Wie SZ.de den Wulff-Patzer schönfärbt

Publishing Heute hat MEEDIA über eine - man kann es nicht anders nennen - journalistische Peinlichkeit bei sueddeutsche.de berichtet. Das Portal hatte sich ganz offensichtlich die von der Bild via Deutsche Presse-Agentur verbreitete Exklusivmeldung der Wulff-Trennung zu eigen gemacht und einfach den dpa-Quellenhinweis auf das Boulevardblatt durch "nach Informationen der Süddeutsche Zeitung" ersetzt. Doch statt entschuldigender Worte kontert die Redaktionsleitung mit Vorwürfen - gegen MEEDIA.

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Im Grunde genommen gibt es am Sachverhalt wenig zu deuteln. Die Online-Version der ersten Meldung mit den vertauschten Urhebern der Exklusivmeldung hatte MEEDIA als Screenshot beigefügt und auch dargelegt, dass der Verweis auf "hochrangige CDU-Kreise" als Informationsquelle der Bild aus der dpa-Fassung bei sueddeutsche.de zunächst übernommen, später dann ersatzlos gestrichen worden war. Das alles riecht nach redaktionellem Chaos bei einer eiligen Publizierung der Breaking News, die durch die Republik fegte. Und es wirft Fragen auf. Vor allem die, warum sich eine so erfahrene und ambitionierte Nachrichtenmannschaft wie die des Münchner Premium-Verlags einen so plumpen Fauxpas leisten kann. Die Exklusivmeldung der dpa war ja in der Welt, der Artikel bei Bild.de längst online.
So etwas ist nicht schön, aber, ja, das kann mal passieren. Bei Spiegel Online, dem unumstrittenen Qualitätsmarktführer unter den News-Portalen, haben sie kürzlich sogar einen ehemaligen US-Präsidenten für tot erklärt und den Nachruf veröffentlicht, während der sich auf dem Weg der Besserung befand. Sicher sind beide Fälle völlig unterschiedlich gelagert, eines aber haben sie gemeinsam: So ärgerlich so etwas ist, so klar ist die interne wie externe Reaktion darauf. Man stellt die Dinge klar und steht zu dem, was falsch gelaufen ist. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern journalistische Pflicht.
Im vorliegenden Fall scheint dies nicht der Fall zu sein. Es fing schon damit an, dass Chefredakteur Stefan Plöchinger, der sich auf Anfrage via automatisierter Mail für nicht erreichbar erklärte, via Twitter beklagte, MEEDIA habe sueddeutsche.de nicht genügend Zeit eingeräumt, sich in der Angelegenheit zu erklären. Er verstieg sich in seinen Tweets dazu, MEEDIA eine "Korrektur" zu empfehlen und textete: "Mal sehen, ob sie weiter @bild.de glauben."
Auf diesem Wege dazu unsere Antwort: Lieber Stefan @ploechinger: Nein, wir korrigieren uns nicht, wir haben dazu keine Veranlassung. Sie haben auch keinen für uns nachvollziehbaren oder glaubhaften Beleg für Ihre These beibringen können, dass die Süddeutsche Zeitung ebenfalls am Thema ganz dicht dran war. Das kann hinterher schließlich jeder behaupten. Und selbst wenn es so gewesen wäre, sind Sie ein schlechter Verlierer, denn nicht Ihre Meldung wurde von dpa verbreitet, sondern die der Bild-Zeitung.
Für alle, die der Vorgang im Detail interessiert, hier die Chronologie, die Statements von der Redaktion von sueddeutsche.de und die Anmerkungen von MEEDIA dazu der Reihe nach:
- MEEDIA hat den Chefredakteur von sueddeutsche.de, Stefan Plöchinger, am Mittwoch um 9.40 Uhr via E-Mail Fragen zur Sache geschickt. Daraufhin erhielten wir eine automatisierte Antwort, dass Herr Plöchinger nicht erreichbar sei und man sich ab 6. Januar an seinen Vertreter Lutz Knappmann wenden möge. Dies haben wir getan. Die Mail an Lutz Knappmann mit den identischen Fragen ging um 10.14 Uhr raus. Eine Antwort von ihm erfolgte nicht. Um 11.32 Uhr haben wir den Text bei MEEDIA veröffentlicht und darauf hingwiesen, dass noch eine Anfrage bei sueddeutsche.de anhängig ist.
- Danach hat sich der angeblich abwesende sueddeutsche.de-Chefredakteur Plöchinger via Twitter und E-Mail darüber beklagt, dass seiner Redaktion zu wenig Zeit für eine Stellungnahme eingeräumt worden sei. Außerdem forderte er öffentlich eine "Korrekur" und mahnte "Recherche" an. Wir meinen: Zeit genug für eine kurze Rückmeldung wäre gewesen. Außerdem war eine Stellungnahme von sueddeutsche.de für den Kern der Geschichte nicht notwendig. MEEDIA hat die Story mit Screenshots von sueddeutsche.de und der Agenturmeldung der Bild-Zeitung hinreichend belegt.
- Um 13.22 Uhr erreichte uns dann eine Stellungnahme von Julia Bönisch, stellvertretende Chefredakteurin von sueddeutsche.de, die wir im folgenden kommentiert veröffentlichen:
“Die Information über die Trennung des Ehepaars Wulff lag unseren Kollegen der Süddeutschen Zeitung ebenfalls vor – allerdings hatte sie deren Quelle mit einer Sperrfrist bis 17 Uhr versehen. Als die Redaktion der Bild ihre Meldung am Vormittag veröffentlichte, haben wir uns nach kurzer Beratung und Rücksprache mit den informierten Kollegen der SZ dazu entschlossen, die Meldung ebenfalls zu bringen – aber eben mit Berufung auf unsere eigenen Quellen und nicht unter Berufung auf die Bild. Schließlich lag die Information, wie gesagt, hier im Haus ebenfalls vor.”
Auf telefonische Nachfrage von MEEDIA bestätigte Frau Bönisch, dass die genannten "hochrangigen CDU-Kreise" die Quelle der Süddeutschen Zeitung waren. Warum man bei der Nennung der eigenen Quelle dann wortgleich die Formulierung der von der Bild-Zeitung abgefassten Agentur-Vorabmeldung verwendet, bleibt rätselhaft.
Zur Erinnerung nochmal der ursprüngliche Texteinstieg bei sueddeutsche.de:
"Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff und seine Ehefrau Bettina haben sich nach Informationen der Süddeutschen Zeitung getrennt. Die Zeitung beruft sich auf Aussagen aus hochrangigen Kreisen der CDU. Demnach haben die Eheleute am Montagmorgen bei einem Rechtsanwalt in Hannover eine Trennungsvereinbarung unterzeichnet."
Und hier zum Vergleich der Text der von der Bild-Zeitung ursprünglich herausgegebenen Vorabmeldung, die Sueddeutsche.de über den dpa-Ticker erhielt:
"Ex-Bundespräsident Christian Wulff und seine Ehefrau Bettina haben sich offiziell getrennt. Das berichtet die BILD-Zeitung unter Berufung auf hochrangige Kreise der CDU. Demnach haben die Eheleute Wulff am Montagmorgen bei einem Rechtsanwalt in Hannover eine Trennungsvereinbarung unterzeichnet."
Dazu Julia Bönisch von sueddeutsche.de:

"In der Tat haben wir in den ersten Minuten in unserer Eilmeldung Sätze einer Nachrichtenagentur verwendet – so ist die Ähnlichkeit der Meldungen zu erklären. Im Zuge einer Aktualisierung des Artikels wurden dann die ‘CDU-Kreise’ durch die Stellungnahme des Anwalts ersetzt, da der Anwalt darin die Trennung offiziell bestätigte und damit auch unsere Meldung.”
Wir halten fest: In dem Moment, in dem die Süddeutsche eine offizielle Bestätigung erhält, wird jeder Verweis auf die eigene Vorab-Quelle ("CDU-Kreise") angeblich aus dem Text gestrichen und durch die offizielle Stellungnahme ersetzt. Ist das glaubhaft? Ist es glaubhaft, dass man bei sueddeutsche.de zwar Zeit genug hat, mit der Print-Redaktion Rücksprache zu halten und auch den Verweis "nach Informationen der Süddeutschen Zeitung" in den Text einbauen konnte, aber die Zeit fehlte, die Formulierungen aus der Bild-Vorabmeldung umzuschreiben oder gar eigene Formulierungen zu finden? Und warum heißt es, der Anwalt habe sich gegenüber der Süddeutschen geäußert, wo dessen Statement doch eine an alle verbreitete schriftliche Erklärung war? Und ob die – von sueddeutsche.de schnell übernommene etwas blumige Berufung der Bild auf "hochrangige CDU-Kreise" womöglich eine im Nachrichtenjournalismus nicht eben seltene Finte zur Verschleierung der tatsächlichen Quellenlage war, darüber darf ebenfalls spekuliert werden. Sollte die Süddeutsche hier eigene Infos haben, wo sind diese in der Berichterstattung auf dem Portal zu finden?
Weiter schreibt sueddeutsche.de in der Stellungnahme zum MEEDIA-Bericht:
"Im Übrigen erheben Sie sehr allgemein den Vorwurf, die Süddeutsche Zeitung hefte sich ‘exklusive Infos der Konkurrenz gerne ans eigene Revers’. Das ist nicht nur wahrheitswidrig, sondern auch unfair.”
Wir meinen: Gewiss gibt es Fälle, in denen mehrere Redaktion in zeitlicher Nähe die gleichen Infos erhalten. Die schnellere Redaktion schöpft den Ruhm für den Scoop ab. Wer nachziehen muss, kann die Eigenleistung immer noch mit Formulierungen wie "bestätigt dabei gleichlautende Informationen von" etc. ausflaggen. Das Gleiche wie der Schnellere aber ohne zusätzliche Infos hinterher zu veröffentlichen, dabei Formulierungen der Konkurrenz zu benutzen und Artikel dann intransparent für die Leser zu verändern – das ist unserer Meinung nach zu wenig für ein Premium-Portal wie sueddeutsche.de.

Nachtrag, 09.01., 19.10 Uhr: Inzwischen hat Stefan Plöchinger auf seinem privaten Blog bei tumblr.com einen Beitrag in der Angelegenheit online gestellt. Darin äußert er sich wortreich im Versuch einer "Dekonstruktion" der "Vorwürfe" und wehrt sich u.a. dagegen, "die ‘arme’ Bild-Zeitung missbraucht" zu haben. Aber abgesehen von der sicher nicht unstrittigen Frage, ob eineinhalb Stunden Reaktionszeit auf eine Anfrage bei einem Online-Nachrichtenmedium genug seien, erfahren wir zum Kern der Sache: nichts.
Journalisten glauben, was belegt und überprüfbar ist. Behauptungen gehören nicht dazu, Screenshots, dpa-Meldungen und weitgehend identische Artikel-Formulierungen im Wortlaut dagegen schon. MEEDIA meint: So schafft man nichts aus der Welt, sondern schädigt nur den guten Ruf des eigenen Hauses.

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