Motor Revue: die gedruckte Entschleunigung

Publishing Zum stolzen Preis von 7,50 Euro fuhr am Kiosk in dieser Woche eine Edel-Extension der Auto Bild-Familie vor. Das Hochglanzheft heißt Motor Revue und ist die Wiederbelebung einer Marke, die einst bei der Motorpresse in Stuttgart glänzte, bevor sie verschwand und in Vergessenheit geriet. Mit der Zeitschrift will Springer ausloten, ob es am oberen Ende der Autoskala Raum für eine ebenso ambitionierte wie eigenwillige Neueinführung gibt. Das Ergebnis: ein Magazin mit hohem Kult- und Lustfaktor.

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"Wir haben gesehen, dass sich im Luxusmarkt etwas bewegt", sagt Auto Bild-Chefredakteur Bernd Wieland zur Entstehungsgeschichte des PS-Projekts, "da wollten wir mit einem eigenen Produkt dabei sein: einem Heft, das hochklassig ist und von originellen Ideen lebt." In der Tat hat die in der Vergangenheit etwas ins Stottern geratene Konjunktur des Segments in letzter Zeit einige experimentierfreudige Neugründungen auf den Plan gerufen: die deutsche Lizenzausgabe des britischen Octane etwa, das Sonderheft Play Cars oder demnächst Top Gear.
Bei Axel Springer, wo strategisch die Weichen nicht gerade auf Printexpansion gestellt scheinen, wollte man indes nicht auf eine Lizenz setzen, sondern lieber auf ein Magazin made in Germany. Chefredakteur Wieland, der selbst lange Jahre bei der Motorpresse wirkte, erinnerte sich an die Motor Revue, eine Marke, die für Hardcore-Autofans früherer Zeiten wie ein Adelstitel glänzte. "Historisch steht Motor Revue für exklusiv recherchierte Stories, für das Edelste, was man kaufen kann", schwärmt Blattmacher Wieland, "ein Leuchtturm des Highend-Motorjournalismus und eine tolle Marke, die es verdiente, wiederbelebt zu werden."
Die Begeisterung, die den Chefredakteur erfasste, muss in der Redaktion um sich gegriffen haben. Über einen Zeitraum von gut drei Monaten entstand "aus der Mitte der Auto Bild-Redaktion", so Wieland, eine neue Edelmarke: "Wie der VW-Konzern sich einen Bugatti leistet, so wollten wir ein Highend-Magazin entwickeln – eine Ausweitung der Markenfamilie nach oben, ins Premiumsegment." Die Lust am Schwelgen in nostalgischem wie aktuellem Luxus merkt man dem Erstling an, aber ebenso die Lebendigkeit der Autobegeisterung. "Die Motor Revue sollte kein Glanzheft für den Coffeetable werden", erklärt Bernd Wieland, "sondern eine Zeitschrift mit Seele. Dieses Heft ist ein Statement unserer Redaktion."
Dass das Heft der Redakteure, die hauptberuflich Golf & Co. weit näher stehen als den oft unerschwinglichen Autolegenden der Alt- und Neuzeit, vor dem ungewohnten Objekt der Begierde nicht in Ehrfurcht erstarrt, hat mehrere Gründe: Zum einen ist die Motor Revue, wie es der Name nahelegt, eine überaus abwechslungsreich komponierte Print-Show, die nur wenige kalt lassen dürfte, die irgendeine nicht rein pragmatische Beziehung zum Automobil haben. Zum zweiten ist das Magazin schon optisch ein Klassiker; obwohl jede Seite anders layoutet scheint, wirkt das gesamte Heft wie aus einem Guss und mit lediglich vier Großrubriken ("Reportagen", "Menschen", "Meinungen", "Maschinen") erfreulich klar gegliedert. Zum dritten menschelt es in der neuen Motor Revue (siehe Rubrik zwei) deutlich mehr als in anderen Highclass-Automagazinen. Und viertens schafft es die Redaktion, trotz aller Exklusivität nicht statisch auf teuer zu setzen.
Hier wird die Handschrift der Auto Bild Klassik deutlich, einem Magazin, das sich einem Kabinenroller mit der gleichen Hingabe widmet wie einem Ferrari. Neben rennsportverdächtigen Schlitten aus der "250.000 Euro-Liga" werden auch für Günther Jauchs Oldtimer-Liebe zu einem 30 PS-Käfer sechs Seiten freigeräumt, finden sich im Schaubild "Auf den Straßen dieser Erde" allerlei skurrile Wägelchen, handelt die große Fotoreportage nicht von einem Herrenfahrer-Ausflug auf eine Rennpiste, sondern von einer von Gangstern ins Leben gerufenen Drift Show in den Townships des südafrikanischen Johannesburg. Das ganze Heft steckt voller Ideen, die der Zeitschrift einen eigenwilligen, unkorrumpierten Charme verleihen.
Diese Mischung ist es, die bei der Motor Revue manchen zunächst vielleicht irritiert, unterm Strich aber imponiert – vor allem, weil das Heft an keiner Stelle auch nur den Hauch von Inkompetenz aufkommen lässt: Hier schreiben, allem Lifestyle zum Trotz, Leute vom Fach, hier gibt es – auch zu Jahrzehnte zurückliegenden Themen exklusive Nachrichten. Die derzeit oft totgesagte echte Liebe zum Automobil, so die versteckte Botschaft, kennt keinen Standesdünkel. Das gilt in beide Richtungen, und so darf sich ein jeder hier auch mit den Stärken und Schwächen eines in der Grundausstattung 407.123 Euro teuren Rolls Royce Phantom befassen. Und wo sonst findet man über den Range Rover, das Modemobil der (neu-)reichen Großstädter, derart schöne wie schonungslose Zeilen: "Für Spätbremser und Freunde hoher Querbeschleunigung war er stets der falsche Dampfer: die Lenkung ein Offenbarungseid, die Bremse eine Absichtserklärung, Handling ein nie eingehaltenes Versprechen."
Sicher, das Heft, das Springers Auto-Gang fast nebenbei als Prototyp auf die Spur gebracht hat, würde beim Qualitäts-TÜV hier und da einen Detailmangel bescheinigt bekommen. Die Kür der besten Autos des Jahres 2012 (BMW 3er gewinnt vor Golf und A-Klasse) gehört vielleicht in dieser Form doch eher ins Hauptprodukt, die eine oder andere Story wäre verzichtbar, mancher Text entstammt eher der Kompakt- als der Premiumklasse. Aber das Gesamtprodukt stimmt, der Ansatz ist vielversprechend, und so stellt sich vor allem die Frage, ob 7,50 Euro für ein Magazin aus der Auto Bild-Garage nicht vielleicht doch ein wenig hoch angesetzt sind.
Das Argument, warum dieses Geld für Auto-Enthusiasten gut angelegt sein könnte, beschreibt Chefredakteur Wieland so: "Motor Revue ist gedruckte Entschleunigung. Wir wollen große Bilder wirken lassen und lange Texte." An anderer Stelle heißt es sogar: "Mit diesem Magazin heben wir einen Diamanten des Autojournalismus wieder ans Licht." Eine Anspielung auf die große Vergangenheit des 1994 eingestellten Titels, ein Schicksal, das Motor Revue mit vielen Klassikern eint. Manchmal kommen sie wieder – und das muss ja keinesfalls schlecht sein.
Im Erfolgsfall könnte die Motor Revue (aktuell 170 Seiten) regelmäßig erscheinen. Eine Digitalausgabe ist zudem in Vorbereitung.

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