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Capital: Alles auf Anfang in Berlin

Gruner + Jahr hat bei Capital die Führungspositionen besetzt. Horst von Buttlar übernimmt die Chefredaktion. Sein erstes Heft wird die Juni-Ausgabe sein, bis dahin macht Steffen Klusmann das Blatt weiter. Geschäftsführer von Capital wird Soheil Dastyari – der gleichzeitig Geschäftsführer von G+J Corporate Editors bleibt. Capital zieht nach Berlin um, das Konzept klingt ein wenig nach brandeins. Zielgruppe seien Menschen, "die sich mehr für die Lösung als das Problem interessieren".

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Dieser Leitspruch dürfte vermutlich auch für Capital selber gelten. Ist die renommierte Wirtschaftszeitschrift, einer der Gründungstitel von Gruner + Jahr, ein Problem für den Verlag? Oder kann er Teil der Lösung werden? Durch zahlreiche Umpositionierungen und eine für die weitere Historie schädliche Frequenzumstellung inklusive Rückumstellung hat das klare Profil der Zeitschrift gelitten. Dazu kommt die schwierige Lage auf dem Werbemarkt, unter der Wirtschaftstitel besonders zu leiden haben. Durch die Einstellung der Financial Times Deutschland und die Kündigung von über 300 Mitarbeitern der G+J Wirtschaftsmedien hat Capital zusätzliche Vermarktungsprobleme – Werbekunden müssen nun weiter fest an die Marke glauben.
Bei G+J heißt es in Gesprächen: "Wenn wir nicht dran glauben würden, machten wir das nicht." Doch klar ist auch, dass die Rettung von Capital zunächst vor allem symbolisch war – die Hamburger konnten der Konzernmutter Bertelsmann den Erhalt der Zeitschrift abtrotzen. Da stand anfänglich noch gar kein Konzept fest. Nur, dass Capital künftig in Berlin gemacht werden solle, von der dortigen Redaktion der Wirtschaftsmedien. Die Berliner Mitarbeiter hatten darum nicht wie ihre Kollegen in Hamburg die Kündigung auf den Tisch bekommen.
Über das künftige Konzept hatte sich in den Tagen und Wochen nach Bekanntgabe der Einstellung der FTD und dem Erhalt von Capital Soheil Dastyari Gedanken gemacht. Der im Hauptjob Geschäftsführer der G+J Corporate Editors ist, die für Unternehmen und Institutionen Medienformate konzipieren. Seit kurzem hat er auch Facts & Figures übernommen, die Corporate-Tochter der eingestellten FTD. Dastyari genießt das Vertrauen von G+J-Deutschlandchefin Julia Jäkel. Seine Doppelrolle ist potenziell problematisch, weil er als Corporate-Mann für Unternehmenskunden arbeitet, als Capital-Geschäftsführer aber kritische Artikel über eben diese Unternehmen vertreten und verteidigen muss.
Bei G+J hat sich der ehemalige Werber Dastyari für den Job empfohlen, weil er einige Zeit die Abteilung Marken- und Innovationsentwicklung verantwortete und die Entwicklung u.a. von Business Punk und Beef begleitet hatte. Gleichzeitig ist völlig offen, wie und ob der Leser- und Anzeigenmarkt das neue Capital annehmen wird – darum hat der Geschäftsführer auch eine Rückfalloption mit seinem Zweit-, bzw. Erstjob bei G+J Corporate Editors.
Keine Rückfalloption wird Horst von Buttler haben, der das Konzept gemeinsam mit seiner Redaktion zum Leben erwecken muss. Buttlar war bei der FTD Ressortleiter des Agenda-Buches, das für eine Tageszeitung schon immer recht magazinig daherkam. Die Aufgabe ist so reizvoll wie schwierig. Capital, so beschreibt es der Verlag, solle künftig "Wirtschaft auf eine neue Art erzählen – multiperspektivisch, global, visuell und begeisternd". Angesprochen fühlen sollen sich Menschen, "die sich mehr für die Lösung als das Problem interessieren", die "etwas bewegen" wollen und "sich als Macher verstehen". So oder so ähnlich haben sich schon andere (Wirtschafts-)Magazine zu positionieren versucht, gelungen ist es bisher eigentlich nur brandeins. Der Anspruch, ein Themenfeld "neu zu erzählen" klingt zunächst spannend, wirft aber die Frage auf, wie "neues Erzählen" denn überhaupt geht. Der Vorteil des "Macher-Ansatzes" ist, dass vermutlich weniger Konflikte mit Unternehmen entstehen, weil die Berichterstattung wirtschaftsfreundlicher als bisher ausfallen dürfte. Als redaktioneller Ratgeber steht Buttlar Andreas Petzold zur Seite, der künftige Stern-Herausgeber.
Gruner + Jahr werde Capital "zu einer relevanten Stimme des Wirtschaftsjournalismus" werden, kündigt Julia Jäkel an. Eigentlich hatten sich das Magazin und seine Macher schon immer als ebensolche verstanden. Doch wie es aussieht, fängt Capital im Juni 2013 wieder von vorne an. Hermann Hesse, übernehmen Sie!

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