Wie der RTL-Dschungel als Marke funktioniert

Während andere Top-Formate von RTL, wie “DSDS” oder “Das Supertalent”, mit massiven Akzeptanzproblemen bei den TV-Zuschauern kämpfen, startete das Dschungelcamp “Ich bin ein Star - holt ich hier raus!” stark wie nie in die siebte Staffel. Auch in den zwei Folgen nach dem Auftakt lagen die Quoten trotz des Auszugs von Zugpferd Helmut Berger über denen der Vorjahresstaffel. Das Erfolgsgeheimnis des Dschungelcamps: Dieses Format wird gepflegt wie wenig andere Marken im TV.

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Bei vielen erfolgreichen TV-Formaten geht die Aufmerksamkeitskurve zuerst steil nach oben, bleibt eine Weile auf hohem Niveau und beginnt dann rapide zu sinken. Aktuell ist dieser Sinkflug zu besichtigen bei “Deutschland sucht den Superstar”. Der Moment, wenn die Quotenkurve nach unten zeigt, löst normalerweise hektische Betriebsamkeit bei den Machern aus. Handelnde Personen werden ausgetauscht, am Konzept wird geschraubt, man sucht nach neuen Schlüsselreizen, um die abgestumpften Zuschauer bei der Stange zu halten.

Irgendwann hat sich diese Hype-Spirale dann totgelaufen, das Interesse erlahmt. Bei “DSDS” wurde im Laufe der zeit aus einer Musikshow eine Art Reality-Soap für Instant-Sternchen. Immer schneller wurde die Jury neu besetzt, immer schneller verglühten die Staffel-Sieger im Unterhaltungsbetrieb.

Bei “Ich bin ein Star – holt mich hier raus!” ist das anders. Dieses Format konnte seine Beliebtheit in mittlerweile auch schon sieben Staffeln auf absolutem Rekordniveau halten. Auch inhaltlich wirkt die Show heute immer noch vergleichsweise frisch – obwohl am Grundkonzept mit Campleben und Prüfungen fast nichts verändert wurde. Die TV-Produktion setzt hier auf Beständigkeit. Das Setting blieb über die Jahre hinweg gleich, mit Dirk Bach und Sonja Zietlow waren stets die bewährten Moderatoren an Bord, man hatte die gleichen Gag-Schreiber und “Dr. Bob” als Dschungel-Maskottchen war im immergleichen Outfit und mit der immergleichen Indiana-Jones-Fanfare auch jedesmal zur Stelle.

Stichwort Wiedererkennungswert. Als Zuschauer findet man sich beim Dschungelcamp sofort zurecht. Auch nach dem Tod des genialen Dschungel-Moderators Dirk Bach war die Produktion offensichtlich bemüht, die Rolle mit Daniel Hartwich im Bach’schen Sinne neu zu besetzen, ohne den verstorbenen Moderator plump zu imitieren. Dieses Gefühl dafür, was man beibehält und was man unmerklich verändern kann, ist gelungene Markenführung. Die Produktionsfirma und RTL agieren bei der Dschungelshow in Sachen Formatpflege weitaus geschickter als bei anderen Shows.

Es sind natürlich auch die speziellen Rahmenbedingungen der Show, die diese Fokussierung auf die Markenführung erleichtern. Bei den Dschungelprüfungen fällt es schwer, die Schrauben noch weiter anzuziehen. Bereits in der ersten Staffel wurde Daniel Küblböck mit Kakerlaken überschüttet und es musste ekliges Zeug verputzt werden. Das bereits in der ersten Staffel angelegte Konzept immer weiter verfeinert: von den ritualisierten Gehässigkeiten des Moderatoren-Duos, den Anspielungen auf das aktuelle Tagesgeschehen in Deutschland, die Zusammensetzung der Camp-Kandidaten mit Blick auf bestimmte Rollen (Camp-Mutti, Ersatz-Tarzan, Dschungel-Natter, Liebespaar etc.).

Gerade dadurch, dass die Show so stark formalisiert war und dies auch pflegte, waren immer wieder überraschende Grenzüberschreitungen möglich: die Lagerfeuer-Beichte von Ingrid van Bergen etwa oder der unerwartete Sieg des sanften Peer Kusmagk. Auch der Sieg der personifizierten One-Woman-Show Brigitte Nielsen war durchaus eine Überraschung. Und auch diesmal wieder spielt der Sender genial mit den Erwartungshaltungen der Zuschauer und der Medien. Helmut Berger wurde im Vorfeld als gefallener Weltstar, der das Camp aufmischen wird, aufgebaut und durch die RTL-PR-Maschine von “Exklusiv” bis “Punkt 12” gezerrt. Dann zog er aus gesundheitlichen Gründen bereits nach zwei Tagen wieder aus und die Moderatoren zeigten allen eine lange Nase: selber doof, wer dachte, dass es der Alte länger aushält. Dazu wurden theatralisch zwei Leitz-Ordner mit angeblich vorbereiteten Helmut-Berger-Witzen die Hängebrücke runtergeworfen. Man braucht sie ja nicht mehr.

Diese Schnoddrigkeit, das Spiel mit Selbstironie und der Meta-Ebene macht das Camp auch für intelligente Zuschauer zu einem Vergnügen. Der Menschen-Zoo Dschungelcamp funktioniert auf vielen verschiedenen Ebenen. Die einen ergötzen sich daran, dass die „Promis“ einen Eimer Schleim auf den Kopf gesetzt bekommen. Darüber liegen die Psycho-Dynamik im Camp, die Sprüche der Moderatoren. Dass die Show auf diese komplexe Weise heute sogar noch besser funktioniert als am Anfang liegt auch daran, dass man die Marke – trotz der anfänglichen Zurückhaltung der Werbe-Industrie – konsequent gepflegt hat. Die Dschungelshow ist ihrem Markenkern treu geblieben. Das honorieren die Zuschauer.

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