„Sonst überlässt man Leser der Konkurrenz“

Publishing Scott Klein ist ein in zweierlei Hinsicht ungewöhnlicher Journalist. Zum einen arbeitet er beim durch Spenden finanzierten Journalistenbüro ProPublica. Zum anderen ist die Arbeit, die er dort macht, für viele noch ungewöhnlich, denn Klein ist mit einem Team von Programmierern als Datenjournalist tätig. Im Interview meint der US-Amerikaner, Datenjournalismus sei "ein notweniger Bestandteil in einer modernen Redaktion" und hofft auf mehr Nachahmer in Deutschland.

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Herr Klein, zunächst einmal für diejenigen, die ProPublica nicht kennen: Was ist Pro Publica und was ist Ihre Aufgabe dort?
ProPublica ist eine Redaktion in New York, die sich auf investigativen Journalismus spezialisiert hat. Wir sind eine non-profit Organisation. Ich bin "Editor of News Applications", was bedeutet dass ich ein Team aus Programmierern und Journalisten leite, das journalistische Produkte mit Software produziert, statt mit Worten und Bildern.

Wer gibt Pro Publica Geld und warum?
Unsere Finanzierung stammt aus einen Mix aus wohltätigen Stiftungen wie der Sandler Foundation und der Knight Foundation, vermögenden Einzelpersonen und tausenden an kleinen Spendern, die auf unserer Website spenden.
Unsere Geldgeber investieren in uns, weil sie glauben – ebenso wie wir – dass investigativer Journalismus ein öffentliches Gut ist, wie ein Ballett oder die Oper. Er ist wichtig für unsere Gesellschaft ist, aber rein wirtschaftlich kann er nicht bestehen.

Kann sich ProPublica denn stets sicher sein, genug Geld zu erhalten?
Wir haben wunderbare Menschen, die uns beim Sammeln von Geld helfen. Wir waren bisher sehr erfolgreich dabei.

Auf welchen Beitrag sind Sie am stolzesten?
Die Story, die mich m meisten mit Stolz erfüllt ist vermutlich die Berichterstattung mit dem Titel "Law & Disorder" von A.C. Thompson zu Schießereien in New Orleans nach dem Hurrikan Katarina, in denen Polizeibeamte involviert waren. Die Berichterstattung hatte große Auswirkungen: Mehrere der Polizisten aus unseren Geschichten wurden verhaftet und die US-Regierung wurde aufgefordert die Polizeistellen in New Orleans zu übernehmen. Das alles gab den Anschub für Berichterstattung zu einem Punkt, der beiseite geschoben worden war und gab all jenen eine Stimme, deren Geschichten keinen Glauben geschenkt wurde.

Und aus ihrem Team?
Wenn ich ein Projekt wählen sollte, dass mein Team umgesetzt hat, wäre es das "Dollars for Docs project". Dieses Projekt ermöglichte es zum ersten Mal, dass man zu dem Namen seines Arztes nachsehen kann, welche Zahlungen dieser von Pharma-Konzernen annimmt. Das hilft es Leuten zu verstehen, inwieweit dieses Thema sie persönlich betrifft und es gibt ihnen die Möglichkeit, ihren Arzt möglicherweise unangenehme Fragen zu stellen.

Ihr Chefredakteur Paul Steiger sagte mal, eine Geschichte die Kandidat für einen Pulitzer-Preis ist, kostet rund 400.000 Dollar. Warum ist investigativer Journalismus so teuer? Ist es nicht so, dass manchmal auch Blogger investigativen Journalismus liefern?
Die Art von teurer Geschichte von der Sie reden ist eine, für die es Jahre an Recherche braucht, bevor auch nur eine einzelne Geschichte veröffentlicht wurde, mit nachforschungen für die bezahlt werden muss und juristische Kosten und Reisen und so weiter. All das für eine einzige Geschichte. Das ist schon etwas anderes, als das, was Sie vermutlich im Sinn haben, wenn Sie über "Blogger" sprechen.

Glauben Sie in Deutschland könnte oder gar sollte ein Team wie ProPublica existieren?
Ich weiß nicht genug über die Gesetze in Sachen Gemeinnützigkeit und Steuern in Deutschland, um sicher zu sagen, ob ein non-profit Büro für Journalismus hier existieren könnte. Wie auch immer, ich würde es gerne sehen, wenn hier eine Gruppe ähnlich zu meinem Team bei ProPublica entstehen würde, bestehend aus Software-Entwicklern, die Journalismus betreiben.
Ich hoffe hier in Europa ähnlich Gesinnte zu finden und sie zu ermutigen, weiterzumachen. Hier in Deutschland gibt es ein kleines Team bei der Zeit und ich glaube bei der Deutschen Welle, sowie einzelne Entwickler hier und da, aber ich weiß von keinem großen Team wie es sie in einigen US-Nachrichtenorganisationen gibt. Wir werden am Freitag ein Treffen von Programmierern und Hackern in Berlin haben, um darüber zu sprechen.

Was ist der Vorteil daran, ein Datenjournalismus-Team innerhalb der Redaktion zu haben?
Ich denke Datenjournalismus, damit meine ich das journalistische Sammeln, Analysieren und Präsentieren von Daten, ist wie jede andere Gattung des Journalismus auch und gleichzeitig ein notweniger Bestandteil in einer modernen Redaktion. Der Vorteil ein Team dafür zu haben ist, dass du sonst deinen Konkurrenten eine Menge an Geschichten und an Lesern überlässt.

In Deutschland heißt es häufig man hinke der Entwicklung in den USA hinterher. Wie hat sich der Datenjournalismus dort entwickelt?
Da sollten Sie meine Keynote beim Scoopcamp sehen. Die Kurzfassung lautet, dass Datenjournalismus schon so lange existiert, wie der Journalismus selbst. Schauen Sie sich nur einmal die Preis-Tabellen für den Rohstoffhandel an oder die Ergebnise von Pferderennen. Das geht bereits hunderte Jahre zurück.
Es hat allerdings bis in die jüngste Zeit gedauert, bis wir in der Lage waren, Software so schnell zu schreiben, dass sie journalistische Deadlines erfüllt. Was wirklich für den zahlenmäßigen Anstieg von Datenjournalismus in den letzten Jahren gesorgt hat ist folgendes: Schnellere Software-Entwicklungs-Methoden, einfacheres und günstigeres Hosting auf Servern und Open Data von Seiten der Regierungen.

Und welche Rolle spielte ProPublica?
Pro Publica steht was das angeht auf den Schulter von einer ganzen Reihe an Organisationen, die seit Jahren Datenjournalismus betrieben haben. Wo wir innovativ waren ist, so hoffe ich, die Art in der wir ein Set an Standards entwickelt haben, ebenso wie eine visuelle Sprache für die interaktive Präsentation von Daten.
Wir fokussieren uns mehr auf die Präsentation von Daten, als das traditionell im Feld des Computer Assisted Reporting getan wurde. Wir glauben sehr stark, dass die Präsentation großer Datenmengen genauso eine journalistische Tätigkeit ist, wie das Smmeln und analysieren der Daten. Deshalb sind die Mitglieder in meiner Abteilung verantwortlich für die Präsentation ihrer eigenen Arbeit und nicht nur für den Backend-Code oder die Analyse.

Ist das Konzept von ProPublica die Zukunft für investigativen Journalismus oder gar für den Journalismus allgemein?
Profesor Clay Shirky von der New York University sagte: "Nothing may work but everything might." So sehe ich das auch wenn es um die Zukunft der Nachrichten geht. Umso mehr innovative Modelle wir ausprobieren, umso wahrscheinlicher werden wir finden, was wir brauchen, um weiter voran zu kommen.
Scott Klein ist am Donnerstag, dem 20. September als Referent auf dem Scoopcamp in Hamburg.

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