“Armstrong scheitert an Entschuldigung”

Fernsehen Das TV-Interview mit Lance Armstrong war mit Spannung erwartet worden. Nach Ausstrahlung des ersten Teils sind sich die Kommentatoren in Deutschland und den USA weitestgehend einig: Das war nicht genug. Wenn er wirklich mit der Vergangenheit aufräumen wolle, sei ein Fernseh-Auftritt die falsche Entscheidung. Außerdem habe der Ex-Radprofi bislang die wichtigste Aussage überhaupt vermissen lassen: Eine direkte Entschuldigung bei all seinen Fans.

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Juliet Macur schreibt in der New York Times: "Armstrong scheiterte darin, eine Sache zu tun, auf die viele Menschen gewartet haben: Er scheiterte darin sich direkt zu entschuldigen bei all den Menschen, die an ihn geglaubt haben, all die Krebs-Überlebenden und Radsportfans, die daran geglaubt haben, dass sein Märchen wahr sei." 
Ähnlich äußert sich Jürgen Schmieder für süddeutsche.de zu Armstrog: "Er kündigt immer wieder an, sich entschuldigen zu wollen – doch letztlich tut er es nicht.“ Später heißt es: „ Wenn Armstrong wirklich verstanden hat und wenn er wirklich Vertrauen zurückgewinnen möchte, dann sollte er wenigstens ein Mal direkt in die Kamera blicken und sagen: "Es tut mir leid!" Und direkt danach sollte er sich, wenn er verstanden hat, in einen Gerichtssaal begeben."
Jürgen Kalwa schreibt für Faz.net: "Armstrong kostet Nerven. Er legt zwar ein umfassendes Geständnis ab – Doping mit EPO, Eigenblut, Kortison und Wachstumshormen, Doping bei allen seinen Tour-de-France-Siegen. Aber seine öffentliche Abrechnung mit seinen eigenen Fehlern, katalysiert durch die nette Frau auf dem Stuhl gegenüber, ist nur ein einziger, langer, lauter Monolog. Ein Fall für einen Psychotherapeuten."
Weiter heißt es in seiner Früh-Kritik: "All diese Bausteine des Gestehenwollens und dieses  psychogrammatikalische Geplapper klangen nicht anders als die mea culpas, die berühmte Leute von sich geben, wenn sie überführt worden sind. Sie reden von sich selbst in der dritten Person, stehen wohl auch  irgendwie ratlos neben sich selbst als der Kreatur, die sie weder  richtig ausfüllen können noch richtig verstehen."
Radsport-Experte Andreas Schulz schreibt in seinem Eurosport-Blog: "Ja, er hat sich entschuldigt. Ob man diese Entschuldigung annimmt, muss jeder selbst entscheiden – vor allem jene, deren Leben er sehr erfolgreich teilweise zu jener "Hölle" gemacht hat, die er gerne androhte.mAber außergewöhnlich war sein Auftritt nicht. Dabei hätte er vor dem riesigen Publikum von Oprah Winfrey die Chance gehabt, offensiv reinen Tisch zu machen. Auf jene zuzugehen, denen er über viele Jahre bitter Unrecht getan hat. Doch so schnell konnte wohl auch ein Vollprofi wie Armstrong nicht innerhalb weniger Wochen vom Dauermodus "wüste Gegenattacke unter Aufbietung aller fiesen Tricks" auf die brandneue Version "reuiger Sünder" umrüsten."
Im Kölner Stadt-Anzeiger schreibt Stephan Klemm: "Armstrong verzichtete auf den großen Rundumschlag. Er beherrscht ja die Klaviatur der gerissenen Verhandlung, er wird wissen, wie weit er gehen konnte bei seiner TV-Beichte. Und er wird wissen, wo welche Aussagen nötig sind, um die demnächst zu erwartende Auseinandersetzung um Schadensersatz mit dem Justizministerium für sich erträglich zu gestalten: In den Hinterzimmern, da, wo harte Aussagen geheim bleiben, aber dennoch eine große Wirkung haben." 

Bill Dwyre kommentiert in der LA Times: "Armstrong nahm einen todernsten Moment, eine internationale News Story und machte sie zu Hollywood." Und weiter: "Hier geht es nicht um die Wahrheit. Es geht um TV-Quoten. Es ist eine Branding und Marketing Parade für Oprah. Für Armstrong ist die große Frage: Nach Jahrzehnten, in denen er unsauber wahr, ist das der Weg, um sauber zu werden?"
Michael McCann verweist für die Sports Illustrated darauf, dass Armstrongs Interview nur der erste Schritt sein kann und Aussagen vor Gericht folgen werden. Hier wird er mehr ins Detail gehen müssen. McCann schreibt: "Wenn Armstrong erwartet hat, sein Interview mit Winfrey würde eine Marktfähigkeit  wieder herstellen, wird er sicher enttäuscht sein. Gleichwenn der zweite Teil von Winfrey’s Interview sich mehr auf persönliche Dinge konzentrieren könnte, äußerte Armstrong in der heutigen Show oft Entschuldigungen, die gezwungen und halbherzig wirkten."
William Fotheringham kommentiert für den Guardian: "Es war nicht schwer, die nahe liegenden Vergleiche zwischen den Lance Armstrong-Touren zwischen 2000 und 2005 und der begleiteten Tour, die  Lance Armstrong Oprah Winfrey gab, rund um seine Welt aus Betrügen, Lügen und Mobbing. Abgesehen von den seltenen Moment, in denen sich ein Riss in den Panzer öffnete, hatte Armstrong die Kontrolle und die Kontrahenten – Oprah spielte die Rolle die Jan Ulrich damals hatte, war ziemlich genau dort, wo er sie habe wollte und tat das, was er erwartete."

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