicht zuletzt ein Startkapital von bis zu 300.000 Euro an.
Die kostenlose App selber ist blitzsauber programmiert und designt. Zunächst sucht ein Nutzer aus verschiedenen Sach-Kategorien ein Buch aus, dessen Kernthesen er sich aneignen will. Zum Einstieg sind drei Zusammenfassungen kostenlos, danach kostet eine Zusammenfassung 0,89 oder 1,79 Cent, via In-App-Kauf. Auch ein Buch-Abo für knapp 5 Euro im Monat ist möglich. In der Bibliothek lassen sich die Buch-Aggregate lesen. Ein Blink entspricht ein bis drei Smartphone-Screens. Pro Buch gibt es nicht mehr als elf Blinks.
Zweifelsohne gibt es einen Bedarf für den Service von Blinkist. Der Dienst GetAbstract, der 1999 von dem Schriftsteller Rolf Dobelli mit gegründet wurde, hat das Prinzip, das die Telekom nun "subcompact publishing" nennt, bekannt gemacht. Die Zusammenfassungen von GetAbstract sind allerdings ausführlicher, und der Dienst positioniert sich vor allem bei Geschäftskunden. Populäre Sachbücher, die für "Privatleser" spannend sind, sollen nun die Blinkist-App beflügeln.      
Am Beispiel des Buches "Lean Startup" zeigt sich, dass das Blink-Prinzip relativ schnell entlarvt, ob ein Buch ziemlich banale Ratschläge gibt, oder ob mehr dahintersteckt. So lauten ein Blink des Buches: "Startups brauchen eine andere Art von Management als Konzerne." Ein anderer: "Startups brauchen ein nachhaltiges Geschäftsmodell." Andere Blinks sind schon etwas hilfreicher. Einerseits ist es für den Erfolg eines Sachbuchs entscheidend, dass die These möglichst auf einen Blick (oder blink) einsichtig ist, und dabei trotzdem nicht plump wirkt. Andererseits möchte ein Leser, der ein Buch kauft, etwas lernen, das über eine Smalltalk-taugliche Formel hinausgeht. Gute Sachbücher wecken Aufmerksamkeit mit starken Thesen, die sie dann möglichst ansprechend und lehrreich ausführen.
Bei einem Sachbuch wie Niall Fergusons "The Ascent of Money" sind die Blinks beispielsweise komplexer (und dazu nur auf Englisch verfügbar) – und der Blinkist-Leser erkennt, dass das Buch schwieriger zu aggregieren ist. Komplizierte finanztheoretische Sachverhalte ansprechend aufzubereiten, ist eine Kunst. Daraus dann lesbare Aggregate zu machen, ist ebenfalls mehr als reines Handwerk. Doch anders als bei einem Buch, das Startup-Gründern Hilfestellung leisten soll, sind Bücher wie das von Ferguson eigentlich gerade nicht zum schnellen Verzehr geeignet, weil man auf dem Leseweg so einiges andere mitnehmen kann. Dazu kommt, dass gerade solche Bücher einen hohen "Coffeetable-Koeffizienten" haben – es ist schick, solche Bücher dezent zuhause oder im Büro zu drapieren, um Besucher oder Kollegen zu beeindrucken. Entsprechend könnte natürlich der Blinkist dabei helfen, dem kaufenden Nicht-Leser ein gutes Gewissen zu verschaffen.
Also: Gibt es einen Markt für Blinkist? Vielleicht. Buchaggregatoren gibt es auch in Papierform schon länger. Wichtigste Antriebsfeder für einen Blinkist-Kauf sind: Der Wunsch, bei einem Thema mitreden zu können, kombiniert mit Zeitmangel und/oder Faulheit. Der Blink-Ansatz, die wichtigsten Kernthesen aus einem Buch zu saugen wie ein Student in einer Vorlesung, ist eindimensional, aber in bestimmten Situationen hilfreich. Je einfacher das Buch, desto hilfreicher ist die Lektüre. Je schwieriger das Buch, desto mehr kann ein Blink nur ein Einstieg in die Materie sein. Blinkist-Chef Holger Seim sagt, eine Kaufoption für das ganze Buch sei angedacht, solch ein Feature müsse aber "durchdacht integriert" werden.
Wie beurteilt Seim derweil die Rechtelage des Blinkist-Konzepts? Schließlich werden im Journalismus Aggregatoren seit einiger Zeit heftig unter Beschuss genommen, siehe die Prozesse gegen den Perlentaucher oder das geplante Leistungsschutzrecht, das die Übernahme selbst von kurzen Textausschnitten unter Lizenzpflicht stellen will? "Unsere Zusammenfassungen sind eigene Werke und enthalten keine Textpassagen des Originalbuchs", sagt Seim. "Wir beschäftigen Fachexperten, die die Bücher lesen und in eigenen Worten und einer neuen Struktur, die stärker auf moderne Lesegewohnheiten fokussiert, wiedergeben." Die Inhalte der App verletzten keine Schutzrechte von Verlagen. Sollte das Geschäftsmodell aufgehen, dürften sich dennoch Verlage bei den Gründern melden, alles andere wäre eine Überraschung.
Um mindestens fünf Bücher soll das Angebot im Monat erweitert werden, sagt Seim. Das Tempo dürfte allerdings etwas gering sein. Seim sieht zwar einen Vorteil in der begrenzten Auswahl, doch mittelfristig muss der Blinkist für einen "long tail" sorgen, um ausreichend Umsätze generieren zu können. Über finanzielle Ziele spricht der Mitgründer allerdings nicht. 

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