MySpace: ein Comeback mit Schwächen

MySpace ist wieder da: Mit einem kompletten Neustart will das soziale Netzwerk an alte Erfolge anschließen. Seinem besonderen Fokus auf Musik bleibt der Dienst seinen Wurzeln treu. Das grenzt ihn erfolgsversprechend von den Konkurrenten Facebook, Twitter und Google+ ab. Das neue MySpace macht vieles richtig, der Start ist viel versprechend. Doch ausgerechnet die große Stärke des Musiknetzwerkes ist auch die Achillesverse. MEEDIA beantwortet die wichtigsten Fragen.

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Seit dem 15. Januar kann jeder Nutzer auch ohne Einladung einen Account bei MySpace anlegen. Justin Timberlake wirbt mit seinen neuen Song für das neue Netzwerk (oder ist es doch andersherum). Eine große Pressekampagne startete man jedoch nicht. Dafür gibt es womöglich einen Grund – doch der Reihe nach.
Den meisten wird MySpace noch ein Begriff sein. Für alle anderen: MySpace war einmal das führende Social Network. In der Evolution der Social Networks nach Friendster oder Uboot, aber noch vor StudiVZ oder Facebook angesiedelt, hatte das Musiknetzwerk einmal eine marktbeherrschende Stellung. Es gab Profilseiten, man konnte Nachrichten versenden und sogenannte Bulletins, Mitteilungen an alle Freunde. Eine Timeline, wie sie Facebook anbietet, gab es damals noch nicht.
MySpace hatte schon immer einen besonderen Fokus auf Musik. Nachwuchs-Bands, ebenso wie bekannte Künstler, nutzten das Netzwerk zur Promotion. Nutzer konnten sich Songs anhören. 2005 kaufte Rupert Murdochs News Corporation dann MySpace für etwa eine halbe Milliarde US-Dollar. Doch Twitter und Facebook überholten MySpace technisch, waren zudem massentauglicher. MySpace wurde zum Nischenprodukt. 2011 verkaufte News Corp. schließlich MySpace an Specific Media. Der Verkaufspreis soll bei 35 Millionen US-Dollar gelegen haben. 
Was ändert sich mit dem Neustart?
Das neue MySpace ist ein neues Social Network. Man benötigt einen neuen Account, muss seine Freunde neu finden, sich mit ihnen aufs Neue verbinden. Das geschieht künftig asymmetrisch. Ähnlich wie auf Twitter oder Google+ kann man sich mit Nutzern (auch Musikern) verbinden, ohne dass diese das im Gegenzug auch andersherum tun müssen, so wie es bei Freundschaftsanfragen auf Facebook der Fall ist.

Screenshot: Die Discover-Seite hilft, neue Künstler zu finden
Das Design hat sich grundlegend geändert, ebenso die Menüführung. Das bedarf zunächst einiger Eingewöhnung. Optisch ist das neue MySpace mit das ansehnlichste, was im Bereich der sozialen Netzwerke derzeit anzutreffen ist. Auch auf dem Tablet schaut es gut aus. Hier sticht vor allem die horizontale Navigation hervor, die am Desktop-Rechner jedoch eher hinderlich und ungewohnt wirkt. Auch der Musik-Player ist nun gut integriert. Hat man sich einmal an die Menüführung und Bedienung gewöhnt, kann man MySpace als Streamingdienst nutzen. 
Was sind die Stärken vom neuen MySpace?
Neben dem modernen Design ist es sicherlich die klare Fokussierung auf die Musik. Der Vorteil von MySpace gegenüber Diensten wie Spotify: Das Netzwerk läuft im Browser. Personen, die davon abgeschreckt werden, erst ein Programm auf ihren Computer installieren zu müssen, werden hier, anders als bei Spotify, nicht abgehalten.
Außerdem müssen sie, solange sie Musik hören wollen, die Seite zumindest im Hintergrund geöffnet halten und eingeloggt sein. Dadurch könnte sicher gestellt sein, dass genug aktive Nutzer dabei sind. Die soziale Komponente, die bei Spotify, auch in Verbindung mit Facebook, derzeit noch recht kurz kommt, könnte es einfacher machen, über Freunde neue Musik zu entdecken und sie zu teilen. 
Welche Schwächen hat das neue MySpace?
Die Stärke von MySpace – die Musik – ist gleichzeitig die Achillesverse. Denn gerade im Vergleich zu Spotify ist das Musikangebot derzeit noch sehr dürftig. Zahlreiche Tophits fehlen oder sind nur als Ausschnitt verfügbar. Die Verhandlungen zwischen YouTube und Gema zeigen zudem, dass auch abseits der Labels und Künstler die Rechtefrage nicht immer einfach zu klären ist und zum Teil von Land zu Land eigenständig gelöst werden muss.

Will MySpace mit seinem Musikangebot punkten, muss es hier mindestens gleichauf ziehen mit der kostenfreien Konkurrenz. Die Lücken sind jedoch gerade zum Start ein Problem. Neugierige, die vorbeischauen, vergleichen sofort und prüfen, ob das Netzwerk einen Mehrwert liefert. Tut es das aktuell nicht, kommen sie vielleicht auch dann nicht wieder, wenn der Mehrwert in Form von großer Musikauswahl geschaffen wurde.

Screenshot: Bei vielen Musikern sind nur wenige Titel oder gar nur Ausschnitte aus Songs verfügbar
Eine weitere Schwäche dürfte die fehlende mobile Präsenz sein. MySpace ist klar für die Nutzung am Desktop-Rechner ausgelegt. Die Musik-Hungrigen werden auf die Konkurrenz von Spotify oder Google, oder aber lokal gespeicherte Titel zurückgreifen.
Unklar ist auch noch – ähnlich wie bei anderen sozialen Netzwerken – die Frage der Finanzierung. Derzeit ist das Netzwerk noch werbefrei. Es ist unwahrscheinlich, dass das auch so bleibt. Darauf angesprochen, ob dies geplant sei sagte ein MySpace-Mitarbeiter dem Blog Juiced.de im Interview: "Das wird davon abhängen, inwiefern sich Myspace etwa durch Werbebanner finanzieren kann oder nicht." 
Gelingt MySpace das Comeback?
Die ersten Kritiken sind weitestgehend positiv. Das Layout und der Schritt eines radikalen Neuanfangs werden gelobt. Kritisch wird aber fast überall das begrenzte Musikangebot angeführt. Hier muss MySpace schnell nachlegen und einheitliche Fakten schaffen. Künstlerprofile, auf denen nur Ausschnitte von Song angeboten werden, passen nicht ins Konzept.
Gelingt das, kann MySpace sich in einer Lücke etablieren und die Kommunikation von Interpreten, die vorrangig über Facebook oder Twitter läuft, mit den Vorzügen einer Streaming-Plattform verbinden. Dies kann auch für kleine Nachwuchskünstler interessant sein, die ebenfalls an Streaing-Erlösen beteiligt werden könnten und zudem die Chance bekommen, sich bekannter zu machen. Im Video/TV-Bereich oder im Bereich Events/Ticketing lägen mögliche Wachstumsfelder.
Die Frage wird jedoch sein, wie schnell MySpace es gelingt, sein technisch ansprechendes Produkt mit attraktiven Inhalten zu füllen. Dauert es zu lange, werden die Nutzer neugierig hineinschauen, sich aber direkt wieder abwenden. Ob sie dann noch einmal wieder kehren: Ungewiss. Vielleicht will man auch deshalb bei MySpace trotz Neustart noch nicht die ganz große Werbetrommel anrühren.

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