Dürfen wir über Helmut Berger lachen?

Die vermeintlich so triviale und trashige RTL-Dschungelshow “Ich bin ein Star - holt mich hier raus?” ist diesmal die Bühne für eine große, moralische Frage. Der frühere Weltstar Helmut Berger wird von RTL und Bild zur Erbauung der Meute durch die Medienmanege gezogen wie ein altes, krankes Zirkuspferd. Aber er macht es freiwillig. Im Vorfeld der siebten Staffel spitzt sich darum alles auf eine Frage zu: Dürfen wir Zuschauer über Helmut Berger lachen? Die Antwort fällt nicht leicht.

Anzeige

Klar, wir schauen hin. Helmut Berger, der “ehemals schönste Mann der Welt”, greift der XXL-Transe Olivia Jones am Flughafen in den Schritt und lässt sich von ihm/ihr einen Schmatz auf die welke Wangen drücken. Er kippt sich ein Fläschchen “Frizzante” hinter die Binde und torkelt mit seiner Sonnenbrille über den Flughafen. Zugedröhnt, abgefuckt, vorgeführt. Berger, der seine eigene Klobrille mit in den Dschungel nehmen will. Berger, der der Katzenberger-Mutti “an die Hupen” (O-Ton Bild.de) fasst. Bild jubiliert in Dauerschleife: “Dieses Dschungelcamp wird dank IHM das bizarrste aller Zeiten!”

Im Flieger nach Australien pöbelte Berger die Crew und RTL-Mitarbeiter an, weil man ihm nichts mehr zu trinken geben wollte (“Ihr seid Schweine. I signed papers!”). Laut Agenturberichten soll er dann gesagt haben:  "Wenn ich nichts zu trinken bekomme, dann gehe ich auf die Toilette und bringe mich um." Zack. Da weiß man auf einmal nicht mehr so Recht, ob man noch lachen soll. Oder darf.

Und nun sitzen wir zuhause vor dem Fernseher oder dem Computer-Bildschirm und fragen: Ist das noch lustig? Darf ich über diesen irren Berger lachen? Müsste man dem armen Mann nicht helfen? wuv.de hat einen Medienethiker (Christian Schicha) ausgegraben und befragt. Der sagt, was ein Medienethiker wohl so sagt: "Es ist aus meiner Sicht ethisch nicht vertretbar, alkoholisierte Prominente in Talkshows oder Spielshows auftreten zu lassen." Aber so einfach schwarz und weiß, wie der Medienethiker meint, geht es nicht zu in der Welt. In der Medienwelt schon gar nicht.

Würde jemand Helmut Berger eine helfende Hand reichen, in zu einer Therapie drängen, würde der vermutlich erstmal eine Schimpfkanonade abfeuern und danach Einen trinken. Das ist das Elend der Gefallenen: In der Regel wollen solche Leute sich nicht helfen lassen. Bei RTL wäscht man die Hände in Unschuld. Er hat freiwillig den Vertrag unterzeichnet, es gab medizinische Checks, die Kandidaten werden während der Show betreut. Außerdem ist der Berger ja ein alter Profi. Alles picobello.

Die Dschungelshow bei RTL lebt nicht zuletzt von Grenzgängern wie Helmut Berger. In der Vergangenheit machten sich die Medien auch schon scheinheilig Sorgen um die Labilität von Ramona Leiß, um den fastenden Rainer Langhans, um die psychisch auffällige Sarah Knappik. Bisher ist immer alles gut gegangen. Die “Stars” kamen gesund aus dem Dschungel zurück. Manchen hat die Dschungelkur sogar erkennbar gut getan. Am Ende einer Staffel, wenn alle wieder wohlbehalten im Schwulst des Hotels Versace angekommen sind, kann man festhalten, dass RTL mal wieder alles richtig gemacht hat. Hei, was haben wir gelacht! Der Berger und seine Klobrille. Es war doch alles nur Unterhaltung. Ein Riesenspaß. Alles gut.

Es liegt aber in der Natur des Grenzgängertums, dass die Chance des Scheiterns im Hintergrund lauert. Wenn die Staffel startet, weiß man eben noch nicht, ob diesmal auch wieder alles gut wird. Es könnte auch mal ganz dumm laufen und ein Kandidat bekommt im schwülen Wetter einen Herzinfarkt. Oder jemand stürzt und verletzt sich schwer. In einem solchen Fall hätten RTL und die Medien dann plötzlich alles falsch gemacht. Dann würde unser Lachen in Schock umschlagen. Es wäre plötzlich alles gar nicht mehr gut und lustig. Wir müssten uns schämen.

Zum Glück ist bisher immer alles gut gegangen bei der Dschungelshow. Wir alle – Medien, Zuschauer, Beteiligte – sollten beten, dass es dabei bleibt.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige