News-Check: “RTL Aktuell” vs. “Tagesschau”

Die “Tagesschau” feierte als Flaggschiff der ARD-Nachrichten kurz vor Jahreswechsel ihren 60. Geburtstag. Wir bei MEEDIA hatten uns aus diesem Anlass kritisch mit der Sendung befasst. Das Fazit lautete: Die “Tagesschau” erklärt nicht, sie betäubt. Auf Anregung von Lesern haben wir uns nun auch die einmal die private Konkurrenz von “RTL Aktuell” vorgenommen und eine Ausgabe mit der 20-Uhr-”Tagesschau” vom selben Tag verglichen - mit erstaunlichem Ergebnis.

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Wir vergleichen also die Haupt-Ausgabe der ARD “Tagesschau” um 20 Uhr mit der “RTL Aktuell”-Ausgabe um 18.45 Uhr vom Montag, 7. Januar 2013. Das Tagesgeschehen gibt Einiges her: Die Eröffnung des Berliner Großflughafens verzögert sich, die Wulffs trennen sich, die FDP streitet sich usw. Die RTL-Nachrichten an diesem Tag werden vom bewährten Team Peter Kloeppel und Ulrike von der Groeben (Sport) präsentiert, die „Tagesschau“ von Chefsprecher Jan Hofer.

Die Präsentatoren

Kloeppel und von der Groeben bei “RTL Aktuell” sind ein seit Jahren eingespieltes News-Gespann. Das merkt man auch. Bei RTL haben sie gut daran getan, Kloeppel als Anchorman zu halten. Er beherrscht diese angelsächsische News-Lockerheit im CNN-Stil wie kein Zweiter im deutschen TV (auch wenn sich Claus Kleber immer anstrengt, es genauso hinzubekommen). Zwar hat Kloeppel einen gewissen Hang, bedeutungsschwanger überzubetonen – aber das merkt man wahrscheinlich nur, wenn man zu viele “Switch Reloaded”-Parodien von ihm gesehen hat. Im Ernst: An der souveränen Nachrichten-Präsentation von Peter Kloeppel gibt es rein gar nichts auszusetzen und auch Ulrike von der Groeben macht einen routinierten, hervorragenden Job. Beide haben sogar die berühmt-berüchtigte “lockere Übergabe” auf fast schon unheimliche Weise perfektioniert. Ebenso die Art und Weise, kurz vor Abspann noch schnell beiläufig eine private Notiz fallen zu lassen. In der gesehenen Sendung war es eine Bemerkung von Ulrike von der Groeben, dass sie selbstverständlich Kitesurfen beherrsche, was Kloeppel sofort aufgriff.

Bei der “Tagesschau” geht es gediegener und steifer zu. Chefsprecher Jan Hofer hatte am Montag Dienst und natürlich erledigt auch er seinen Job super-professionell. Zu meckern gibt es an der Präsentation im Prinzip nichts. Bei der “Tagesschau” legen sie eben sehr starken Wert auf Traditionen. Darum gibt es dort immer noch die überholte Trennung zwischen Sprechern und Journalisten. Und die Sprecher haben vor sich auf dem Pult immer noch Blätter liegen, die von Nachricht zu Nachricht brav weitergelegt werden – gerade so, als würden nicht auch sie längst von einem unsichtbaren Teleprompter ablesen. Das ist vorgegaukelte Authentizität, die man sich dort sparen könnte. Außerdem ist der “Tagesschau”-Sprecher alleine vor der Kamera. Die Gelegenheit zu einem kurzen Zwiegespräch oder der “lockeren Übergabe” entfällt. Die Sendung wirkt somit steifer, offizieller, staatstragender.

Das Studio

“RTL Aktuell” hat ein hochmoderndes, voll digitales Studio und das sieht man auch. Ständig fliegen Text- und Bildelemente hierhin und dorthin. Der Anchor und die Sportfrau dürfen auch mal vor eine große Infowand treten und auf Irgendwas zeigen. Das sieht in kaltes weiß-hellblau getaucht zwar alles schrecklich cool aus. Wirkt aber auch ein bisschen zu technisch. Einen Erkenntnisgewinn bringt so ein hypermodernes Studio freilich nicht. Die digitalen Spielereien sind bei “RTL Aktuell” genauso überflüssiger Schnickschnack wie beim ebenfalls voll digitalen “heute”-Studio des ZDF.

Das “Tagesschau”-Studio mutet dagegen fast wohltuend altmodisch an. Es gibt ein Pult, den Sprecher, dahinter werden Bilder eingeblendet. Fertig. Undenkbar, dass Jan Hofer während der “Tagesschau” aufsteht und wo draufzeigt. Trotzdem will auch die “Tagesschau” auf ein voll digitales Studio umstellen. Ob das selbst ernannte Seriositäts-Bollwerk der ARD dann die gleichen digitalen Mätzchen macht wie RTL und ZDF, bleibt abzuwarten.

Die Nachrichten bei “RTL Aktuell”

Kommen wir zum Wichtigsten: die Nachrichten. “RTL Aktuell” macht an diesem Montag auf mit den weiteren Verzögerungen beim Berliner Großflughafen. Ein Reporter ist vor Ort, fährt mit einem Taxifahrer um die Baustelle. Die Grünen-Politikerin Renate Künast und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit kommen mit O-Tönen zu Wort, danach macht der Reporter mit dem Taxifahrer einen Abstecher nach Tegel. Dort sind die befragten Flugpassagiere erstaunlicherweise sogar froh, dass der neue Flughafen noch nicht eröffnet, weil Tegel so praktisch in Innenstadtnähe liegt.

Weitere Themen in der Reihenfolge der Sendung: Hartmut Mehdorn räumt seinen Chefposten bei Air Berlin, unterschiedliche Politikertypen: der polternde CSU-Chef Horst Seehofer in Wildbad Kreuth, der leise Philipp Rösler beim Dreikönigstreffen der FDP. Es folgt ein News-Block (Vergewaltigung in Indien vor Gericht, Flaggenstreit in Belfast eskaliert, Fritz Kuhn als Stuttgarter Oberbürgermeister eingeführt, eine Frau wird in Kanada aus einem vereisten See gerettet). Weiter mit Hauptnachrichten: Der Doppelmord von Eberbach ist aufgeklärt, es gibt neue Techniktrends von der Consumer Electronics Show in Las Vegas (die Reporterin lacht viel und wirft ein Handy ins Wasser) und natürlich die Trennung der Wulffs. Nach gut 15 Minuten geht es zum Sport. Da wird zunächst lang und breit mit spektakulären Bildern über die Rallye Dakar berichtet (“Vollgas, Dreck und brütende Hitze”), dann geht es kurz um Verletzungsprobleme von Rafael van der Vaart und Sturmböen machen Golfspielern auf Hawaii Probleme. Ab zu Christian Häckl mit dem Wetter. Der österreichische Wettermann Häckl gehört bei „RTL Aktuell“ wie Kloeppel und von der Groeben quasi zum Inventar. Er präsentiert einen verständlichen Wetterbericht. Allerdings brüllt er die Prognosen recht penetrant in die Kamera.

Die Nachrichten bei der “Tagesschau”

Stil und Sprache der “Tagesschau hatten wir bereits ausführlich an dieser Stelle analysiert. Hier zum direkten Vergleich die Themensetzung der 20-Uhr-Ausgabe vom 7. Januar: Es geht los mit dem Debakel um den Hauptstadtflughafen. Dann folgen in der Reihenfolge der Sendung der Führungswechsel bei Air Berlin, der Führungsstreit in der FDP, die CSU Klausurtagung in Wildbad Kreuth, eine Klausurtagung der Grünen, die Einführung von Fritz Kuhn als OB von Stuttgart, eine Studie erkennt eine geringere Bereitschaft zur Organspende, der Beamtenbund bekräftig Forderungen nach einer Einkommenssteigerung, US-Präsident Obama nominiert seine Kandidaten als Verteidigungsminister und CIA-Chef, der Vergewaltigungsprozess in Indien geht los, der Flaggenstreit in Belfast eskaliert, Lionel Messi wurde zum 4. mal Weltfußballer des Jahres (die Entscheidung wurde erst am Abend bekannt). Nach dem wie üblich schwer verständlichen Wetter folgte noch der Hinweis auf die “Tagesthemen”, in denen dann auch über diese Wulffs berichtet wird.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Zunächst fällt auf, dass die “Tagesschau” trotz kürzerer Sendezeit (15 Minuten inkl. Sport und Wetter im Vergleich zu 21 Minuten bei “RTL Aktuell”) mehr nachrichtliche Themen abdeckt. Bei “RTL Aktuell” wurde auf die Klausurtagung der Grünen, den Beamtenbund, die Organspende-Studie und Obamas Nominierungen verzichtet. Durchaus begründbar: Die Klausurtagung der Grünen war praktisch ohne Nachrichtenwert, die Organspendestudie roch nach Pressemitteilung und die Meldung mit dem Beamtenbund war typischer Behörden-Journalismus.

Dafür hatte “RTL Aktuell” die Streitigkeiten in der FDP und die Klausurtagung der CSU geschickt zu einem Thema mit persönlicher Zuspitzung (unterschiedliche Politikertypen) verknüpft. Allerdings hatte “RTL Aktuell” auch einige Themen im Angebot, auf die die “Tagesschau” verzichtet hatte: den Doppelmord in Eberbach, die Trennung der Wulffs und die vom Eis befreite Frau aus Kanada. Letzteres war bei “RTL Aktuell” sicherlich überflüssig. Der Doppelmord und die Wulffs sind aber Top-Themen des Tages gewesen, die im Prinzip in eine Nachrichtensendung gehören. Für die “Tagesschau” war dies vermutlich zu boulvardesk. Bei „RTL Aktuell“ nimmt freilich der Sport einen weitaus größeren Raum ein, als bei der „Tagesschau“.

Man hatte beim Anschauen von “RTL Aktuell” aber zu keiner Zeit das Gefühl, dass hier über die Maßen reißerisch berichtet wird oder wichtige Tagesereignisse fehlen. Man spürt das Bemühungen der “RTL Aktuell”-Redaktion die Themen personalisierter und ein wenig emotionaler sowie, ja, unterhaltsamer zur präsentieren. Darum handelt es sich hier keineswegs um schlechteren Journalismus. Die starren Rituale der “Tagesschau” werden bei solch einem Vergleich umso augenfälliger. Vielleicht wäre es dort an der Zeit, nicht nur über eine Modernisierung des Studios nachzudenken.

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Alle Kommentare

  1. Zum Thema Flüchtlinge.
    Ich bin mir sicher dass in der Silvester Nacht in Köln nicht nur Flüchtlinge sondern auch deutsche dabei waren die Frauen belästig haben nicht nur Flüchtlinge. Es gibt doch überall solche und solche! Aber durch die Behauptungen dass mit den Flüchtlingen die Sicherheit gesunken ist -und die Kriminalität angestiegen, gibt man doch den Einheimischen und Osteuropäern einen Freifahrtschein für Straftaten. Es heißt ja eh immer nur die Flüchtlinge waren’s. Ich finde es unmöglich und diskriminierend. Es gibt bei uns auch ZUVIELE kriminelle! Da müssen wir nicht auf die Flüchtlinge zurückgreifern. Die haben schon genug erlebt und sollen für alles herhalten. Da sind auch viele anständige darunter. Ich hab da keine Vorurteile!

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