Fischer vs. Bild wird zur Hängepartie

Publishing Im Prozess Ottfried Fischer gegen Bild fiel am Dienstag kein Urteil. Weil einer der Hauptzeugen nicht vor Gericht erschien, wurde die mit Spannung erwartete vierte Runde auf den 24. Januar verlegt. Fischer geht gegen einen Reporter der Zeitung wegen Nötigung vor. Der Richter prognostizierte, er gehe nicht von einer abschließenden Klärung des Falls in diesem Prozess aus. Der Fall Fischer mutiert zu einem Fall der Presse- und Recherchefreiheit. In dem es auch außerhalb des Gerichts publizistisch zur Sache geht.

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In dem Prozess, der am Dienstag in die vierte Auflage ging, prallen zwei Sichtweisen über die Grenzen journalistischer Recherche und Sorgfaltspflicht aufeinander. Worum geht es? Die Bild-Zeitung hatte 2009 getitelt: "Ottfried Fischer: Ärger mit 4 Liebes-Mädchen". Der Bild-Reporter Wolf-Ulrich Schüler soll sich mit Fischer bzw. dessen Agentin in Kontakt gesetzt und von einem Video berichtet haben, das Fischer mit Prostituierten zeige. Der Reporter hatte den Film nebst weiteren Dokumenten für 3.500 Euro gekauft, er soll ihm aus der Rotlichtszene angeboten worden sein. Daraufhin gab Fischer der Boulevardzeitung auf Anraten seiner damaligen Agentin ein Interview.
Später besann sich Fischer offenbar, trennte sich von seiner Agentin und klagte gegen Bild und den Reporter. Er sei zu dem Interview genötigt worden. Vor allem der Hinweis des Reporters, er sei im Besitz des kompromittierenden Videos, habe ihn gegen seinen eigentlichen Willen zu dem Interview gedrängt, das er im Nachhinein lieber nicht gegeben hätte. Ein Münchner Amtsgericht verurteilte den Journalisten zunächst zu einer Geldstrafe, das Landgericht München sprach ihn in zweiter Instanz frei und der Revisionssenat des Oberlandesgerichts hob wiederum dieses Urteil auf. Dies war die Ausgangslage vor dem Verhandlungstag am Dienstag.

Bei der Verhandlung verwies der Journalist am Dienstag darauf, er habe in einem Telefonat mit Fischers Agentin das Video gar nicht erwähnt, sondern die Agentin selber habe ihn darauf angesprochen und auch ein Interview "im Rahmen einer größeren PR-Aktion" angeregt. Die Agentin sagte laut einem dapd-Bericht vor Gericht, Schüler habe das Video in besagtem Telefonat zuerst erwähnt und sie habe diesem dann im Gegenzug ein Interview angeboten. Der Bild-Mann beteuerte, er habe keinerlei Verwendung für das Video im Sinn gehabt, es der Agentin sogar ohne eine Bedingung angeboten. Fischer selber sagte am Dienstag, er habe "eine Heidenangst" vor Bild gehabt und um seine Existenz gefürchtet. Vertagt wurde der Prozess, weil zum wiederholten Male der Mann, der Schüler das Fischer-Video verkauft hatte, nicht vor Gericht erschienen war.
Warum war der Reporter in zweiter Instanz freigesprochen worden? Es gebe keinerlei Anhaltspunkte für die Behauptung, der Journalist habe den Schauspieler unter Druck gesetzt, so das frühere Urteil. "Er hat genau das getan, was Journalisten eigentlich machen müssen. Daraus ist ihm kein Vorwurf zu machen", sagte die Richterin damals über die Arbeitsweise des Journalisten. Der Ankauf des Videos sei für die Recherche notwendig gewesen. Die Tageszeitung Die Welt legte am Dienstag in einem Beitrag vor allem die Argumentation der Bild bzw. Springer-Seite noch einmal ausführlich dar. Beide Blätter erscheinen bei Springer. Der Journalist Schüler, der die Zeitung zwischenzeitlich verlassen hatte, stieg kurz nach dem Freispruch zum Ressortleiter Unterhaltung bei der Bild auf.
Warum kassierte das Oberlandesgericht das Urteil später wieder? Die Welt formuliert es in ihrem Beitrag so lapidar wie subtil-tendenziös: "Wenn sich die Kontrahenten heute im Landgericht (LG) München erneut gegenüberstehen, dann deshalb, weil sowohl Fischer als auch die Staatsanwaltschaft ihre Niederlage nicht akzeptieren wollten." Vor allem "formale Fehler" hätten den Revisionssenat dazu bewogen, das Urteil des Landgerichts zu kassieren. Die Süddeutsche Zeitung, als publizistisches und nicht weniger meinungsfreudiges Gegengewicht zur Berichterstattung der Welt, wurde in einem Vorabbericht aus der Feder von Hans Leyendecker in diesem Punkt etwas ausführlicher und zitierte den Senat so: Das Urteil sei "widersprüchlich und lückenhaft" zustande gekommen. So sei beispielsweise die Beurteilung einer wichtigen Zeugin "unvollständig". Weiter stellte der Senat die Frage, ob die Fischer’schen Freizeitaktivitäten von öffentlichem Interesse seien, oder ob "lediglich die Neugier der Leser nach privaten Angelegenheiten prominenter Personen" befriedigt werden sollten. 
Kurz vor der Verhandlung legte die Axel Springer AG noch einmal argumentativ nach. Der ehemalige Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts Winfried Hassemer hatte dem Gericht ein Gutachten vorgelegt, das dem Reporter ein gutes Zeugnis ausstellt. Der Journalist habe "sorgfaltsgemäß" gehandelt. Zitat aus dem Gutachten: "Herr Schüler durfte als sorgfaltsgemäß handelnder Journalist eine Videoaufnahme auch dann erwerben und zwecks Überprüfung zur Kenntnis nehmen, wenn er deren unbefugte Herstellung zwar für möglich gehalten, aber von diesem Umstand keine sichere positive Kenntnis hatte…" Die Beschaffung des Videos habe im Zuge der Recherchen zu seiner Pflicht gehört. Das gezahlte Informationshonorar sei "branchenüblich" gewesen. Und eine Verurteilung des Journalisten Schüler käme einem schwer wiegenden Eingriff in Artikel 5 des Grundgesetzes gleich.
Bild-Partner (Welt) und Bild-Gegner (Leyendecker nannte die Zeitung am Rande der Verleihung des Nannen-Preises ein "Scheiß-Blatt") haben sich vor der Verhandlung am Dienstag in Stellung gebracht. Neutral im eigentlichen Wortsinn sind die entsprechenden Artikel nicht zu nennen. Die Ankündigung des Richters am Landgericht, der Fall werde möglicherweise noch vor dem Bundesverfassungsgericht verhandelt, trägt dazu bei, dass sich die Fallhöhe eines Urteils noch einmal um einige Kilometer nach oben bewegt.

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