Die “Tagesschau” – betäubende Nachrichten

Fernsehen Am 26. Dezember 1952 ging erstmals die “Tagesschau” auf Sendung. Die immergleiche Aufmachung und Anfangszeit begründen ihren Ruf als Institution. Ihre Macher werden nicht müde, Seriosität, Objektivität und Verlässlichkeit zu rühmen. Die “Tagesschau”, so der Anspruch, soll das wirre Weltgeschehen in 15 Minuten erklären. Aber eine Ausgabe der “Tagesschau” wirft in der Regel mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Die Sendung zelebriert Nachrichten als reinen Selbstzweck.

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Oftmals kann man das große Ganze auch erkennen, wenn man das Kleine nur genau betrachtet. Schauen wir uns also einmal eine einzelne Ausgabe der “Tagesschau” an. Jene vom 26. Dezember 2012, dem Jubiläumstag. Jan Hofer führt durch diese Ausgabe. Los geht es mit der Nachricht, dass Japan einen neuen Ministerpräsidenten hat. “Er ist für eine Stärkung der Allianz mit den USA. In den Mittelpunkt seiner Politik stellt Abe die Ankurbelung der Wirtschaft.” Diesen zweiten Satz darf man sich auf der Zunge zergehen lassen. “Tagesschau”-Sprache in Reinkultur: “In den Mittelpunkt seiner Politik stellt Abe die Ankurbelung der Wirtschaft.” Vor allem auch wegen der unnötigen Substantivierung des Verbs “ankurbeln”. Man sollte Sprach-Schleifer Wolf Schneider mit einer Kettensäge bewaffnet in die Redaktion schicken.

Gleich danach springt die “Tagesschau” zur neuen Verfassung von Ägypten. Nebenbei wird erwähnt, dass es dort ein Oberhaus gibt, den so genannten Shoura-Rat. Es geht irgendwie um Islamisten. Ein Betroffener aus einer Kairoer Firma kommt ganz kurz zu Wort. Dann schnell zur Börse in Kairo. Die “gibt nach”. Und schon teilt ein Kairoer Wirtschaftswissenschaftler mit, dass die Lage “angespannt” sei. Es drohen, noch so eine typische “Tagesschau”-Formulierung, “zwei Monate politischer Stillstand”.

Während man noch darüber rätselt, was der Shoura-Rat genau ist, geht es im Schweinsgalopp weiter zum Föderationsrat nach Moskau. Der hat nämlich ein Gesetz gebilligt, das es US-Amerikanern verbietet russische Kinder zu adoptieren. Grund: “Das Adoptionsverbot gilt als Reaktion auf ein US-Gesetz. Dieses sieht Sanktionen gegen russische Beamte vor, denen Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden.” Der geneigte Zuseher fragt sich: Hä? Der anschließende Filmbeitrag wiederholt die Verkettung der Themen Adoptionsstopp und Beamten-Sanktionen. Dann wird erläutert: Das Anti-Adoptionsgesetz ist eine Retourkutsche der Russen, weil die Amis russischen Beamten, die Menschenrechte verletzt haben sollen, die Einreise verweigern. “Kinder dürfen nicht Spielball der Politik sein”, heißt es bedeutungsschwanger aus dem Off. Die Bilder, die zu dem komplizierten Thema gezeigt werden, sind eine Russland-Fahne, das Gebäude des Föderationsrates und russische Soldaten, die vor einem Bus rumlungern. Danach darf die Korrespondentin etwas aufsagen.

Zurück zu Jan Hofer: “Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Driftmann, hat der Bundesregierung Fehler in der Finanzpolitik vorgeworfen.” Wieder ein “Tagesschau”-Satz wie er im Buche steht. Ein Musterbeispiel an Obrigkeits-Journalismus, wie es jeder Journalistenschüler um die Ohren gehauen bekäme. Und das zurecht. Harald Staun hat der “Tagesschau” gerade in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vorgeworfen, “Stillstand als Programm” zu betreiben. Wohl auch wegen solcher Sätze. Staun schreibt: “Das Funktionieren der Maschine hängt dabei nicht davon ab, ob eine Nachricht irgendeinen Wert hätte, sondern eher von der leichten Montierbarkeit der Teile. Um sie grammatisch kompatibel zu machen, greift die „Tagesschau“ auf ein Sortiment bedenkenlos verwendbarer Konjunktionen zurück (indes, während, gleichzeitig, unterdessen, zugleich, zuvor).” Den Satz mit der Industrie- und Handelskammer könnte man in der Tat in jede beliebige Ausgabe der “Tagesschau” reinbasteln – keiner würde es merken. Jede Wette. Ebenso den Beitrag über den russischen Adoptionsstopp, der zwar ellenlang aber trotzdem einigermaßen unverständlich war. Und nebenbei ganz und gar irrelevant für die hiesige Bevölkerung.

Es folgt in der Jubiläums-”Tagesschau” ein Service-Stück über Änderungen bei der Einkommenssteuer. Das gipfelt in der Info, dass gewerblich genutzte Fahrräder 2013 auch unter das “Dienstwagenprivileg fallen”, und zwar  “egal ob sie mit Muskelkraft oder Elektromotor angetrieben werden.” Das war tatsächlich so gespreizt und bierernst vorgetragen. Journalismus in Amtsschimmelform. Wir erfahren dann noch, dass der Verkehrsminister in der Zeitung Die Welt etwas zum Berliner Großflughafen gesagt hat, dass es in China neue Schnellzüge gibt, dass in Thailand der Tsunami-Opfer gedacht wurde, dass “die USA erwägen” Spionagedrohnen an Südkorea zu verkaufe, dass US-Präsident Obama seinen Weihnachtsurlaub wegen der “Fiskal-Klippe” unterbrochen hat, dass es in Lagos gebrannt hat und, ja, dass die “Tagesschau” 60 wurde.

In diesem obligatorischen Eigenlob-Betrag darf NDR-Intendant Lutz Marmor dann das Erwartbare sagen, nämlich dass die “Tagesschau” so wichtig und verlässlich ist. Chefredakteur Kai Gniffke beschwört “Relevanz” als oberste Maxime der Sendung. Danach komme lange nichts. Was daran für die deutschen Zuschauer relevant sein soll, dass die Chinesen jetzt schicke, neue Züge haben, dass es in Lagos gebrannt hat oder dass US-Bürger (vielleicht) bald keine russischen Kinder mehr adoptieren können, bleibt sein Geheimnis. Die Relevanz ist auch dann hinterfragenswert, wenn die “Tagesschau” auf die nachfolgende Bambi-Verleihung teast oder hemmungslos Werbung für öffentlich-rechtliche Anliegen gemacht wird.

Aber von solchen Ausrutschern abgesehen hat die “Tagesschau” zwei ganz grundsätzliche Probleme: ein inhaltliches und ein formales. Das formale Problem ist die gestelzte, von Substantiven und komplizierten Schachtelsätzen durchwirkte Sprache gepaart mit einer Vorliebe für staatstragende Bilder. Fahnen, Landkarten, Präsidenten im Blitzlichtgewitter. Dieser ausgeprägte Behörden-Journalismus resultiert aus den Inhalten: Alles muss wichtig sein, ganz groß und weltweit. Die “Tagesschau”-Welt besteht aus einem immerwährenden Krisengipfel samt Staatsbankett. EU, G8, Nato, Verbände, Parteien. Männer in Anzügen, die in Parlamenten oder Konferenzräumen sitzen. Dann ein Schnitt und der Korrespondent steht für einen nichts sagenden Aufsager im Schnee oder Wüstensand vor dem Parlament/Palast in einem fernen Land. Ab zum Wetter (“mal wolkig, mal heiter”).

Aber die “Tagesschau” ist doch so erfolgreich! Die meistgesehene Nachrichtensendung im deutschen Fernsehen, werden die Macher nicht müde zu betonen. Staun schreibt in der FAS: “Wer dermaßen beseelt ist von der eigenen Bedeutung, der kommt kaum auf die Idee, dass die Beliebtheit der „Tagesschau“ womöglich mit ihrer Qualität gar nichts zu tun hat; dass sie sich ihre Relevanz nur vom Weltgeschehen borgt; dass sie sich ändern müsste, wenn auch die Welt sich ändert, über die sie berichtet.” Da er wohl Recht. Man könnte ergänzen: Die Beliebtheit der “Tagesschau” ist womöglich ein Sieg der Macht der Gewohnheit. Viele der älteren Zuschauer sind vielleicht schon bei der dritten Meldung sanft entschlummert in einem Zustand wohliger Nestwärme, während der seriöse Jan Hofer oder die aparte Judith Rakers vor beruhigendem Hintergrund-Blau gediegen Weltpolitisches vor sich hinmurmeln. Die “Tagesschau” erklärt nicht. Sie entwirrt nicht das Weltgeschehen, wie es in einem der Jubiläumsvideos zum 60. Geburtstag heißt. Die “Tagesschau” von heute betäubt.

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