Das Dschungelcamp: die inszenierte Krise

Das RTL-Erfolgsformat “Dschungelcamp“ nähert sich der Hälfte seiner aktuellen Staffel. Kaum ein TV-Format steht auch nur annähernd so im Zentrum öffentlichen Interesses wie jene Gruppe bezahlter, australischer Edel-Camper, in der Minderheiten die Mehrheit bilden. Und kaum ein TV-Format ist unter schwierigen Bedingungen professionell so erstklassig gestaltet. Ab heute dürfen Zuschauer ihre Favoriten für den Verbleib im Camp wählen. Zeit für die Betrachtung von Rollen, Personen und Team-Prozessen.

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Das Rezept des Dschungelcamp-Erfolges baut auf gruppendynamisch einfache Prinzipien: Man stellt eine heterogene Gruppe von Menschen zusammen und bietet ihnen Raum für die mögliche Verwirklichung ihrer Ziele.

Diese Ziele bestehen in der Chance auf Korrektur mangelnder medialer Sichtbarkeit und Bedeutung einerseits und im Genuss finanzieller Zuwendungen auf der anderen Seite. Es gibt also Aufmerksamkeit und Kohle. Zunächst nicht die schlechteste aller denkbaren Grundvoraussetzungen für Menschen, denen aus sehr unterschiedlichen Gründen subjektiv oder in Wahrheit beides fehlt.

Grob vereinfacht gesagt, besteht das Konzept jeder Staffel darin, zwangsläufige Prozesse der Dynamik einer Gruppe, die – bis hin zur Wahl des “Königs“ – dem Ziel von Wettbewerb und Selektion folgt, extrem zu verdichten, zu beobachten, unterhaltsam zu präsentieren und ironisch zu kommentieren. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.

Man nutzt hierfür zunächst das grundsätzliche Wissen darum, dass die Dynamik aller Gruppen unter bestimmten Bedingungen im Kern stets ähnliche Phänomene zeigt. Ob Vorstandsgremium oder Kindergeburtstag, Redaktionsteam, Studenten- oder Beamtengruppen: Jede willkürlich zusammengestellte oder real existierende Gruppe würde sich im Dschungelcamp zumindest in Ansätzen verhalten wie RTLs Dschungelcamper 2013.

Verdichtung

Nun unterliegt der Dschungel als Unterhaltungsformat nicht nur gestalterischen Aspekten, sondern auch einer zeitlich begrenzten Sendestrecke. Aus beiden Gesichtspunkten heraus ist es also erforderlich, die Dynamik schnell zu verdichten. Das Dschungelcamp tut dies durch Entzug oder Erschwernis zweier zentraler Grundbedürfnisse aller Menschen: dem Bedürfnis nach Nahrung einerseits und dem nach Privatsphäre auf der anderen Seite.

Oberflächlich betrachtet dienen Dschungelprüfungen der Zuschauer-Unterhaltung. Georgina an Rattentunneln scheitern zu sehen und ihr als Zuschauer so indirekt die Belästigung durch ihre verwöhnten, hysterischen Impulse heimzahlen zu können, bietet vielen Zuschauern unterhaltsamen Mehrwert. Olivia Jones etwa souverän und mit Würde in Käfer beißen zu sehen, bietet Raum für positive Identifikation.

Unterhalb dieser Betrachtungsebene allerdings regeln Erfolg oder Misserfolg bei Dschungelprüfungen unbewusst weit mehr als oberflächlich sichtbar ist: Für die eigene Nahrung kämpfen zu müssen und darüber hinaus durch Erfolg oder Misserfolg in den Prüfungen den Umfang der Nahrung aller zu beeinflussen, berührt innerseelisch sehr archaische Grundthemen von Menschen. Wir alle sind unbewusst daran angeschlossen, auch wenn der mitteleuropäisch satte Alltag sie für die meisten von uns aus der persönlichen Wahrnehmung hat verschwinden lassen.

Dass TV-Kameras ganztägig aufzeichnen, weiß jeder der Kandidaten. In der Regel wird dies bewusst für Kandidaten-Promo genutzt oder aber zwangsläufig in vielen Situationen ausgeblendet: Niemand kann sich in verdichteten Szenarien über Wochen ganztägig kontrollieren, auch wenn er weiß, dass Kameras beobachten. Kameras jedoch bilden nur den unwesentlichen Teil des Verlustes von Privatsphäre: Sich unter Belastung in einer Gruppe, die miteinander nicht auf die Sicherheit eingeschwungener Rollen, Routinen und einer gemeinsamen Entwicklungsgeschichte zurückgreifen kann, ohne tragfähige Rückzugsmöglichkeit permanent zeigen zu müssen, ist eine echte Herausforderung. Selbst der Umgang mit Primärbedürfnissen von Ruhe, freier Entscheidung über Wahl und Gestaltung der Kontakte, das Maß von Intimität bei Körperpflege oder Anzahl und Frequenz von Toilettenbesuchen geschieht im Camp sozial ausgehandelt und öffentlich. Das ist für alle Kandidaten weit schwerer, als man es sich vorab von draußen rational vorstellen kann.

Gruppendynamisch betrachtet verdichten beide Gestaltungselemente – Nahrung und Privatsphäre – nach den ersten Tagen der Orientierung jene Prozesse, die in allen Gruppen, die sich finden müssen, immer (!!) entstehen: Man beginnt Beziehung zu gestalten, sucht nach Sicherheit, regelt Macht und Einfluss untereinander. Bündnisse bilden sich, man grenzt sich ab, findet allein oder mit anderen Rollen und Positionen. Im Dschungel geschieht dies ebenso wie im richtigen Leben, nur hochverdichtet und unter einem Brennglas sichtbar. Elf Kandidaten auf der Suche nach Antwort auf die Frage, wie genau das wohl gehen mag, sich im gruppendynamischen Dschungel Australiens zurecht zu finden. Der wahre Dschungel, so erfährt man schnell, ist nie das Camp, ist nie Australien: Er ist die Gruppe der Kandidaten.

Rollen und Kandidaten: Männer, Frauen, Knackis

Man darf davon ausgehen, dass Sender und Produktion nicht nur Einzelpersonen gewinnen, sondern bei der Wahl der Protagonisten ihre mögliche Bedeutung im Kontext der Campergruppe vorab betrachten. Viele Staffeln, auch die aktuelle, zeigen grundsätzliche Typen und Rollen:

Junge, athletische Männer auf der einen Seite und attraktive Frauen mit Paarungspotential sichern dem Format Optionen, die im Idealfall Camp-interne Begattungskonkurrenzen befeuern oder gar wie in der Kombi Kim Debkowski / Rocco Stark die Produktionsprozesse von Nachwuchs anstoßen. Im wahrsten Sinne des Wortes. In der aktuellen Staffel scheint das Thema eher unterbelichtet. Die Auswahl der Kandidaten trägt daran weniger Schuld als die Umsetzungsfreude der Beteiligten.

Frauen mit Zicken- oder Außenseiterneigung, an denen sich die gesamte Gruppe abarbeiten kann, gehören zwingend ins Portfolio: mindestens eine – besser – zwei Frauen, die in Konkurrenz zueinander stehen. Von unschätzbarem Wert sind hysterische Neigungen, insbesondere dann, wenn über sie hinaus der persönlich nutzbare Raum des Spektrums sozialer Kompetenzen den Camp-Knappiks und Georginas nicht in jeder Sekunde des Tages vollumfänglich zur Verfügung steht. Falls überhaupt.

In der aktuellen Staffel werden diese Rollen von Georgina Fleur, 23, und Fiona Erdmann, 25, besetzt. Model-Pitbull Erdmann, als kachektische, kotzende Kampfsau konkurrierte von Beginn an mit der intellektuell außerordentlich unauffälligen Georgina um den Rang des visuell attraktivsten weiblichen Camper-Exemplars. Ein enger Realitätsbezug in Fragen eigener Attraktivität ist nicht die vordringlichste Stärke beider Damen. Obwohl grundsätzlich nicht unansehnlich, ist das Interesse der Männer im Camp übersichtlich. Beide konkurrieren miteinander eher um Akzeptanz in der Gruppe als um einen Prinzen.
Die dunkle Seite des Lebens wird rollentechnisch abgebildet von Menschen mit Knacki-Vergangenheit oder zumindest dem einen oder anderen Strafverfahren. Hilfsweise oder zusätzlich taugt auch die eine oder andere Insolvenz einer ehemals zumindest halbwegs erfolgreichen Medienfigur. Aktuell besetzt Arno Funke, 62, diese Rolle: Der große, kreative Dagobert jedoch konnte trotz biographisch hervorragender Eignung bislang aus nachvollziehbaren Gründen keinerlei Leben in die putzige Campergemeinschaft blasen. Man hätte dies schon bei der Auswahl wissen können. Da jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit niemand der RTL-Verantwortlichen Jahre als Strafgefangener in Haftanstalten zubrachte, wurde möglicherweise übersehen, dass dauerhaftes Überleben in Gefangenengruppen ein besonderes Bündel an zu erlernenden Fähigkeiten voraussetzt:

Unempfindlich zu werden gegen jede Form von Umwelteinflüssen. Im inneren Dialog mit sich selbst Gedanken an die Hoffnungslosigkeit einer endlos langen Knast-Zukunft abschalten zu können. Anpassungsfähigkeit, mitschwimmen zu können, ohne sich “zum Obst“ zu machen. Sich einigeln zu können in sich selbst und viele Bedürfnisse abschalten. Stumpf werden zu können an Stellen, wo Verzweiflung und Panik drohen. All dies ist Arno Funke, all dies hat er über Jahre gelernt und lernen müssen. Funke ist lange schon kein Dagobert mehr. Der Puls von Funke als Reduktions- und Überlebensprofi wäre nicht einmal durch Überschwemmungen oder Feuersbrünste in australischen Camps über 90 zu bewegen. Der Mann hat Schlimmeres überlebt als den australischen Dschungel. Formattechnisch ein Langweiler, ist er ist als stiller, freundlicher Mann mehr in sich selbst zuhause als im Kontakt zu anderen.

Das Ding mit den Männern

Der Dschungel gleicht dem richtigen Leben ebenso, wie er sich von ihm unterscheidet. Immer wieder sieht die Gruppe der Kandidaten Menschen, deren sexuelle Orientierung über jene orthodox verheirateter Heteros hinausgeht. Lorielle London, 29, oder Olivia Jones sind Beispiele dafür. Den Kern der eigentlichen Aufmerksamkeit bilden hier weniger die Personen selbst. In einer Situation ohne Privatsphäre gestatten sie den anderen Begegnung und Auseinandersetzung mit Fremdem und bieten Raum für leise oder deutliche Irritation: Plötzlich kann im Alltag der Camp-Bewohner normal und greifbar werden, was für den einen oder die andere bislang allein aus der sicheren Distanz des Vorurteiles betrachtet schien. Eine Transe auf dem gemeinsamen Dschungel-Klo ist qualitativ allemal etwas anderes, als ihr beim Sekt auf roten Teppichen zu begegnen.

Die aktuelle Transe ist der als Travestie-Künstler, Drag-Queen und Kultfigur Olivia Jones bekannte Oliver Knöbel, 43: Einerseits im doppelten Sinne des Worte “ein Typ“, andererseits ein erwachsener Sympathieträger mit einer sauberen Mischung aus Humor, Selbstironie, Konfliktfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Doch Knöbel-Jones ist auch Beleg des tragischen, männlichen Dilemmas der aktuellen Gruppe:

Oliver Knöbel, der sich als Transe Olivia Jones gegen klassische Männerrollen entschieden hat, ist mit Abstand die erwachsenste und männlichste Figur der gesamten Gruppe. Die Rollen insuffizienter Witzfiguren und maskuliner Minderleister werden im Gegensatz zu Jones von denen bekleidet, die sich für die Fortsetzung ihrer männlichen Geschlechtsrolle entschieden haben. Kein Wunder also, dass Fiona und Georgina sich weitgehend auf ihren gemeinsamen Konflikt konzentrieren: Der einzig im Camp verfügbare Mann will keiner sein und steht nicht zur Verfügung. Alternative Prinzen mit lebendigem Begattungspotential existieren nicht wirklich.

Über diesen Aspekt hinaus übernahm Olivia Jones immer wieder eine zentrale Führungsrolle: Teams funktionieren generell nur, wenn in der Gestaltung der Beziehungen untereinander, in der Übernahme von Verantwortung für System und Regeln und auch für Gestaltung eines Klimas relativer Klarheit und Gemeinsamkeit Verantwortung übernommen wird. Gerade in Kontexten einer kontrolliert inszenierten Krise: Nichts anderes ist das Dschungelcamp. Auch seitens der Produktion wird Olivia Jones eine deutlich herausgehobene Rolle eingeräumt: Kein anderer Bewohner kommentiert im “Interview“ so häufig den Prozess.

Männer?

Die Krone des Wettbewerbes um den männlichsten Mann im Camp hätten Patrick Nuo, 31, und Silva Gonzalez, 33, Olivia Jones streitig machen können. Nuo wirkte weitgehend wie ein DSDS-Jury-Roboter, den man versehentlich farblos und kantig in den Dschungel gestellt hat. Der Mann, so mag man denken, wird noch in 30 Jahren aussehen wie heute, und niemand wird es merken. Berichte über seine ehemalige Porno-Sucht taugten mehr für Schlagzeilen und Moderatoren-Witze als für die Steigerung seiner Attraktivität und behinderten mögliches, weibliches Interesse im Camp. Nur wenige Frauen sind Hefte. Auch die zweite, klassisch männliche Domäne, Krieg und Konflikt, gehört sichtbar nicht zu Nuos Kernkompetenzen. In dieser Frage half es auch nicht, dass Nuo Küken Joey auf eine ungelenke Traumreise führte und ihn so in die Grundzüge des Volkshochschulkurses für Meditation einführte. Mehr, so ahnt man, wird Nuo in dieser Camp-Staffel nicht einführen.

Silva Gonzales hingegen stochert unglaubwürdig primär aus Gründen des Self-Marketing in Konfliktfeldern herum, ohne sie sich wirklich zu eigen zu machen. Dass ein Mann mit seiner Außenwirkung allen Ernstes in einer Gruppe mit dem Namen "Hot Banditoz“ singt, klingt paradox genug. Noch paradoxer scheint dies, wenn man Silva in Camp-Pausen falsch und dünn singen hört. Gonzales switcht zwischen scheinbarer Bereitschaft zur Konfrontation und dem Abziehbild des Verständnisvollen, ist schnell und schnell laut, aber im Kern ohne Kontur. Silva Gonzales trägt das Selbstbild eines Steaks mit der Außenwirkung eines Würstchens.

Die Alten

Der Raum zwischen Respekt oder Bewunderung auf der einen Seite und dem uns allen vorgegeben Diktat des Schwächer-, Müder-Werdens, des Verfalls ist maximal so breit wie die Schneide einer Rasierklinge. Er sieht Wracks der Menschenschrottplätze in einer Ecke oder bewundert Erfahrung und Würde in der anderen Ecke des Spektrums. Von Werner Böhm über Helmut Berger bis zur Dschungelkönigin Ingrid van Bergen und Arno Funke war diese Position der Alten häufig besetzt. Kaum jemand der Dschungelcamp-Kandidaten ist in einer Vier-Generationen-Großfamilie sozialisiert. Kandidaten, deren vor ihnen liegende Lebenszeit deutlich geringer ist als jene, die sie hinter sich gelassen haben, bieten über den Umgang mit Alter hinaus gruppendynamisch Chancen für Generationenkonflikte, Schutzimpulse, Beißhemmungen oder die Begegnung mit unbekannten Haltungen zu Leben und Werten.

Helmut Berger bot für kurze Zeit Einblick in eine Art des Alt-Werdens, die kaum jemand frei für sich wählen würde. Dem Mann, der an wenigen Tagen öffentlich im Dschungel fortsetzte, was er lange vorher schon in seinem Leben begonnen haben mochte, wurde von einigen Betrachtern paradoxerweise Würde zugesprochen. Die Wahrheit ist: Ein vielleicht aus pharmakologischen Gründen lethargischer, autodestruktiver, alter Mann wirkte wie ein ruhiggestelltes Wrack. Wracks haben eine Geschichte. Würde haben sie nicht. So war Bergers Ausscheiden aus dem Camp ebenso richtig wie die darauf folgenden Australien-Temperatur-Diskussionen befremdlich schienen, weil sie einen nebensächlichen Detailaspekt in den Blick nahm.

Berger-Nachfolger Klaus Baumgart, 58, scheint – wracktechnisch gesehen – für sich auf einem erfolgreichen Weg. Und dies, so mag man denken, wahrscheinlich schon seit jungen Jahren. Anders ist das aktuell sichtbare Ergebnis kaum zu interpretieren. Dass der grundsätzlich stumpfe Baumgart freizügig mit seinem Geschlechtsteil umging, mochte man lustig finden, man mochte ihm mangelndes Feingefühl oder gar Inszenierung unterstellen. Die Art und Weise allerdings, in der er die sich quälende Iris Klein bei der Schatzsuche anfeuerte, erotisierte und begrapschte, trug Züge, wie man sie von alten Säcken und sabbernden Lustgreisen kennt. Diesem Klaus zusehen zu müssen, hatte mehr Ekel-Potential als der Genuss von Käsefrucht und Kakerlaken. Sichtbarkeit und Bedeutung in der Gruppe sind darüber hinaus annähernd auf unterirdischem Niveau.

Küken

“Joey the brain“ als Küken löst Welpenschutz-Impulse bei Mit-Campern alleine dadurch aus, dass es nicht versteht, wo es hingeraten ist, obwohl es einen Vertrag unterschrieben hat und Geld für die Dschungel-Teilnahme erhält. Jemand, der in entzückender Naivität jene Themen anspricht, die von den Tabu-Filtern der anderen reflektorisch vernichtet werden, bevor sie Hirn und Zunge je erreichen können. Staunen zu müssen, noch staunen zu dürfen, statt erwachsen zu ein, hat große Attraktivität. Das ist Joey Heindle. Die dunklere Seite des Reizes sieht vor eben diesem Hintergrund einen Jungen, der schneller und schutzloser an seine wahren Belastungsgrenzen gelangt. Auch dieser Aspekt bindet die Aufmerksamkeit von Zuschauern, so gerne man es Joey ersparen mag. Ein Grenzformat ohne Protagonisten, die spürbar mit ihren Grenzen konfrontiert werden, wäre nicht nur langweilig, sondern auch unehrlich.

Restbestände

Beschriebe man gruppendynamische Rollen, böte der Rest der Gruppencamper das, was man als Mitläufer beschriebe. Allegra Curtis, 46, ist in ihrer Außenwirkung von ihrem Vornamen etwa so weit entfernt wie Michael Steinbrecher von seinem Nachnamen, auch wenn sie in den letzten Tagen begann, sich zumindest eine Intrigantinnen-Rolle zu erschließen. Claudelle Deckert, 39, als Playboy-Projektionsfläche für Männerphantasien hat bislang maximal die emotionale Präsenz eines weiblichen Arno Funke. Nur will eben dieser nicht überspringen, auch wenn das eine oder andere männliche Exemplar der Camper-Truppe Claudelle unter Umständen gerne bespringen würde: Claudelle ist farblos, ohnehin spränge jeder ins Leere. Zur Steigerung visueller Attraktivität an der äußeren Hülle zu schrauben, reicht für den Playboy allemal. Für die Rolle einer lebendigen Frau im Dschungelcamp ist dies zu dünn.

Auch Iris Klein, 45, hat bislang nicht viel dafür getan, sich aus dem Rollenbild der Katzenberger-Mutti zu befreien. Sie ist zwar nicht so passiv wie andere im Camp, trägt jedoch die historische Bürde eines Menschen, der ohne jede Eignung und Talent um jeden Preis ins Fernsehen will. Ins Fernsehen muss. Dieses Ziel mit lebendigem Erfolg verfolgen zu können, ist für Frauen mit der Ausstrahlung einer hessischen Hauswarts-Gehilfin, die ab und an auf dem Markt am Kartoffelstand der Tochter aushilft, nicht so ganz leicht zu erreichen. Das wird auch diesmal nichts, es sei denn, Iris steuert noch das eine oder andere unbedeutende Kindheitstrauma bei und weint dabei ganz heftig.

Rollen und Dynamik in Gruppen sind nie statisch. So ist es – auch für Iris Klein – immer möglich, sich aus bestehenden Rollen heraus in andere hinein zu entwickeln. Selbst ein Arno Funke könnte dies theoretisch. Es brauchte allerdings den Druck eines spürbaren Anlasses. Peer Kusmagk, 37, etwa hat dies in der dramatischen Dynamik der Konflikte um Sarah Knappik, 26, bis zum Dschungelkönig verwirklicht. Wahrscheinlich für die Gruppe der Mitläufer scheinen Entwicklungen nach aktuellem Stand der Dinge nicht.

Wer geht?

Medien sind Kanäle, das gilt auch fürs Fernsehen. Nüchtern betrachtet dienen sie dazu, am Eingang des Kanals etwas zu produzieren und so zu vermitteln, dass auf der anderen Seite bei Zuschauern Identifikation, Interesse und Bindung entstehen. Ob Sympathieträger oder Kotzbrocken, Heldin oder Klassenfeind ist zunächst so lange egal, wie Sichtbarkeit und emotional spürbare Präsenz verwirklicht sind. Menschen – auch Zuschauer – identifizieren sich stets durch emotionale Bindung. Man folgt Personen, kaum Konzepten, rationalen Aspekten oder Theorien. Gerade in der Welt des Fernsehens.

Unsichtbar zu sein ist also unverzeihlich. Bleibt es, wie es ist, werden Arno Funke, Allegra Curtis, Kaus Baumgart, Iris Klein, Claudelle Deckert und Patrick Nuo als Lagerware schnell um ihren längeren Verbleib fürchten müssen. Auch für Silva Gonzales könnte es bald eng werden, weil mit der Glaubwürdigkeit ein weiteres zentrales Kriterium fehlt.

Unterhaltung und Erfolg

Die alte Frage, ob das Dschungelcamp unangemessen Grenzen überschreite, muss jeder für sich selbst prüfen. Lägen die Ursachen für den Erfolg des Camps ausschließlich in dem Genuss, als Zuschauer von der Fernsehcouch gruppendynamische Randgruppen-Prozesse schriller Vögel zu betrachten, müsste Big Brother ebenso erfolgreich sein.

Die Wahrheit ist zunächst, dass das gesamte Team von Sender und Produktion auf hohem professionellem Niveau unter schwierigen Bedingungen eine hervorragende Arbeit macht. Man spürt – bis hin zu Auswahl und Einspielung unterlegter Musik – auf allen Ebenen die Aufmerksamkeit, die dem Produkt gewidmet wird, und dies ist eben nicht Standard im deutschen Fernsehen. Die Texte der Autoren Micky Beisenherz  und Jens Oliver Haas sind hervorragend, und auch Sonja Zietlow und Daniel Hartwich haben als neues Moderatoren-Duo einen sehr guten Start hingelegt. Dass selbsternannte Medienexperten bei Facebook oder in Medien-Kommentaren wie Stammtisch-Bundestrainer Daniel Hartwich bereits am ersten Tag als mittelmäßig bezeichneten, nach dem Ausscheiden von Berger penibel Wetterkarten posteten und schließlich RTL Olivia Jones als künftige Hartwich-Nachfolgerin anempfahlen, ist nicht nur inkompetent und peinlich, sondern darf als Beleg für die Kraft der Identifikation angesehen werden, die der Dschungel auslöst. Daniel Hartwich im Übrigen ist durchaus talentiert, macht im Dschungel einen guten Job und hat ein wenig Zeit für Entwicklung allemal verdient.

Letztlich ist der Dschungel im Kern Brennglas dessen, was Menschen im Leben zu tragen haben. Dies verdichtet zu betrachten, macht einen weiteren Baustein des Erfolges aus. Auch, wenn es viele nicht gerne hören mögen: Jeder Kandidat repräsentiert auf seine Art in Teilen Themen von uns allen: das Werben um Anerkennung. Durchzuhalten, wenn es eng und eklig wird. Alt zu werden. Sich Würde zu bewahren. An Grenzen zu stoßen. Ausgegrenzt zu sein. Hinter dem Rücken über andere zu lästern. Hässlich oder attraktiv gefunden zu werden. Drinnen oder draußen zu sein. Unseren Voyeurismus, wenn andere in Krisen oder an Grenzen kommen.

Im Kern sind wir alle Camper. In unserem Leben und in unseren Dschungeln. Wir bekommen nur kein Geld dafür.

Mehr über den Autor: www.leadership-academy.de

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