Bertelsmanns digitale Absichtserklärungen

Publishing Das Antrittsinterview von Bertelsmann-Digitalvordenker Thomas Hesse in der Süddeutschen zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass es sein Antrittsinterview ist. Denn wirklich Neues verrät Hesse nicht, kann er möglicherweise auch nicht. Denn Bertelsmann inszeniert nicht nur seinen Neuanfang als digitaler Medienkonzern, er steht offensichtlich tatsächlich erst am Beginn. "Es gibt noch keinen Empfang und keine Garderobe, Kisten und Bilder stehen in der Ecke", beschreibt die SZ das Berliner Büro.

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Bertelsmann als Start-up – unklar ist, ob ein milliardenschwerer Großkonzern dieses Bild mag oder eher unangemessen finden sollte. "Die Amerikaner sind, was die Digitalisierung betrifft, einen Schritt weiter", sagt der ehemalige Sony-Manager Hesse, das Internet stehe in den USA "ganz anders im Mittelpunkt der Gesellschaft". Gut also, so die unterschwellige Botschaft, dass sich nun einer, der schon in den USA gelebt und gearbeitet hat, der Sache annimmt und in Deutschland, bzw. Gütersloh, Entwicklungshilfe leistet. Und dafür dass nötige Verständnis mitbringt. Denn, so Hesse: "Alles über den Haufen zu werfen und die Dinge neu zu erfinden, das fällt manchmal schwer, aber genau das macht die digitale Welt aus."
Hesse spricht über "Phantasie und Flexibilität", "Vernetzung" und das große Interesse an stärkerer Zusammenarbeit im Konzern. Die Finanzierung des Wachstumskurses, den Bertelsmann-Chef Thomas Rabe, ein Schulfreund Hesses, ausgegeben hat, sei gesichert ("Seien Sie gewiss, dass wir die erforderlichen Mittel für unsere Vorhaben aufbringen"). Soweit der strategische Rahmen. Doch was sagt Hesse konkret? Nicht so viel, bzw. noch nicht. Im ersten Interview darf vermutlich nicht gleich das ganze Pulver verschossen werden. Nur so viel: "Wir können eine Menge machen und werden wachsen, aus eigener Kraft und über Akqusitionen."
Also: Die Gütersloher wollen beim TV auf Abruf stärker mitmischen, in den USA sei nicht-lineares Fernsehen schon heute ein "Milliardengeschäft". Die Online-Werbung müsse ausgebaut werden, Werbekunden bräuchten eine neue Ansprache. Das E-Book-Geschäft treibe man voran. Für die Zeitschriften von Gruner+Jahr ("ich erwarte sicherlich nicht das Ende von Print") verfolge Bertelsmann den "Aufbau von themenfokussierten Service und Inhalteangeboten".
Wie bereits hinlänglich bekannt, lauten die Wachstumsfelder von Bertelsmann Education, Business Information und Musikrechtegeschäft. Der Zukauf des Rechtegeschäfts von EMI hat zwar nicht funktioniert, aber, so Hesse: "Wir können uns vorstellen, Bestandteile von EMI zu kaufen, die aus kartellrechtlichen Gründen wieder auf den Markt kommen." Mit dem Partner KKR bestehe eine "gute Partnerschaft" – einen Ausstieg des Investors, über den zuletzt spekuliert wurde, dementiert Hesse zwar nicht, kündigt ihn aber auch nicht an.
So bleibt das Antrittsinterview, wie es der Charakter eines solchen Gesprächs vermutlich auch verlangt, eine Absichtserklärung, ein Ausblick in die Zukunft ohne Gewähr. Vieles bleibt im Ungefähren. Während dieses Jahr für Bertelsmann im Zeichen des Umbruchs und der Neupostionierung stand, muss die Digitalstrategie des Weltkonzerns 2013 klare Konturen bekommen. Dann müssen die Kisten ausgepackt und die Bilder an den Wänden hängen. Doch einen Empfang braucht es dann eigentlich gar nicht mehr. Die Zeiten ändern sich – darüber darf Bertelsmann nun nicht mehr nur reden, sondern die Veränderung auch unternehmerisch leben. 

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