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A-Frage: Medien im Antisemitismus-Rausch

Mit der Debatte, ob der Spiegel-Gesellschafter und Verleger der Wochenzeitung Freitag, Jakob Augstein, ein Antisemit ist, haben die Medien ein Reizthema gefunden. Doch die Debatte dreht sich fruchtlos im Kreis: von Tagesspiegel über Uli Wickert, Lokalblogger, RBB bis zurück zum Spiegel reden sich in der A-Frage alle in eine Art Rausch. Sogar das Satiremagazin Titanic hat sich ganz bierernst eingeschaltet. Die Art und Weise, wie die Debatte geführt mittlerweile wird, nimmt fanatische Züge an.

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Losgetreten wurden die Antisemitismus-Festspiele in den Medien durch die alljährliche “Top Ten” Liste der Antisemiten, herausgegeben durch das us-amerikanische Simon Wiesenthal Center (SWC). Das ist eine Menschenrechtsorganisation, die sich mit dem Holocaust auseinandersetzt und den Namen des legendären Nazijägers Simon Wiesenthal trägt. Eine Einrichtung, vor deren Nennung hierzulande gerne das Wort “renommiert” gesetzt wird. Beziehungsweise: wurde.

Denn mit der Platzierung des Journalisten Jakob Augstein auf Platz neun der aktuellen “Top Ten” der weltweit übelsten antisemitischen/antiisraelischen Verunglimpfern, hat die Organisation eine jener sich selbst nährenden Debatten angestoßen, an deren Ende alle Beteiligten im Regelfall schlechter dastehen als vorher. Der aktuelle Spiegel protokolliert, wie die Redaktion ein Streitgespräch zwischen Augstein und dem Verantwortlichen für die Liste beim SWC, Rabbi Abraham Cooper, organisieren wollte. Augstein hatte dem Gespräch zugestimmt. Rabbi Cooper verlangte vorab eine Entschuldigung von Augstein, andernfalls wolle er nicht mit diesem in einem Raum sitzen. Als die Redaktion daraufhin eine Diskussion via Skype organisieren wollte, war dies dem Rabbi auch nicht recht. So etwas kommt natürlich gar nicht gut an.

Hätten die beim Spiegel mal lieber ihren Ex-Autor Henryk M. Broder zum Streitgespräch geladen. Der Publizist und “Polemiker” hat mit seinen Äußerungen, Augstein sei eine “antisemitische Dreckschleuder” ja nicht ganz unwesentlich zum Anstoß der Debatte beigetragen. Broder legt derzeit mehrfach nach. U.a. sagte er dem Berliner Tagesspiegel: “Augstein sieht sich als kritischer Journalist, so wie sich ein Pädophiler als Kinderfreund ansieht. Auf die Selbstwahrnehmung kommt es dabei nicht an.” Oha. Damit ist die Augstein-Antisemitismus-Debatte um die Dimension Kinderschändung erweitert. Das brachte den Lokalblogger Hardy Prothmann derart auf Zinne, dass dieser in seinem Blog und bei Facebook den Rücktritt der Tagesspiegel-Führungsriege und aller beteiligten Autoren forderte. Prothmann wörtlich: “Ich bin, dass muss ich als harter Knochen betonen, vollkommen geschockt.”

Doch während die Tagesspiegel-Chefs überraschenderweise immer noch im Amt sind, ist Henryk M Broder zurückgetreten. Und zwar von seinem Job als Früh-Kommentator bei Radio Eins, einem RBB-Sender. Dort kommentierte Broder seit 13 Jahren freitags um acht nach acht ein Thema des Tagesgeschehens. Vergangenen Freitag wollte die Redaktion statt des Kommentars ein Streitgespräch zwischen Broder und Augstein senden. Broder kennt da, anders als Rabbi Cooper, keine Berührungsängste (“Ich mache mit.”). Diesmal aber wollte der Augstein nicht reden. Es ist verflixt. Statt Broder-Kolumne und Streitgespräch sendete Radio Eins ein Interview mit dem Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam, Julius H. Schoeps.

Broder war nicht amüsiert, witterte Illoyalität und schmiss seinen Früh-Kommentatoren-Job beim Radio. Natürlich nicht, ohne einen Artikel bei der Welt darüber zu schreiben. Zitat: “Einen Vorteil hat die Sache immerhin. Ich kann jetzt auch am Freitag ausschlafen.” Der Programmchef bedankt sich für die Zusammenarbeit. Die Sache mit Broder und dem RBB rief einen weiteren Groß-Erklärer des Weltenlaufs auf den Plan: Ulrich Wickert. Der frühere “Mr. Tagesthemen” warf dem RBB in einem Kommentar in der Bild am Sonntag “Zensur aus Mutlosigkeit” vor.
Bei Spiegel Online, wo Jakob Augstein seine wahlweise als antisemitisch oder kritisch eingestuften Texte veröffentlichte, springt ihm Kollege Jan Fleischhauer von rechts bei. Der verortet die Antisemitismus-Vorwürfe gegen seinen Mit-Kolumnisten im “Reich des Absurden”. Ernst genommen wird die A-Frage dagegen ausgerechnet von der Satire-Zeitschrift Titanic. Dort veröffentlicht Stefan Gärtner in der Januar-Ausgabe ein Essay, das Aussagen aus Augsteins Kolumnen mit der Brille Adornos auf der Nase durchleuchtet. Der Titanic-Schutzheilige Theodor W. Adorno hat nämlich mal einen Aufsatz mit dem Titel "Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute" veröffentlicht. Und wenn man die dort befindlichen Maßstäbe auf Augsteins Texte anlege, so Titanic, könne man nur zu einem Schluss kommen: “Augstein ist einer.” Also ein Antisemit. Meint die Titanic.
In der A-Frage, so scheint es, gibt es für die Medien und hauptamtlichen Meinungs-Inhaber keine Graustufen. Nur schwarz oder weiß. Entweder man ist für Jakob Augstein oder gegen. Entweder er ist ein "lupenreiner Antisemit" (Broder) oder die Vorwürfe gegen ihn sind "absurd". So wie die Medien die Antisemitismus-Debatte am Beispiel Jakob Augsteins führen, kommt einem das Wort "Verblendung" in den Sinn. Man könnte auch sagen: Fanatismus.

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