Schavan-Schleichwerbung im “heute journal”

Fernsehen Eigentlich war es eine journalistische Steilvorlage für die ZDF-Leute: Erst nach Ende der Tagesschau, aber mit einigem Vorlauf zum "heute journal" hatte am Dienstag der Rat der Philosophischen Fakultät Düsseldorf seine mit Spannung erwartete Entscheidung im Plagiats-Verdachtsfall Schavan bekannt gegeben. Doch was Moderator Claus Kleber in einem Dreiminüter präsentierte, war eine News-Version, die so weichgespült wirkte, als wäre sie von Schavans Presseteam produziert worden.

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Es mag ja sein, dass der Fall Schavan anders gelagert ist als etwa der von Karl-Theodor zu Guttenberg, der in einer Dreistigkeit plagiierte, die bis heute ihres gleichen sucht. Dennoch haben auch andere Politiker sich von ihrem Namenszusatz verabschieden müssen, und das, obwohl es zum Beispiel bei der ehemaligen FDP-Europaabgeordneten Silvana Koch-Mehrin wortgewaltige Unterstützer gab, die die ihr vorgehaltenen Verfehlungen als "Pillepalle" abtaten. Am Ende waren Doktortitel und Politkarriere dennoch futsch.

Soweit ist es bei Annette Schavan nicht oder auch noch nicht, je nachdem, wie das nun beschlossene Hauptverfahren an der Hochschule ausgeht. Und natürlich gilt auch für eine amtierende Bundesministerin für Bildung und Wissenschaft die Unschuldsvermutung. Aber muss man deshalb gleich den Eindruck erwecken, es handele sich um eine Bagatelle oder Vorwürfe, an denen wohl nichts dran ist? Sicher nicht, aber gerade diesen Eindruck erweckt der Beitrag im heute journal.

ZDF-News-Anchor Claus Kleber, der nebenbei bemerkt mal als Spiegel-Chefredakteur im Gespräch war, moderiert die Hochschul-Entscheidung mit der blumigen Bemerkung an, es handele sich dabei um eine Sache von "vor über 30 Jahren", bei der die Ministerin angeblich "mit unsauberen Mitteln gearbeitet" haben solle. Nicht weniger nebulös ist seine nächste Textpassage, in der er sagt: "Es begann vor einem Jahr als anonymer Vorwurf im Internet und hat dann Beine bekommen." Dabei unterschlägt Kleber, dass die Vorwürfe im Internet für jeden sehr dezidiert dokumentiert sind.

Dass mit der Eröffnung des Hauptverfahrens an der Philosophischen Fakultät der Uni Düsseldorf der Fall für die Ministerin sehr wohl in ein deutlich kritischeres Stadium getreten ist, hätte eigentlich das zentrale Thema des Beitrags sein müssen. Ist es aber nicht. Zwar spielt das ZDF an dieser Stelle das Statement des Fachbereich-Dekans Bruno Bleckmann ein, der mitteilt, dass die offizielle Untersuchung von den 15 Ratsmitgliedern ohne Gegenstimme beschlossen worden ist, doch sofort erfolgt in einer Live-Schalte zur Reporterin vor Ort die Beschwichtigung: Es heißt, dass die Prüfung "ergebnisoffen" geführt werde, was zwar richtig, andererseits aber auch trivialevident ist – schließlich gehört es zur Natur einer jeden Prüfung (wie auch eines Gerichtsverfahrens), dass das Ergebnis nicht von vornherein fest steht. Die gehaltvollere Nachricht ist hier doch, dass das Gremium einhellig zu der Überzeugung gelangt ist, dass der Verdacht so begründet und schwerwiegend erscheint, dass dieser eine Hauptverhandlung rechtfertigt. Kein Wort dazu im "heute journal".

ZDF-Reporterin Dorthe Ferber signalisiert dagegen geradezu ein Übermaß an Sympathie für die CDU-Politikerin, die sich in einer – Zitat: – "besonders schwierigen Situation" befinde und "weiter um ihren Titel bangen muss", ganz so, als sei hier von einem Spieler die Rede, der um seinen Wetteinsatz fiebert und nicht von einer Spitzenpolitikerin, die massenhaft Sekundärquellen in ihrer Dissertation verwurstet haben soll, ohne dies für Leser kenntlich zu machen.

Dass hier die Unschuldsvermutung zu gelten hat, ist das Eine. Dass eine wissenschaftliche Abhandlung, die den Verfasser zum lebenslangen Tragen eines gesellschaftlichen Ehrentitels berechtigt, besonders strengen Kriterien unterliegt, das Andere. Woraus auch folgt, dass nachweisbare Verstöße entsprechend streng geahndet werden. Auch davon ist im Beitrag nicht die Rede, sondern davon, dass "die Wissenschaft" im Fall Schavan "heftig" darüber streite, ob das nun beschlossene Verfahren überhaupt gerechtfertigt sei.

Aus welcher Richtung dieser "heftige Streit" weht, macht Spiegel Online deutlich. Zum Verlangen nach einem externen Gutachten, das besonders von Schavan selbst geäußert wird, schreibt das Portal: "Die Forderung nach einer zweiten Meinung hatte zuvor bereits der Präsident der Berliner Humboldt-Universität, Jan-Hendrik Olbertz, erhoben. Ein zweites Gutachten sei ‘zwingend’, sagte er (…) Olbertz war von 2002 bis 2010 für die CDU Kultusminister in Sachsen-Anhalt. Zu Olbertz Amtsantritt war auch seine Dissertation aus DDR-Zeiten in die Kritik geraten. Ein Historiker warf Olbertz damals vor, er habe eine DDR-Propagandaschrift verfasst. Olbertz wehrte sich, anders habe man im DDR-Sozialismus gar nicht promovieren können, andere hätten das auch getan." Zudem sollte man darauf achten, ob sich Kritiker des Vorgehens der Uni Düsseldorf nicht in einem direkten oder mittelbaren Abhängigkeitsverhältnis zum Schavan-Ministerium befinden. Auch das mag manchen Beitrag zum Thema beeinflussen. Und die Politikerin selbst hat durch die frühe Einschaltung von Anwälten und PR-Experten sehr deutlich gemacht, dass sie sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu wehren gedenkt.

Für einen drei Minuten langen TV-Beitrag mag das ja zu kompliziert sein; entscheidend ist aber der Tenor des Berichts, in den solche Hintergründe eingehen sollten. Beim ZDF hört es sich ganz anders an, was auch die Formulierung von "der Zitierweise der damals jungen Doktorandin" zeigt, die fatal an das Bild des "überforderten jungen Familienvaters" erinnert, den Karl-Theodor zu Guttenberg seinerzeit in hochnotpeinlicher Lage mit Blick auf seine Forschervergangenheit beschwor. Und folgerichtig trieft noch die Abmoderation des Beitrags von kopfschüttelnder Missbilligung für das, was die Bildungsministerin derzeit durchstehen muss. "Das Eine ist das Recht, das Andere die Politik", schließt Claus Kleber, "und das ist nicht notwendigerweise dasselbe". Man könnte das in diesem Fall auch auf die tatsächliche Nachrichtenlage übertragen und auf das, was das "heute journal" daraus macht.

In der ZDF-Mediathek ist der Beitrag hier zu finden (Sendung vom 22. Januar 2013, ab Minute 15:45)

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