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„Für mich ist das therapeutisches Schreiben“

Was macht das mit dem Leben, wenn man wie aus den Nichts von seiner Kündigung erfährt? Angelika Beuter beantwortet diese Frage, und Tausende lesen mit. Die Redakteurin der Westfälischen Rundschau bloggt unter dem Titel "Absprung" über das Ende der WR-Redaktion. Im MEEDIA-Interview erzählt die Mutter, wie sehr ihr die vielen positiven Reaktionen schon geholfen haben und dass der WAZ-Maulkorb zum Ende der Zeitung sie wenig überrascht hat: "Hatte irgendjemand etwas anderes erwartet? Ich nicht."

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Haben Sie vor "Absprung" schon gebloggt?
Schreiben ist für mich ein Ventil. Immer schon. In meiner Zeit als Kinderwunsch-Patientin und als frischgebackene Mutter habe ich meine Gedanken in einem Online-Tagebuch innerhalb eines geschützten Forums aufgeschrieben. Quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit, gelesen haben das ein paar Frauen, die ebenfalls in diesem Forum unterwegs waren. Es hat mir gut getan. Wut, Trauer, Ängste, aber auch Freude, Glück und Überschwang mussten einfach raus. Ich bin ohnehin keine Frau, die schweigend ihr Schicksal trägt.
Am Tag, als das Ende der WR bekanntgegeben wurde, war ich völlig fertig. Ich habe mir meine Gedanken von der Seele schreiben müssen. Vielleicht geht es anderen auch so, dachte ich. Da lag ein Blog nahe.

Warum bloggen Sie über das Ende der WR? Wollen Sie die Leser an Ihrem und dem Redaktionsschicksal teilhaben lassen?
Für mich ist das in erster Linie therapeutisches Schreiben. Ich verarbeite beim Schreiben vieles, meine Gedanken werden auch für mich klarer. Aber ich wäre nicht Journalistin geworden, wenn ich nicht wollte, dass das, was mich bewegt, auch andere Menschen lesen.

Hat die große Resonanz Sie überrascht?
Oh ja. Ich dachte, das lesen vielleicht eine Handvoll Leute. Mehr nicht. Und dann wurden es mehr und mehr, überall wurde ich verlinkt. Es war mir unheimlich, wie rasant das ging. Damit hätte ich nie im Leben gerechnet. Ich bekam Unmengen von Mails. Wildfremde Menschen boten mir Hilfe in Sachen Arbeitsrecht, bei Bewerbungen, bei der Suche nach einer neuen Aufgabe an. Ich habe viele aufmunternde Worte gelesen, mir unbekannte Kollegen, die Ähnliches erlebt haben, haben mir ihre Geschichte erzählt, Mut gemacht, etwas Neues zu wagen. Ich finde das nach wie vor unfassbar und staune.

Tut es nicht besonders gut, zu sehen, dass sich offenbar so viele Menschen für das Schicksal der WR bzw. einer WR-Redakteurin interessieren?
Definitiv. Ich bin beeindruckt von den Reaktionen. Solidarität tut gut. Aber ich sage auch: Am Ende muss jeder und jede von uns da ganz allein durch und für sich einen neuen Weg finden. Ich bin seit über 26 Jahren in dem Geschäft, ich weiß selbst: In ein paar Wochen interessiert das alles keinen mehr.

Was machen Sie genau bei der WR?
Ich bin Redakteurin in der Lokalredaktion Arnsberg mit einer 40%-Stelle – im Grunde ein Traum von Arbeit. Man konzentriert sich darauf, eigene Geschichten zu schreiben, Reportagen, Serien. Wir setzen Akzente mit einer oder mehreren Aufmachergeschichten, den Rest übernehmen wir von der Westfalenpost.

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Mit ein paar Tagen Abstand zur Verkündung der Redaktionseinstellung: Sind Sie wütend?
So richtig realisiert habe ich immer noch nicht, dass ich bald arbeitslos werde. Ich liebe diesen Beruf, ich kann auch gar nichts anderes. Es ist bitter, wenn man nach so vielen Jahren vor die Tür gesetzt wird. Meine Stimmung schwankt extrem zwischen traurig, resigniert, verzweifelt und euphorisch, hoffnungsvoll. Ich fürchte, ich bin gerade ziemlich anstrengend für mein Umfeld…

Kann man mittlerweile überhaupt noch von einem geregelten Redaktionsalltaug sprechen?
Im Prinzip schon. Bis Ende Januar sollen offenbar normale Ausgaben produziert werden. Ich bin da mit meiner Teilzeitstelle ohnehin nicht repräsentativ. Meine Arbeitstage werden häufig auf eine ganze Woche plus Sonntagsdienst zusammengelegt, weil ich dann effektiver arbeiten kann, habe danach dann entsprechend frei – so wie jetzt gerade.

Was halten Sie davon, dass offenbar verhindert wird, dass die WR selbst über ihre Situation berichten darf?
Hatte irgendjemand etwas anderes erwartet? Ich nicht.

Wie geht es jetzt für die Redaktion weiter?
In der Betriebsversammlung am Dienstag werden wir sicher Näheres erfahren.

Wissen Sie schon, wie es für Sie weitergeht?

Ich habe keinen blassen Schimmer, womit ich künftig meinen Lebensunterhalt verdienen könnte. Bisher habe ich nicht einmal eine Kündigung in der Hand. Ich weiß nur eines: Ich will arbeiten.

Was erhoffen Sie sich von Ihrem Blog?
Wer weiß, vielleicht öffnet sich dadurch eine Tür, die ich vorher nie gesehen hätte? Vielleicht finde ich über diesen Weg unerwartet etwas Neues. Und wenn nicht: Auf jeden Fall bringt mich das Schreiben weiter beim Verarbeiten dieser Erlebnisse. Das ist es doch an sich schon wert.

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