Medien-Pleiten, -Pech und Pannen des Jahres

Publishing Mitte Dezember, die Rückblick-Saison ist in vollem Gange. Wir bei MEEDIA wollen auch unser Scherflein dazu beitragen - mit einem kleinen Medien-Jahresrückblick in drei Teilen. In der ersten Folge befassen wir uns mit Pleiten, Pech und Pannen im Mediensektor im Jahre 2012. Da gab es ja Einiges. Von ernsten Pleiten wie der Einstellung der FTD und der FR bis hin zu skurrilen Begebenheiten wie dem Fußball-Eigentor der FAZ oder Heribert Prantls Voßkuhle-Gate.

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Januar: Merkel zurückgetreten!

Die News-Bombe zu Jahresbeginn! Was? Wie? Wo? Die Stuttgarter Zeitung meldete am 27. Januar den Rücktritt der Bundeskanzlerin auf ihrer Website. Kurze Schnappatmung in Nachrichtenredaktionen, dann Entwarnung: Ein Redakteur wollte bloß ein bisschen mit dem neuen Redaktionssystem üben, da war eine Beispiel-Überschrift mit Blindtext auf die Seite gerutscht. Wahrscheinlich TYPO3. Kann ja mal passieren.

TV-Pleite des Jahres

Den Fernseh-Flop des Jahres legte Thomas Gottschalk mit “Gottschalk Live” hin. Vollmundig am 23. Januar als Revitalisierungs-Programm für die Todeszone ARD-Vorabend gestartet, wurde die Show nach Quoten-Schwindsucht noch vor der Sommerpause am 6. Juni hastig abgesetzt. Dazwischen wurde mehrfach umoperiert und -dekoriert. Von der “Tagesshow” vor der “Tagesschau” zur stinknormalen Talkshow zu einer Art Charity-Sendung für den öden Zweck. Am Ende war “Gottschalk Live” noch nicht einmal mehr live, sondern nur noch aufgezeichnet.

Remember Heidi?

Das schielende Opossum Heidi aus dem Zoo Leipzig machte im Januar und Februar eine steile Medienkarriere. Nachdem das Tier verstorben war, sollte es sogar ausgestopft werden. Tja, Fun ist ein Stahlbad (Adorno). Aber, oh je, die Präparatoren scheiterten am Schiele-Blick. Ein letzter Artikel bei Stern.de. Das war’s für Heidi.

Grasser Old-School-Shitstorm

Für eine gepflegten Shitstorm im Feuilleton sorgte Günter Grass im April mit seinem seltsamen Israel-Gedicht. Darin vertrat er u.a. die These, Israel gefährde den Weltfrieden. Die Israelis waren nicht amüsiert und erklärten den Dichter-Zausel zur unerwünschten Person. Im Mai legte Grass nach und veröffentliche wegen des Erfolgs mit der Israel-Nummer frei nach Heinz Erhardt noch’ Gedicht, diesmal zum Thema Eurokrise. Darauf schrieben die Witzbolde bei der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, dass die Titanic der Süddeutschen Zeitung das neue Grass-Gedicht untergejubelt habe. Sofort verbreitet sich die Meldung vom Titanic-Coup via Twitter. Aber Halt: die FAZ’ler waren bloß wieder mal mega-ironisch. Das wirre Euro-Geschreibsel stammte tatsächlich von Grass. Krass.

Immer Ärger mit Henri

Auch in diesem Jahr war die Verleihung des Henri Nannen Preises Schauplatz für einen Eklat in Medienhausen. Nach dem Pfister-Gate vom vergangenen Jahr (wegen der szenischen Rekonstruktion von Horst Seehofers Eisenbahnkeller im Spiegel) sorgte im Wonnemonat Mai diesmal die “SZ” für Stimmung. Die Delegation der Süddeutschen verweigerte in bester Reich-Ranicki-Manier die Annahme des Preises, weil die doofe Bild-Zeitung auch einen Preis in der Kategorie “Investigation” bekommen sollte – und zwar dafür, dass die den Wulff als Bundespräsidenten abgeschossen hatten. Die einen fanden die Preis-Verweigerung der SZ “elitär” und “überheblich”, die anderen “konsequent”. Man darf sich schon auf den Henri-Skandal im nächsten Jahr freuen. Unsere Prognose: Jury-Zoff!

Digitalsterben erreicht Deutschland

Nicht nur Zeitungen können sterben, auch Social Networks. Im Juni machte Holtzbrink bei seinen bestürzend erfolglosen Social Networks StudiVZ, SchuelerVZ und MeinVZ die Lichter aus. Das allgegenwärtige Facebook hatte sie schlicht plattgewalzt. Zwar wurde etwas von neuen Konzepten und Dachmarken geraunt, die Marke VZ aber ist mausetot. Hätte man mal besser an Facebook verkauft, als die noch willig waren. Hinterher ist man immer schlauer.

Twitter-Frust am ZDF-Fußballstrand

Laue Stimmung, kühle Brise und ein Riesen-Bildschirm, der im Meer zu versinken droht. Das ZDF erntete reichlich Kritik für das gewöhnungsbedürftige Setting am Fußballstrand in Usedom, von wo aus Katrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn die Fußball-Europameisterschaft kommentierten. In Erinnerung bleibt vor allem, als ZDF-Twitter-Tussi Jeannine Michaelsen am 14. Juni versuchte, Olli Kahn das Twittern beizubringen – und ihm dabei den falschen Twitter-Harald-Schmidt unterjubelte. Mittlerweile ist der Twitter-Account von Olli Kahn Geschichte.

Die Pipi-Papst-Affäre

Die Titanic landete ihren Coup des Jahre im Juli mit dem berühmt geworden Titelbild, das den Papst mit urinbefleckter Soutane zeigt. Dazu die auf die Vatileaks-Affäre anspielende Zeile: “Halleluja im Vatikan – Die undichte Stelle ist gefunden!” Niemand anderes als der Papst persönlich fühlte sich angegriffen und ließ der Titanic die weitere Verbreitung des Titels via Einstweiliger Verfügung verbieten. Da rauschte es aber im Blätterwald. Die Titanic wollte die Sache pflichtschuldigst durchziehen, kurz vor Prozessbeginn in Hamburg kniff dann aber der Heilige Stuhl und zog die Klage zurück. Pech für den Papst.

Prantl und das verhängnisvolle Dressing

Qualitätsjournalisten in der Fettnapf-Falle, Teil xyz: Ende Juli musste sich die Süddeutsche Zeitung für ihren Starschreiber Heribert Prantl öffentlich entschuldigen, bzw. ihr Bedauern ausdrücken. Und das noch auf der super-renommierten Seite Drei! Prantl hatte in einem Porträt über den Verfassungsgerichts-Präsidenten Andreas Voßkuhle den Eindruck erweckt, er habe in dessen Küche gesessen und ihn beim Rühren von Salat-Soße beobachtet. Dabei war Prantl erstens nie bei Voßkuhle in der Küche gesessen und zweitens ließ Voßkuhle ausrichten, pflege er Salat ohne Dressing zu verspeisen. Da kann die SZ aber von Glück sagen, dass die Salatsoßen-Nummer nicht für den Henri eingereicht war

Kleine Spitzen unter Spitzen-Feuilletonisten

Thomas Steinfeld, der wortmächtige Feuilleton-Chef der Süddeutschen Zeitung, hat in seiner Freizeit unter Pseudonym einen Schweden-Krimi geschrieben (“Der Sturm”). In diesem Krimi wird ein deutsche Groß-Journalist umgebracht, der auf verblüffende Weise Steinfelds Ex-Chef, FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, ähnelt (“Bei uns ist das ein ‚big shot‘, kein einfacher Journalist, sondern ein mächtiger Mann – ein bisschen verrückt, aber ziemlich erfolgreich.”). Aufgedeckt hat das im August ausgerechnet die Welt. Und Frank Schirrmacher? Der ließ ausrichten, dass er keine Schweden-Krimis lese.

Der Fall (von) Bernd Buchholz

Die Kommunikationspanne im August. Da wurden dem manager magazin brisante Interna darüber durchgestochen: Bertelsmann wolle die Jahr Familie bei G+J auskaufen und man sei mit dem Kurs des damaligen Gruner-Vorstandschefs Buchholz unzufrieden. Die Rede war u.a. von der “Zugkraft einer Spielzeuglokomotive”. Nicht so richtig nett. Später wurde bekannt, dass die Bertelsmann-Führungsriege über die Veröffentlichung des manager magazin vorab detailliert informiert war, Buchholz aber nix sagte. Buchholz nahm seinen Hut und eine Abfindung. Jetzt will er sein Glück in der Politik versuchen. Bei der FDP. Vergnügungssteuerpflichtig ist das vermutlich auch nicht.

Apple Maps gefährden ihre Gesundheit

Im September stellte Apple zusammen mit dem iPhone 5 auch seinen ersten eigenen Kartendienst, Apple Maps, vor. Es war eine der größten Pleiten des erfolgsverwöhnten Unternehmens. Der Kartendienst, der das bewährte Google Maps ersetzte, war mit derart vielen Fehlern gespickt, dass sich die Web-Welt kaputtlachte. U.a. ließen die Apple Karten den Kölner Dom zwischenzeitlich “verschwinden”. Zuletzt warnte sogar die Polizei in Australien, Apple Maps könne lebensgefährlich sein, da Reisende statt in die australische Stadt Mildura in die australische Wüste geleitet wurden. Der Fehler wurde mittlerweile korrigiert. Im Zuge von “Mapplegate” mussten iOS-Manager Scott Forstall und Maps-Chef Richard Williamson den Apfel-Konzern verlassen. Apple-Boss Tim Cook entschuldigte sich öffentlich. Ganz schön peinlich.

Jenseits des Flops

Das ging aber flott mit dem Flop. Kaum war der Ehegatte als Bundespräsident zurückgetreten, legte seine Frau Bettina Wulff im September das Buch zur Affäre vor: “Jenseits des Protokolls”. Darin räumte sie auch mit den in Berliner Polit- und Journalistenkreisen virulenten Rotlichtgerüchten rund um ihre Person auf. Die Resonanz war – sagen wir mal – nicht immer ganz euphorisch. Mitte September trat Bettina Wulff dann wieder die Flucht aus der Öffentlichkeit an, sagte Talkshow-Auftritte und Signierstunden ab.

Blutige Schweiz im ZDF

Im September moderierte ZDF-Uhu Theo Koll im “Auslandsjournal” einen Beitrag über Gewalt in Honduras an. Soweit, so gewöhnlich. Dummerweise hatte das Bild einer Blutlache, das die Redaktion im Hintergrund zeigte, ziemlich exakt die Form eines uns nicht ganz unbekannten Nachbarlandes, in dem es hohe Berge und seltsame Sitten gibt und in dem viel Käsefondue gegessen wird. Eine Blutlache in Form der Schweiz! Zufall? Nein, Faulheit! Die verantwortliche Grafikerin des ZDF hatte als Vorlage ein Plakat genommen, mit dem für einen Stopp von Schweizer Waffenexporten geworben wurde. Der Slogan ("Waffen hinterlassen Spuren. Stoppt Kriegswaffen-Export aus der Schweiz") wurde einfach abgeschnitten, die blutige Schweiz blieb stehen.

Der dümmste Anruf des Jahres

Der Anruf vom vergangenen Jahr (Wulff, Emir, Diekmann, Sie wissen schon.) lässt sich wahrscheinlich nicht toppen. CSU-Sprecher Hans Michael Strepp hat es im Oktober aber wenigstens versucht. Strepp rief doch tatsächlich beim ZDF an und soll versucht haben, einen Bericht über den Parteitag der Bayern-SPD in der “heute”-Sendung zu verhindern. Piefiger geht’s kaum. Das Geschrei von wegen “Einfluss auf den super-unabhängigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk” war erwartungsgemäß groß, Strepp musste seinen Hut nehmen – nur um ihn kurze Zeit später wieder so ein bisschen aufzusetzen. Nachdem der Pulverdampf verzogen war, durfte er wieder den Planungsstab der CSU-Zentrale in München leiten.

Mail-Panne des Jahres

Nicht nur Telefon-Anrufe haben ihre Tücken, auch der elektronische Postverkehr steckt voller Fallstricke. Da hat im Oktober der Anwalt der früheren Nebenklägerin im Fall Kachelmann, Manfred Zipper, eine Mail an mindestens einen Journalisten verschickt. Im Anhang: die eigentlich vertraulichen und höchst intimen Gerichtsgutachten seiner Mandantin. Persönlichkeitsschutz der etwas anderen Art.

Busengrapscher und Entschuldigungen

Normalerweise können die beiden Super-Sympathen Joko und Klaas nix falsch machen. In der “neoParadise”-Folge vom 4. Oktober griff Joko dann doch einmal tüchtig daneben, bzw. einer Messe-Hostess auf der Funkausstellung in Berlin an die Brüste. Angestiftet wurde er von seinem Kompagnon. Nach einem veritablen Shitstorm im Netz entschuldigte sich Klaas Heufer-Umlauf via Twitter: "Wir haben kein Taktgefühl bewiesen, und lustigen Quatsch mit fahrlässigem, beleidigendem Schwachsinn verwechselt. Es tut uns ehrlich leid." Immerhin.

Die Pleite der Rundschau

Seit vielen Jahren schreibt die Frankfurter Rundschau rote Zahlen. Im November meldete die Zeitung dann Insolvenz an. Weder die SPD, noch DuMont konnten sie retten. Danach großes Heulen und Zähneklappern in der Zeitungsbranche. Spontan wurden 1.700 Soli-Abos abgeschlossen. Jetzt gibt es noch eine Galgenfrist bis Ende Januar. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Sexy und irre beliebt: Diktator Kim Jong Un

Der nordkoreanische Diktator Kim Jong UN wurde von einer chinesischen Zeitung im November zum “sexiest Man alive” ausgerufen. Problem: Die Quelle für den Artikel war die us-amerikanische Satire-Website “The Onion”. Im Dezember machte Kim Jong Un dann schon wieder Schlagzeilen. Diesmal führt er die Liste als “Person of the year” des Time-Magazins an. Verdacht: Kim Jong Un soll der Abstimmung mit Hacker-Hilfe auf die Sprünge geholfen haben. Ein irrer Typ!

Geklaute Schönheit bei der Welt

Springers Tageszeitung Die Welt hat im November für eine Mode-Kolumne einen Text der Modebloggerin Susi Ackstaller geklaut. Hat da irgendjemand Leistungsschutz gerufen? Wo ist Mr. Robots.txt Christoph Keese, wenn man ihn mal braucht? Wenigstens haben die bei der Welt die Abschreibe-Panne schnell und souverän gelöst. Die Abschreiberein wurde ermahnt (Dududu!) und ihr wurde die Kolumne weggenommen. Die Bloggerin (texterella.de) bekam dafür eine monatliche Kolumne in Welt kompakt.

Qualitätspanne bei der Zeit

Da hat die Zeit sich im November das Thema Qualität im Journalismus ganz groß auf den Titel geschrieben und dann das: schreiben die Gralshüter der journalistischen Qualität ausgerechnet den Namen von Bild-Chef Kai Diekmann falsch und verpassen ihm auch noch ein falsches Alter. Der bemerkte das natürlich auch in seinem Palo-Alto-Exil und informierte die heimische Meute via Twitter über den Lapsus.

Das FAZ-Eigentor des Jahres

Da haben die klugen Köpfe der FAZ im Sportteil im November das Sensations-Tor des schwedischen Stürmers Zlatan Ibrahimovic aus 25 Metern via Fallrückzieher im Spiel Schweden gegen England mit einem noch unglaublicheren Tor aus dem Videospiel Pro Evolution Soccer verglichen. Problem: Die FAZ hielt das YouTube-Video des Videospiels für echt. Die Häme im Web war dann so groß wie das Ego von Zlatan Ibrahimovic. In der Print-Ausgabe der FAZ salbaderte man in der Korrektur mit viel Schwurbel-Schwurbel dann etwas davon, dass man das YouTube-Tor für die “computeranimierte Version eines realen Tores gehalten habe”. Für die Ausrede des Jahres müsst ihr euch dann aber doch noch was Besseres einfallen lassen, liebe FAZ’ler.

Der Dezember des Grauens

Die FTD erhielt im kalten Dezember ein Medienbegräbnis erster Klasse – mit viel beklatschter Abschiedsausgabe und eigener NDR-Doku. 320 Arbeitsplätze gingen bei der G+J Wirtschaftspresse auf einen Schlag verloren. Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart, der vor einiger Zeit noch lautstark die Einstellung der FTD gefordert hatte, veröffentlichte ein Trauer-Telegramm nach dem nächsten und umgarnt ehemalige FTD-Größen wie Christoph “Leistungsschutz” Keese und Gründungs-Chefredakteur Andrew Gowers. Der Engländer keifte zurück, er würde nicht mehr für das “shit declining newspaper” Handelsblatt schreiben. Man ist gereizt. Ebenfalls im Dezember eingestellt: das Stadtmagazin Prinz. Hier hielten sich die öffentlichen Kondolenz-Bekundungen im Gegensatz zu FR und vor allem FTD in Grenzen. Und noch mehr Dezember-Pleiten: Die Nachrichtenagentur rief ihre Pleite aus. Dabei waren die die dapd-Bosse Martin Vorderwülbecke und Peter Löw im April in Frankreich noch auf große Einkaufstour gegangen. Und Rupert Murdoch zog bei der iPad-Zeitung The Daily den Stecker. Nur 22 Monate gab es die digitale Zeitung, 120 Mitarbeiter sind betroffen. Angeblich hat The Daily pro Jahr 30 Mio. Dollar Minus gemacht.

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