Das vergessene Redaktionsschwein

Publishing Im April 2011 kaufte der Weser-Kurier ein Schwein, um seine Leser für das Thema Tierhaltung zu sensibilisieren. Als das Redaktionsschwein auf die Schlachtbank sollte, protestierten radikale Tierschützer. Das Tier wurde "begnadigt" und lebt seither unter dem Namen Tibu in der Obhut des deutschen Tierschutzbundes. Doch ein Happy End sieht anders aus. Für die Zeitung ist die Story "abgehakt". Das Schwein leidet unterdessen unter gesundheitlichen Problemen.

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Fast ein halbes Jahr lang berichtete die Redaktion des Weser-Kuriers unter dem Titel “Ein Schweineleben” alle 14 Tage über die verschiedenen Lebensstadien eines typischen deutschen Mastschweins. Anlass für das ungewöhnliche Projekt war ein Dioxin-Skandal. "Wir wollten das Thema Tierhaltung, Futtermittelindustrie und Fleischkonsum mal grundsätzlich angehen. Wir erzählen an dem Schwein von der Züchtung über die Haltung bis zur Schlachtung alles, was in seinem Leben so passiert, um die Leser für das Problem zu sensibilisieren", erklärte Hans Ettemeyer, stellvertretender Leiter des Niedersachen-Ressorts, damals gegenüber MEEDIA die Idee. Dazu ließ das Regionalblatt ein namenloses Ferkel auf einem Bauernhof im Landkreis Verden aufwachsen. Auch die Schlachtung sollte dokumentiert werden.

Doch es kam alles ganz anders. Radikale Tierschützer protestierten gegen die geplante Schlachtung des Redaktionsschweines. Auf Facebook bildete sich die Gruppe "Das Schwein bleibt". Der Verein Vegane Gesellschaft Deutschland appellierte, das Tier am Leben zu halten. Darüber hinaus bekam die Redaktion rund 400 Beschwerde-Mails. In anonymen Anrufen oder Internetbeiträgen seien Redaktionsmitglieder und die Bauernfamilie wahlweise als Schreibtischtäter oder Mörder beschimpft worden und schließlich sei auch der ausgewählte Schlachter bedroht worden, so dass er um seine berufliche Existenz gefürchtet habe.

Die Zeitung gab den Protesten nach und ließ das Tier leben. Als der zuständige WK-Niedersachsen-Ressortleiter Peter Voith die Begnadigung unter der Dachzeile "Schwein gehabt" bekannt gab, räumte er ein: "Nun mag man einwenden, wir hätten uns von militanten Tierschützern bange machen lassen. Kann sein. Aber wir wissen nicht, wie weit diese Tierschützer tatsächlich gegangen wären." Sogar die Polizei hatte gemahnt, die Bedrohungen nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.

Tierschutzbund-Präsidenten Wolfgang Apel vermittelte, dass das Redaktionsschwein auf einen Gnadenhof in Schleswig-Holstein verlegt wurde. Wirklich "Schwein gehabt"? Das ehemalige Redaktionsschwein ist nun weitaus älter, als die Zucht es für das Tier vorgesehen hat. 200 Kilo bringt der stattliche Eber, der auf den Namen Tibu getauft wurde, mittlerweile auf die Waage. Zu viel für ein Tier, das maximal ein halbes Jahr alt werden sollte. "Tibu hat leider weiterhin Probleme mit seinen Gelenken”, heißt es in einem Patenbericht, den der Tierschutzbund einmal im Jahr herausgibt und der MEEDIA vorliegt. Es sei nicht vorgesehen, dass ein Mastschwein in diesem Alter noch herumrenne. Nun bekommt das Tier eine “Gemüse-Gras-Diät”, um nicht noch stärker zuzunehmen. “Wenn er dann aber doch mal humpelt, bekommt er auch gelegentlich Schmerzmittel”, heißt es in dem Bericht weiter.

Weil das Tier eigentlich nicht für die Außenhaltung gedacht ist, hat Tibu zudem Probleme mit direkter Sonneneinstrahlung. Seit seinem ersten Sonnenbrand wird seine helle Haut mit Sonnenmilch eingeschmiert. “Schutzfaktor 20 muss es schon sein“, zitierte der Weser-Kurier im Juli die zuständige Tierpflegerin. Erst auf Nachfragen der Leser brachte man in diesem Jahr nochmal einen knappen Bericht über das das ehemalige Redaktionsferkel mit diesen Aussagen der Tierpflegerin. Weitere Berichterstattung: Fehlanzeige. Das Interesse des Weser Kurier an seinem ehemaligen Redaktionsschwein ist nicht sonderlich ausgeprägt. „Für uns ist das Thema abgehakt“, erklärt Niedersachsen-Ressortleiter Voith auf MEEDIA-Anfrage. “Uns ging es darum, über die artgerechte Haltung des Tiers zu berichten. Das war von Anfang an das Ziel.” Diesen Auftrag habe man mit dem ungewöhnlichen Ende der Serie erfüllt.

Ein Happy End sieht anders aus.

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