Medien-Baisse: G+J wird Börse Online los

Der Münchner Finanzen Verlag profitiert von der weitgehenden Einstellung der Wirtschaftsmedien bei Gruner + Jahr. Verlagschef Frank-B. Werner kauft den Hamburgern den Wochentitel Börse Online ab und will zehn Mitarbeiter aus Frankfurt in München unterbringen. Der Kaufpreis wird nicht genannt, das Signal ist aber klar: Spezialtitel können in Spezialverlagen womöglich besser überleben als in Großverlagen. Ob die Rechnung aufgeht, wird natürlich noch zu beweisen sein.

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Finanzen-Chef Frank-B. Werner war bei Gründung von Börse Online im Jahr 1987 einer der Ressortleiter – und ist seither in dem Börsen- und Finanzpresse-Geschäft zugange. Er übernahm 2010 von der Axel Springer AG die Titel Euro und Euro am Sonntag und brachte diese in den Münchner Finanzen Verlag ein, den er auch leitet. Der umtriebige Werner sieht den Kauf als Abrundung seines Verlagprogramms – Euro erscheint monatlich, Euro am Sonntag wöchentlich und der Artinvestor alle zwei Monate. Dazu kommen digitale Angebote seiner Titel, u.a. die Website finanzen.net. Schon vom 18. Januar an erscheint Börse Online in der FV Börsen Verlag GmbH, einer Tochter des Finanzen Verlags.
Es gab auch Spekulationen, die Chefredakteurin Stefanie Burgmaier könnte – ähnlich wie ihr Kollege Nikolaus Förster den Titel Impulse – Börse Online in einem Management Buyout übernehmen. Von Burgmaier ist in der Pressemitteilung aber keine Rede.   
Das Wirtschaftssegment und speziell gedruckte Anlegerzeitschriften haben in den vergangenen Jahren große Probleme gehabt. Nur im Börsenboom um die Jahrtausendwende haben sie sehr viel Geld in die Kassen der Verlage gespült, dann folgte eine lange Phase des Sparens, Verkaufens und Einstellens. Viele Verbraucher holen sich heute ihre Börseninformationen im Internet. Der letzte negative Höhepunkt war die weitgehende Einstellung der G+J-Wirtschaftsmedien (u.a. FTD).
Noch unklar ist, wie Werner den Titel profitabel führen will und ob er beispielsweise die digitalen Angebote ausbaut. Die Strukturen und der Verlags-Overhead werden in München jedenfalls deutlich vorteilhafter für eine schwarze Bilanz sein. Vermutlich kann nur ein Spezialverlag, der ohnehin auf Kosteneffizienz ausgerichtet ist, einen vom Massenmedium für anlegerwütige Deutsche zu einem Spezialtitel mutierten Blatt wie Börse Online erfolgreich führen. Ob Werner die Redaktionen in München als Gemeinschaftsredaktion mit Euro und Euro am Sonntag führen wird, ist noch unklar. Er verzichtet jedenfalls schon mal auf den Redaktionsstandort Frankfurt, der für einen Börsentitel eigentlich wichtig sein sollte.

Die Auflage von Börse Online lag im dritten Quartal 2012 bei 57.681 durchschnittlich verkauften Exemplaren in der Woche. Im dritten Quartal 2002 waren es noch 153.339 Exemplare (die Zahl wurde gegenüber einer früheren Fassung korrigiert). Dies entspricht einem Verlust von 62 Prozent in zehn Jahren. In Spitzenzeiten verkaufte die Zeitschrift über 250.000 Exemplare wöchentlich.

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