“Eine Ehe ohne Geschäftsgrundlage”

Das Ehe-Aus von Christian und Bettina Wulff war ein Top-Thema für die Medien. Nachdem die Bild die Trennung öffentlich gemacht hatte, zogen alle Medien mit großflächiger Berichterstattung und Kommentierung nach. Die einen sahen nach Christian Wulffs Rücktritt der Ehe schlicht die “Geschäftsgrundlage entzogen”. Andere referierten aus Bettina Wulffs Buch. Ein FAZ-Mann hatte mit Frau Wulff ein Hühnchen zu rupfen, und die Welt rief das Ende der Wulff-Ehe gar zum sozioökonomischen Trend aus.

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Spiegel Online veröffentlichte zum Thema “Ende der Wulff-Ehe” gleich mehrere Meinungsstücke und Analysen. So räsonierte  zunächst Stefan Kuzmany unter der Überschrift “Modern bis zum Ende”, darüber, warum uns alle die Wulff-Ehe etwas angeht: “Doch die Wulffs haben eine öffentliche Beziehung geführt – daraus folgt, dass über den Charakter dieser Beziehung geredet wird.” Und mit Romantik hatte diese Ehe offenbar eh wenig zu tun: “Bettina und Christian Wulff haben voneinander profitiert. Man muss das nicht romantisch finden oder schön, doch es ist völlig legitim. Ihre Beziehung hatte eine klare Geschäftsgrundlage. Der allzu brav wirkende CDU-Mann konnte sich mit einer hübschen, lebenslustigen Frau schmücken – und wirkte plötzlich interessant. Die damalige PR-Frau wurde durch die Beziehung mit Wulff an die Spitze der Gesellschaft katapultiert. Mit Christian Wulffs schmählichem Abtritt als Bundespräsident ging diese Geschäftsgrundlage verloren.”

Sebastian Hammlehle greift, ebenfalls bei Spiegel Online, unter der Überschrift “Ende einer RTL-2-Ehe” zu pophistorischen Vergleichen: “Wer einen Präzedenzfall sucht für die Trennung von Bettina und Christian Wulff, sollte nicht in Geschichtsbüchern nachschlagen, sondern in Keith Richards‘ Autobiografie "Life": Dort taucht irgendwann der Name Margaret Trudeau auf. Die war in den siebziger Jahren die Gattin des damaligen kanadischen Ministerpräsidenten – international bekannt war das Paar weniger durch das staatsmännische Geschick des Mannes, als dadurch, dass es seine Frau verlässlich in die Klatschspalten brachte. Die Ehe ist längst geschieden. Doch bis heute gibt sie das Muster ab für eine Beziehung, bei der Glamour und Nähe zum Showgeschäft wichtiger sind als die klassischen Regeln der politischen Inszenierung.”

Kaum sind Glamour und Geschäftsgrundlage weg, ist auch die Ehe futsch. Robert von Lucius der Hannover-Korrespondent der FAZ hat da eine ganz andere Sichtweise. Seiner Meinung nach war Bettina Wulff schuld. An so ziemlich allem: “Fast jeder Fehler, der ihn in den vergangenen vier Jahren in Bedrängnis brachte, war entweder von ihr begangen worden – etwa das Upgrade auf einem Ferienflug – oder von ihm, in der Absicht, ihr und ihrer Neigung zur Welt des Scheins zu gefallen. Dazu zählten der Hauskauf in ihrer Heimatstadt Großburgwedel, die Hochzeitsreise auf Einladung sowie gemeinsame Unternehmungen mit dem Filmemacher David Groenewold in München und auf Sylt.”

Der FAZ-Mann aus Hannover lässt wahrlich kein gutes Haar an der Noch-Ex-Präsidentengattin: “Die 39 Jahre alte Bettina Körner hatte er 2006 kennengelernt, angeblich auf einer Südafrikareise, als sie Sprecherin eines großen hannoverschen Industrieunternehmens war. Sie galt als lebensfroh und munter, aber auch als jemand, der eher an Glanz und Film interessiert ist denn an intellektuellen oder musischen Fragen. Das entsprach nicht seinen Vorstellungen – Wulff lebte zwar auch stärker als vielleicht manch anderer Politiker von Ideen seines Umfeldes, hatte aber auch selbst Werte gesetzt und vorgegeben, die nicht die ihren waren.”

Zurückhaltender geht, ebenfalls in der FAZ, Günter Bannas zu Werke. Er singt den Evergreen vom Politiker, der über die zu große Nähe zu Boulevardmedien stolperte: “Wulff aber hatte die Lehren auch des naturgemäß nach Öffentlichkeit strebenden Politikers vergessen. Die sogenannten Home-Stories können Sympathiewerbung im Guten sein – bis sich Zeiten und Umstände ändern. Es gehört zum Brauch von Berichterstattungen an deutschen Regierungssitzen, den Wunsch nach Privatheit der öffentlichen Personen zu achten. Eheleute und Partner vieler Politiker sind der Öffentlichkeit kaum bekannt. Die Betroffenen mögen darunter leiden: Eine Trennungsentschädigung gibt es nicht, und der Anschein, Anhängsel zu sein, ist zu ertragen. Klagen verboten. Wer die professionell Neugierigen in seinen Hobbykeller schauen lässt, zahlt dafür möglicherweise einen noch höheren Preis.”

Die meisten Kommentatoren vergessen nicht, auf Bettina Wulffs Buch “Jenseits des Protokolls” hinzuweisen, das nun natürlich als Ouvertüre zur Trennungsarie gelesen wird. So auch von Ralf Wiegand in der Süddeutschen Zeitung: “Bettina Wulff hat in ihrem Buch, aus dem viele schon den Anfang vom Ende der Ehe mit Christian Wulff herausgelesen haben, ohne jeden Druck privateste Dinge offenbart.” Und weiter:  “Nicht viele Männer – vor allem nicht viele Männer, die sich für geeignet halten, Bundespräsident zu sein – hätten die ausgeplauderten Intimitäten der Gattin toleriert. Wulff hat angeblich diese Passagen freigegeben. Vielleicht, weil auch er wollte, dass die Öffentlichkeit erkennt: Niemand ist unverwundbar, auch nicht hinter den Mauern von Bellevue.

Florian Güßgen stellt auf Stern.de das Buch sogar in den Mittelpunkt seines Artikels “Bettinas früher Abschiedsbrief” und schreibt in erfrischender Offenheit: “Schon kurz nachdem Bettina Wulff im September mit großem Tamtam ihrBuch "Jenseits des Protokolls" veröffentlicht hatte, wurde – zumindest bei uns der in der Redaktion – gewettet: Wie lange geht das noch gut?” Und weiter: “Hier können Sie schon einmal nachlesen, wie Bettina Wulff die Beziehung in ihrem Buch beschrieb. Im Nachhinein liest es sich wie ein langer Abschiedsbrief an ihren Mann Christian.” Pikanterweise wird der Stern.de-Artikel zur Wulff-Trennung eingerahmt von Google-Anzeigen für “Transparente Unterwäsche”. Diese teuflische Algorithmen!

Bei Bild.de fragt man sich am Tag, nachdem der Chef persönlich die Trennungsbombe platzen ließ, scheinbar besorgt: “Was wird aus ihr? Was wird aus ihm?” Bestürzend neue Erkenntnisse gibt es aber nicht zu vermelden. Fast aber so etwas Ähnliches wie Mitleid: “Christian Wulff (53) hat die steilste Achterbahnfahrt der deutschen Politik hinter sich. Ministerpräsident in Niedersachsen, Lieblings-Schwiegersohn der Deutschen, Kronprinz von Kanzlerin Angela Merkel. Und als Krönung Bundespräsident – mit der garantiert jüngsten und wohl auch attraktivsten First Lady an seiner Seite. Mehr geht nicht! Damit steht er nicht alleine, so geht es (leider) vielen in Deutschland. Nur ist Wulffs Fallhöhe eine andere. Und damit auch der Aufschlag auf dem Boden der Tatsachen ungleich schmerzvoller. Der erste Altbundespräsident, der vor dem Scheidungsrichter landen könnte. Ein Titel, auf den man gerne verzichtet hätte.” In jedem Wulff-Artikeln bei Bild.de ist wie eine Trophäe nochmals die Überschrift des erste Trennungs-Artikels von Kai Diekmann wie eine Trophäe abgebildet. Ganz so mitgefühlig darauf zu verzichten ist die Bild dann doch wieder nicht.

Medien-Aggregator Peter Turi fasste den neuerlichen Bild-Scoop in einem Satz treffend zusammen: “Diesmal kamen Christian und Bettina Wulff nicht vom Emir, sondern vom Scheidungsanwalt – aber Bild war wieder dabei.”

Und die Welt bot gar Thomas Straubhaar,  den Direktor des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts, als Kommentator in Sachen Wulff-Trennung auf. Unter der Überschrift “Warum ältere Männer jüngere Frauen heiraten” erklärte er die gescheiterte Wulff-Ehe zum Trend: “Fast jede zweite Ehe in Deutschland wird vor dem Scheidungsrichter beendet – die Trennung der Wulffs ist also nichts Besonderes. Ihre Beziehung steht jedoch gleich für mehrere sozioökonomische Trends.” Im Text räsoniert der Weltwirtschaftler nach einigen Zahlen und Fakten zum Thema Eheschließung und Scheidung dann etwas freihändig: “Wählen ältere Männer eine jüngere Partnerin der körperlichen Vorzüge wegen? Geht es einfach um einen Tausch Sex gegen Geld? Oder ist es gerade umgekehrt? Suchen nicht alte Männer attraktive junge Frauen, sondern sind es jüngere Frauen, die ältere Männer finden? Ist für junge Frauen die Heirat mit einem Mann in fortgeschrittenem Alter eine Verhaltensweise, um materielle Lebensrisiken zu verringern, vor allem wenn es darum geht, den Kinderwunsch zu verwirklichen? Tauschen sie ihre Jugend gegen die materielle Sicherheit, die ihnen ältere Männer (scheinbar) eher bieten (können) als Gleichaltrige?”

Tja. Wer weiß das schon?

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