Anzeige

Focus-Chef verpasst Steinbrück ein Veilchen

Ein ganz neues Kapitel schlägt heute der Focus auf: Erstmals in der bald 20-jährigen Geschichte erscheint das Münchner Magazin ohne seine Gründergeneration an operativ verantwortlicher Stelle im Impressum: Nach Helmut Markwort ist zum Jahreswechsel auch Uli Baur, 56, auf den (nun doppelt besetzten) Herausgeberposten gewechselt. Baurs Nachfolge als Chefredakteur hat der bisherige Bild-Vize Jörg Quoos, 49, angetreten, der nun sein erstes Heft vorlegt. MEEDIA hat darin geblättert.

Anzeige
Anzeige

Nach nur drei Tagen im neuen Amt wäre eine intensive Blattkritik fehl am Platz. Der überaus erfahrene Tageszeitungsjournalist Jörg Quoos aus dem Norden muss sich in seine Rolle als Chefredakteur in München einfinden, in die Hauspolitik bei Burda und in die Aufgabe als Blattmacher eines Wochenmagazins. Das ist ein Annäherungsprozess, der sich niemals von jetzt auf gleich vollzieht, und deshalb wird der neue Mann intern wie extern eine Frist bekommen zu zeigen, dass er die DNA des Focus lesen und die Zeitschrift am Markt erfolgreich prägen kann. Ausgabe eins unter seiner Regie ist deshalb eher als Richtungsanzeige und Absichtserklärung zu verstehen.
Erste Auffälligkeit: Quoos hat sich für einen politischen Titel entschieden. Das ist – für Focus-Verhältnisse – mutig und riskant zugleich. Mutig, weil das Cover mit der Fotomontage vom lädierten SPD-Kanzlerkandidaten und der Frage "Schlägt Steinbrück sich selbst k.o.?" nach der gefühlt endlosen Folge von Gesundheits-, Finanz-, Service- und Ratgeber-Titeln beim Focus mal wieder eine neue Themenfarbe ins Spiel bringt – und man sich damit am Kiosk aktuell in gleicher Sache positioniert wie der Spiegel. Das ist eine Ansage des neuen Blattmachers, gleich zum Beginn des Superwahlkampfjahres 2013.
Ob es dem Focus auch hilft? Ein Blick auf die jüngere Statistik zeigt, dass klassische Politiker-Cover eher Ladenhüter waren. Nur auf sieben der 51 Titel des Focus waren Politiker als Titelhelden abgebildet. Von diesen sieben Titeln landeten sechs im Einzelverkauf unter dem aktuellen 12-Monats-Durchschnitt des Focus (ca. 108.000). Dem einen, der den Sprung über diese Marke schaffte (Helmut Kohl und der Euro), gelang das offensichtlich auch nur wegen der beigelegten "Ärzte-Liste". Der Focus zur Piratenpartei erreichte sogar fast einen Alltime-Minusrekord. Hier die Übersicht:
– 7/2012: "Der heimliche Präsident" (Gauck) – allerdings zweigeteilter Titel – oben und größer "Helle Köpfe – mehr IQ!". Einzelverkauf: 101.34
– 09/2012: "Wofür Gauck steht" – Einzelverkauf: 88.114
– 13/2012: "Angriff der Piraten" – mit verschiedenen Piratenpartei-Politikern auf dem Titel (groß: Marina Weisband und Christopher Lauer) – Einzelverkauf: 70.695 (zweitschwächster Focus aller bisherigen Zeiten)
– 21/2012: "Exklusiv: Sarrazin rechnet mit dem Euro ab" – Einzelverkauf: 100.026
– 36/2012: "Ist Helmut Kohl schuld an der Euro-Krise?" (mit Titel-Umklapper "Die neue Ärzte-Liste als Extra-Heft im Heft") – Einzelverkauf: 122.584
– 37/2012: "Die Lady und der Ex-Präsident" (Wulff) – Einzelverkauf: 89.812
– 39/2012: "Obama/Romney – Wer für uns besser ist" (mit DVD "Das Weiße Haus") – Einzelverkauf: 93.519
Dass man (und sicher auch der neue Chefredakteur) sich in München dieser Problematik bewusst ist, zeigt der Titel-Klapper zum Evergreen Gute Vorsätze, der dem Verkaufserfolg am Kiosk auf die Sprünge helfen soll: "Schluss mit Rauchen. Weniger Alkohol. Mehr Sport: Die besten Methoden zur Selbstmotivation auf 12 Seiten". Etwas unglücklich ist dabei, dass dies beinahe wie eine Doublette zum Titelthema der Vorwoche wirkt. Denn dort gab es "Neue Tipps zu Ernährung, Bewegung, Motivation" – ebenfalls auf weißem Grund.

Die Focus-Cover von dieser und der vergangenen Woche

Der Blick ins Heft zeigt, dass Quoos durchaus aus dem Vollen schöpfen kann: Im Focus finden sich etliche Ideen und Ansätze, das Magazin ist (nicht erst seit heute) streckenweise interessanter als sein angeschlagener Ruf bei vielen Medienexperten. Nach der Ära um seinerzeit zum Heilsbringer ausgerufenen Kurzzeit-Chefredakteur Wolfram Weimer werden sich die Münchner hüten, erneut eine Revolution auszurufen, wo es doch eine Reform richten könnte. Von Quoos, so ist anzunehmen, werden Verleger Hubert Burda und Verlagsvorstand Philipp Welte vor allem sauberes Magazinhandwerk und den in vielen Boulevardjahren geschulten Themeninstinkt erwarten.
In der Praxis heißt das, den Nerv der angestammten Zielgruppe zu treffen und so viele potenzielle Focus-Leser zu (re-)aktivieren wie möglich. Erst danach wird es darum gehen, mit den Hauptkonkurrenten im Segment in den Clinch zu gehen. Und dann wird es auch um Zahlen gehen – als Alleinverantwortlicher muss der neue Chefredakteur "liefern", der Druck ist allen freundlichen Worten zum Einstand in München bereits spürbar.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*