Illner: Keine Gnade für den Intendanten

Wenn eine Talkshow des ZDF über TV-Gebühren und Qualität im öffentlich-rechtlichen Rundfunk reden lässt und dann noch der ZDF-Intendant und ein Justitiar vom SWR zu Gast sind, ist eigentlich Schlimmes zu befürchten. Die Sendung zum Thema von Maybrit Illner war absolut gelungen. Die Moderatorin hakte kritisch nach und verschonte den eigenen Chef nicht mit unangenehmen Nachfragen. Bellut zeigte sich (weitgehend) souverän und Oliver Pocher sorgte dafür, dass es nicht ganz so trocken wurde.

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Ist die neue Rundfunkabgabe nun gerecht? Sind die öffentlich-rechtlichen Sender die gierigen “Nimmersatten”, wie sie Talk-Gast Hans-Peter Siebenhaar in seinem gleichnamigen Buch beschreibt? Oder sind ARD und ZDF Garanten der TV-Qualität und der Demokratie? Zwischen diesen Polen bewegte sich die Diskussion bei “Maybrit Illner” am Donnerstagabend im ZDF. Erstaunlich dabei, dass sich auch ZDF-Intendant Thomas Bellut bewegte. Mit einer für einen Intendanten bemerkenswerten Fähigkeit zur Reflexion und Selbstkritik ausgestattet, gab er zu, dass man über die Zahl der Digitalsender diskutieren könne und, dass die Ausbaustufe des öffentlich-rechtlichen Systems am Ende seien, sprich: “Mit dem Geld, was jetzt da ist müssen wir auskommen.” Das sind schon mal Aussagen, die zeigen, dass zumindest in der obersten ZDF-Etage ein Gesinnungswandel stattgefunden hat.

Wenn Hans-Peter Siebenhaar dann eine These aus seinem Buch brachte und vorschlug, man könne doch ARD und ZDF zusammenlegen, kräuselte Bellut nur leicht amüsiert die Lippen. Maybrit Illner sagte dazu ganz richtig, es sei vielleicht auch wünschenswert, wenn man nur vier oder fünf Bundesländer hätte, aber das würde auch nicht funktionieren. Der ebenfalls anwesende Erste Bürgermeister von Hamburg, Olaf Scholz, warf sofort ein, dass er da ganz bestimmt nicht dafür wäre. Also für die vier oder fünf Bundesländer, denn da wäre sein feiner Stadtstaat natürlich auch weg vom Fenster. ARD und ZDF sind nun einmal halbstaatliche Apparate und solche Gebilde schaffen sich nicht selbst ab.

Erfrischend an diesem Abend war, dass die Moderatorin keinerlei Scheu vor ihrem Chef kannte. Bellut wurde von Maybrit Illner relativ gnadenlos mit den wesentlichen Kritikpunkten am öffentlich-rechtlichen System und der neuen Rundfunkabgabe konfrontiert: Überalterung der Zuschauer, zu viele Digitalsender, zu teure Sportrechte. Auch war ihr im Gespräch mit dem SWR-Justitiar deutlich anzumerken, dass sie von der Idee, auch behinderten Menschen die Rundfunkabgabe abzuknöpfen, wenig hält. Zumal dies von den Anstalten nur mit einem wenig konkreten Versprechen auf verbesserte Inklusion (mehr Untertitel, Gebärden-Dolmetscher) gerechtfertigt wird. Zu Zeiten von Dieter Stolte (und teilweise auch noch Markus Schächter) haftete Intendanten-Auftritten in Talkshows oder Interviews beim eigenen Sender stets der Hauch einer Audienz an. Davon war diesmal glücklicherweise nichts zu spüren. Und da Bellut mit der Situation souverän umging, kam er als Gewinner aus der Sendung.

Zu den Gewinnern des Talks zählte auch TV-Komiker Oliver Pocher. Er gefiel sich in der Rolle dessen, der sagt was Sache ist. Als Bellut rumeierte wegen der Schleichwerbe-Vorwürfe gegen “Wetten dass..?” zu Zeiten Thomas Gottschalks sagte Pocher: “Die Gottschalks haben sich mit ‘Wetten dass..?’ die Taschen vollgestopft. Das weiß doch jeder!” Da musste auch der ZDF-Intendant lachen. Bellut sagte zu Pocher gewandt sogar “Sie werden auch noch zu uns kommen.” Pocher: “Wenn Sie mich engagieren, habe ich das alles natürlich nie gesagt.” Vielleicht Pocher ja tatsächlich im ZDF seine neue Fernseh-Heimat.

In der Diskussion blass dagegen blieb Christoph Keese, der Chef-Lobbyist von Axel Springer. Als Pocher zurecht anprangerte, dass auch bei der Bild-Zeitung Werbung und Inhalte nicht immer ganz trennscharf gehandhabt werden (Stichwort: Volks-Produkte), fiel dem smoothen Springer-mann nicht viel dazu ein, außer das Mantra von der Trennung zwischen Redaktion und Werbung aufzusagen. Und dann brachte er völlig am Thema vorbei auch noch den Streit der Zeitungsverlage mit der ARD wegen der “Tagesschau”-App ins Gespräch, indem er Bellut dafür bewienerte, dass das eine solche elektronische Tageszeitung eben nicht mache.

Am Ende bedankte sich Maybrit Illner dafür, dass man nicht das Dschungelcamp eingeschaltet habe. Gern geschehen. Noch besser wäre es freilich gewesen, das ZDF hätte dies Sendung gemacht, bevor (!) die neue Rundfunkabgabe in Kraft getreten ist.
Die Sendung in der ZDF Mediathek

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