„Töte zuerst“: NDR-Doku im Oscar-Rennen

Unter insgesamt 126 Bewerbern hat es der Film schon auf die Shortlist der 15 weltbesten Dokumentationen geschafft - diese Woche entscheidet sich, ob "Töte zuerst" für den Oscar nominiert wird. Am Donnerstag, 14.30 Uhr deutscher Zeit, gibt die Academy of Motion Picture Arts and Sciences die begehrte Liste bekannt. Ein Platz unter den letzten fünf im Rennen um die höchste Auszeichnung wäre auch ein riesiger Erfolg für den Ko-Produzenten NDR und dessen Sparte Kultur und Dokumentation.

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Dabei ist "Töte zuerst – der israelische Geheimdienst" nur eins von vielen spannenden und prämierten Filmprojekten, die unter Mitwirkung der Hamburger Dokumentations-Redakteure entstanden sind. Der Beitrag, der international unter dem Titel "The Gatekeepers" bereits zu sehen war und von den Kritikern hochgelobt wurde, ist in Deutschland erst Anfang April zu sehen. Der Beitrag ist ein Gemeinschaftswerk, bei dem der NDR mit dem israelischen Fernsehen IBA und ARTE France zusammenarbeitete.
MEEDIA hat den Film bereits gesehen und Fragen an Patricia Schlesinger, Verantwortliche für den Programmbereich, gestellt. "Töte zuerst" ist nicht nur deshalb eine beeindruckende Dokumentation, weil sie dem Zuschauer exklusives Wissen vermittelt. Sie ist auch deshalb so wirkungsvoll, weil sie dies mit minimalen Mitteln erreicht: Die Geschichte der israelischen Besatzungspolitik über mehrere Jahrzehnte wird ausschließlich aus der Sicht der mächtigen Chefs des wichtigsten Geheimdienstes Shin Bet erzählt. Es gibt keinen Kommentar aus dem Off, keine  Experten, die dem Zuschauer das Denken erleichtern oder abnehmen.
Stattdessen präsentiert Regisserur Droh Moreh sechs ehemalige Drahtzieher der israelischen Politik in Nahaufnahme, was bereits für sich ein beinahe unglaubliche Leistung darstellt: Nie zuvor haben Leiter des Shin Bet in der Öffentlichkeit über ihre Einsätze und Entscheidungen gesprochen. Der Shin Bet ist zuständig für die innere Sicherheit in Israel und den besetzten Gebieten Westjordanland und Gaza. Seine Aufgabe ist es, Anschläge zu verhindern, Terroristen auszuschalten, Informationen zu erlangen – manchmal um einen immens hohen Preis.
Seit dem Sieg der israelischen Streitkräfte im Sechstagekrieg 1967 ist es Israel nicht gelungen, dauerhaft Frieden zu schließen. Die Leiter des Shin Bet standen seit Ende des Krieges im Zentrum aller sicherheitsrelevanten politischen Entscheidungen Israels. Sie berieten alle Premierminister, ihre Einschätzungen und Ansichten hatten – und haben – erheblichen Einfluss auf die israelische Politik. Im Film sprechen sie erstmals über ihre Arbeit, über Erfolge und folgenschwere Fehlschläge.
Schon die Eingangssequenz ist eine filmische Meisterleistung. Während ein Ex-Chef über einen Einsatz gegen einen der Staatsfeinde spricht, sehen wir die Luftaufnahmen des observierten Fahrzeugs, sehen die Gestalten, die es verlassen, in ein Gebäude gehen und wieder einsteigen. Wir hören, wie der Befehlshaber über die Macht über Leben und Tod spricht, die ihm sein Amt verliehen hat, als plötzlich wie aus dem Nichts die Rakete in den Truck einschlägt und die Leben der Insassen auslöscht.
Wer nun glaubt, dass dies im Kontext der von vielen Militärs betriebenen Propaganda der "chirurgischen Schläge" gegen den Terror geschieht, täuscht sich. Der Film zeigt schonungslose und überraschend selbstkritische Einblicke in die Besatzungspolitik Israels, auch – zumindest bei einigen – eine über die Jahre gewachsene Empathie für die Situation der Palästinenser. Man spürt, dass "Töte zuerst" für keinen der Beteiligten (den Zuschauer eingeschlossen) ein einfacher Film ist; je mehr er erklärt, desto verstörender wird das Gesamtbild, es gerinnt zum Destillat der Zeitgeschichte, ein Zeugnis tief aus der zerrissenen Seele des Nahostkonflikts.
Die New York Times schrieb: "Der Film hat Haltung – er beruft sich ausschließlich auf die sechs Stimmen ohne die in Dokumentationen sonst üblichen gelangweilten Experten oder gegensätzlichen Ansichten – aber er ist auch ungeheuer, sogar spannend fair. Er erschüttert mit Sicherheit jeden Zuschauer in seinen Grundüberzeugungen, egal ob Rechts, Mitte, Links oder gar mit dem Kopf im Sand. Wer Zuversicht sucht oder Gründe für Optimismus im Nahen Osten, der wird dies hier nicht finden. Was Sie finden werden ist seltene und fast unerträgliche Klarheit."
Für Patricia Schlesinger, die mit ihrem Programm-Team bereits seit Jahren immer wieder für Publikumserfolge und viel diskutierte Dokumentationen gesorgt hat, ist eine Auszeichnung bei den Academy Awards bislang ein kühner Traum – die Konkurrenz ist stark wie lange nicht, das Thema schwer und polarisierend. MEEDIA hat sie zum Oscar-Beitrag und bereits gelaufenen und geplanten Filmen befragt.

Wie kam es bei "Töte zuerst" zu der Idee dieser Art von Dokumentation, wie gelang es dem Autor, die Geheimnisträger zur Kooperation und zu offenen Interviews zu bewegen?
Patricia Schlesinger: Regisseur Dror Moreh hat für Das Erste einen Dokumentarfilm über Ariel Sharon (2008) gedreht; dafür sprach er mit Sharon über kritische Kommentare von ehemaligen Shin Bet-Chefs über seine Politik. Sharon gab zu erkennen, dass diese Kritik ihn im Innersten traf, weil sie aus dem Zentrum des Sicherheitsapparates kam. Moreh hat daraufhin beschlossen, einen Film über diese Männer im Zentrum der israelischen Macht zu machen, also über die Männer, deren einzige Aufgabe die Palästinenser und die israelische Sicherheit sind. Es sollte ein Interviewfilm werden und Ami Ayalon, einer der ehemaligen Shin Bet-Direktoren, sagte Moreh sofort zu und stellte den Kontakt zu seinen Vorgängern und Nachfolgern her. Zuletzt willigte auch Yuval Diskin ein – aber erst nach Ende seiner Amtszeit.
Haben alle noch lebenden Befehlshaber des Schin Bet bei dem Beitrag kooperiert und aus welchen Gründen?
Alle noch lebenden Shin Bet-Chefs werden in dem Film interviewt, bis auf den amtierenden Shin Bet Chef Yoram Cohen. Die ehemaligen Chefs des Shin Bet haben kooperiert, weil sie sorgenvoll in die Zukunft Israels blicken.
Welche Rolle spielte der NDR, welche Erfahrungen machten Sie bei der Gemeinschaftsproduktion?
Der NDR war von Anfang an in das Projekt eng involviert. Aufgrund der ersten Interviews, die Moreh ohne Kamera, nur mit dem Bandgerät machte, beschloss der NDR, Koproduktionspartner in diesem Projekt zu werden. Gemeinsam mit Itay-Nevo Landsberg vom israelischen Fernsehen IBA, Marianne Levy-Leblanc von ARTE France hat NDR Redakteurin Barbara Biemann mit Regisseur Dror Moreh das komplette Rohmaterial gesichtet und eine Struktur für den Film erarbeitet. Der NDR war an allen Produktionsschritten maßgeblich redaktionell beteiligt. Die Zusammenarbeit mit Dror Moreh und Produzentin Philippa Kowarski war sehr kooperativ und vertrauensvoll. Das größte Problem war es, das umfangreiche Material zu ordnen, eine Erzählstruktur zu finden, die ein internationales Publikum interessiert – und zu kürzen. Dror Moreh scherzt manchmal, er habe ein Arm und ein Bein im Schneideraum verloren. Die Kinofassung ist 95 Minuten lang, die deutsche Fernsehfassung 90 Minuten.
Was ist generell der Ansatz bei den neuen NDR-Dokumentationen, welche Stoffe gehen Sie an, wofür sollen die Formate stehen?
Wir produzieren  Dokumentationen vor allem zu relevanten Themen aus Politik, Gesellschaft und Geschichte. Unsere Dokumentationen liefern Hintergründe und neue Erkenntnisse – im Interesse der Zuschauer. Der NDR bietet ein breites inhaltliches Spektrum, beispielsweise über die Affäre Wulff, über das Geschäftsmodell von Facebook oder die Arbeitsbedingungen bei der Herstellung von Jeans in China, über Kinderarbeit auf Kakaoplantagen, eine Analyse der Rocker-Szene in Deutschland, eine Dokumentation über Lügen in der Politik oder ein Porträt des russischen Präsidenten Putin. Wir wollen, dass unsere Zuschauer in der Lage sind, sich zu vielfältigen Themen eine eigene Meinung zu bilden. Außerdem produzieren wir zusammen mit nationalen und internationalen Kooperationspartnern – z.B. mit der BBC – Tier- und Naturfilme für den Montagsplatz im Ersten, für die beste Sendezeit um  20:15 Uhr.
Was macht eine wirklich gute Dokumentation Ihrer Ansicht nach aus?
Das Thema ist entscheidend: Betrifft es unsere Zuschauer? Ist es interessant für sie? Eine gute Dokumentation soll informieren und überraschen, manchmal auch unterhalten. Dafür braucht man natürlich auch exzellente Autoren, die die Themen für unser Publikum aufbereiten, so wie uns das mit "Die Story im Ersten" im Moment meistens gut gelingt.
Welche Rolle spielt der Quotendruck, welche Publikumserfolge können Sie vorweisen?
Selbstverständlich ist es unser Ziel, mit unseren Dokumentationen möglichst viele Zuschauer zu erreichen – wir wollen gesehen werden!
Wie sieht da Ihre Bilanz bisher aus?
Im vergangenen Jahr ist das gelungen mit "Der Sturz – Honeckers Ende", ein Film, den mehr als 4 Millionen Zuschauer gesehen haben, mit einem Marktanteil von 13,6 Prozent; das Doku-Drama "Vom Traum zum Terror – München 72" haben fast 3 Millionen gesehen, ein Marktanteil von 11,5 Prozent. Auch der Dokumentarfilm "Ein deutscher Boxer" über Charlie Graf war mit mehr als 2 Millionen Zuschauern und 12 Prozent Marktanteil sehr erfolgreich. Das einzige Interview, das Putin vor seiner zweiten Wahl zum russischen Präsidenten gegeben hat und Grundlage für unser Porträt "Ich, Putin", war, sahen 1,8 Millionen (10,9% MA). Am Ende entscheiden die Zuschauer und zur Zeit finden gute Dokumentationen in den meisten Fällen ihr Publikum. "Die Story im Ersten" schauen im Schnitt zur Zeit 1,5 Millionen Zuschauer an (9% MA), das ist doch schon sehr erfreulich.
Gibt es zu wenige Formate beziehungsweise Sendeplätze für anspruchsvolles Dokumentarfernsehen?
Im Ersten haben wir im Moment keine Not, es gibt viele gute Dokumentationen. Meine Erfahrung zeigt, dass es für gute Filme fast immer auch gute Sendeplätze gibt, auch auf Sonderplätzen, die eigens für einen bestimmten Film frei gemacht werden. Und mit "Die Story im Ersten" und "Geschichte im Ersten" haben wir zwei Sendeplätze erfolgreich etablieren können. Im NDR Fernsehen haben wir nun mit  "45 Minuten" ein gesellschaftspolitisches, auch investigatives Format im Programm. Wir arbeiten zusammen mit den Kollegen aus den anderen ARD-Häusern kontinuierlich an neuen Formaten, neuen Erzählweisen für unsere Dokumentationen im Ersten und in den Dritten Programmen.
Was planen Sie in den nächsten Monaten an neuen Filmen?
Ende nächsten Jahres werden wir in einem großen Dokudrama das Lebenswerk von Helmut Schmidt würdigen. Wir beobachten in diesem Jahr die Kanzlerin und ihren Herausforderer Steinbrück im Wahlkampf und wir arbeiten an einer Dokumentation über Lügen in der Politik. Wir produzieren gerade einen Film über den Syrienkonflikt, dafür hat unser Autor ein Interview mit dem syrischen Präsidenten Assad geführt. Ein Film über Gunter Sachs ist bereits fertiggestellt, dafür hat uns die Familie exklusives Videomaterial zur Verfügung gestellt. Und natürlich "Shin Bet – Töte zuerst!" am 3. April um 22.45 Uhr. 

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