Hyperlocal: ein Weg aus der Zeitungskrise?

Publishing Als eine mögliche Antwort auf die Zeitungskrise hört man immer wieder: die Medien müssen sich noch stärker auf das Lokale im Web besinnen. Doch das aktuelle Kernproblem der Verlage gilt auch hier: Wie lässt sich das finanzieren? Mögliche Antworten: durch Leserbindung, enge Zielgruppen und nationale Partnerschaften. In einem zweiteiligen Report über Lokaljournalismus im Netz gehen wir auf diese Punkte ein und zeigen: Ohne einen gewissen Grad an Selbstausbeutung geht es nicht.

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"Ein Stück Heimat wiedergewinnen", titelte vor kurzem die NZZ in einem Artikel über Stadtwikis. Autor Tobias Feld schreibt, Europa entdecke diese Form des Lokalen im Web, es gäbe bereits über 160 solcher Online-Enzyklopädien. Stadtwikis übertragen das Konzept der bekannten Wikipedia ins Lokale. Der Gedanke: Was für die Welt nicht relevant genug ist, ist es sehr wohl in der Nachbarschaft – und jeder soll mitmachen. Informationen über den Stadtrat, die Baustellen, die Abfallentsorgung der Stadt: immer her damit.
Wer sich für einen Moment die Größe Europas vor Augen führt, bemerkt schnell, dass 160 Stadtwikis nicht der Wahrheit letzter Schluss sein können. Selbst für ein einzelnes deutsches Bundesland wäre diese Zahl ein Offenbarungseid. Zur mangelnden Quantität kommt im Fall der Stadtwikis auch die Frage nach der inhaltlichen Stärke. Im Stadtwiki zu Hamburg zum Beispiel lässt sich je nach Eintrag Olaf Scholz, aber auch sein Vor-Vorgänger Ole von Beust als Erster Bürgermeister finden.
Das Problem ist nicht die Grundidee – sondern die Beteiligung. Wikis leben davon, dass viele Autoren sich freiwillig beteiligen. Mit vielleicht einigen Ausnahmen ist dies bislang nicht der Fall oder zumindest nicht auf Dauer. Wenn ein Wiki aber nicht mehr aktuell ist und das an so vielen Stellen, dass es sich nicht mehr einfach reparieren lässt, wird es unbrauchbar – und damit auch ungebraucht.
Lokalblog finanziell maximal Nebenjob 
Erfolgsversprechender – zumindest zur Zeit – wirken da Konzepte, hinter denen eine mehr oder weniger klassische Redaktion steht. So ist es der Fall bei vielen Regionalblogs. Als Musterbeispiele werden hier immer wieder das Heddesheimblog, die Prenzlauer Berg Nachrichten oder auch Meine Südstadt aus Köln genannt. Auch die Ruhrbarone haben sich längst etabliert. Die genannten Blogs erreichen mittlerweile zum Teil eine mittlere fünfstellige Summe im Jahresumsatz. Damit können sie grob ihre Kosten decken. Um von den Einnamen ohne weitere Jobs leben zu können, ist es in der Regel aber zu wenig. Ein Regionalblog ist finanziell aktuell im besten Fall ein Nebenjob.
Und man darf nicht vergessen: Jeden der erfolgreichen und bekannten Blogs stehen unzählige gegenüber, die es nicht so weit bringen, die nur sehr kleine Leserkreise erreichen, deren Verantwortliche aus Zeit- oder Geldmangel die Aktivitäten zurückfahren müssen oder die schlichtweg aus verschiedenen Gründen keinen Durchbruch schaffen. Viele der Blogs werden wieder eingestellt. Wegen einiger weniger erfolgreicher Beispiele also von einer großen Perspektive für redaktionell betriebene journalistische Lokal-Projekte auszugehen, wäre reichlich übertrieben. Dennoch bieten sie eine Chance, einen Blick darauf zu werfen, was im Netz funktioniert. 
Dabei fällt auf, dass viele der erfolgreichsten Konzepte deutlich kleinteiliger sind, als es bei Tageszeitungen der Fall ist. Lokalblogs sind besonders dann viel versprechend, wenn sie in eine Lücke stoßen. Auf dem Land, wie beim Heddesheimblog, kann das die Gegenöffentlichkeit zu einer beherrschenden Tageszeitung sein, die über gewisse Themen nicht oder einseitig berichtet.
Enge Zielgruppe bietet ideales Werbeumfeld
In den größere Städten ist die klassische Lokalberichterstattung meist noch vielseitiger. Hier gibt es andere Lücken: Hyperlokale Lücken. Anders als auf dem Land heißt es dann nicht eine Stadt oder Gemeinde, sondern nur ein Stadtteil oder Bezirk ist Berichterstattungsgebiet und Zielgruppe. Hier interessieren Dinge, die nicht die ganze Stadt interessieren müssen. Beim von Politikwissenschafts-Studierenden jüngst gegründeten Blog Mittendrin beispielsweise der Hamburger Bezirk Mitte, wohingegen beim ebenfalls aus Hamburg stammenden Altona.info der im Fokus stehende Stadtteil schon im Namen steht.
Der alte Spruch, dass Menschen am meisten interessiert, was vor ihrer Haustür passiert, gilt noch immer. Und er bietet auch neue Vermarktungschancen. Internetseiten mit geringer Reichweite sind von den großen Werbetöpfen im Netz meist ausgeschlossen. Eine genaue Zielgruppe, etwa aus einem Stadtteil, bietet jedoch beste Möglichkeiten, Anzeigekunden aus eben diesem Gebiet zu gewinnen. Die häufig nicht nur räumlich bedingte größere Nähe zum Publikum ermöglicht zudem eine höhere Identifikation zwischen Leser und Redaktion. 
Viele Regionalblogs bitten daher auch offen um finanzielle Unterstützung, etwa via Paypal oder dem Social-Payment-Dienst Flattr. Das allein macht zwar auch noch kein Finanzierungs-Konzept, kann aber einen Teil beisteuern. Sowohl bei Spenden als auch bei den Anzeigen gilt aber: Da die meisten Regionalblogs von eher Unbekanten gemacht werden und zunächst auch unbekannt sind, heißt es erst einmal: Investieren – und zwar sowohl Geld als auch Zeit. 
Zusammenschlüsse helfen über die Region hinaus
Mit dem istLokal-Netzwerk hat sich auch deshalb ein Zusammenschluss gefunden, der unter anderem den Austausch untereinander zum Ziel hat. In der Selbstbeschreibung heißt es: "Istlokal soll dabei helfen, Fehler zu vermeiden und von den Erfahrungen anderer zu profitieren. Um den Lokaljournalismus und das Geschäft damit voranzubringen." Auf nationaler Ebene wird zudem eine gemeinsame Werbevermarktung angestrebt.
Interessant ist auch die Seite kiezblogs.de. Sie bietet eine Zusammenstellung verschiedener lokaler Blogs. Nutzer können so Nachrichten nach Region suchen und finden, sowie neue Blogs aus dem eigenen Umfeld für sich entdecken. Kiezblogs aggregiert sich automatisch mithilfe der RSS-Feeds der eingetragenen Blogs. Leider ist die Seite nicht mehr an allen Stellen aktuell.
Projekte, die finanziell abgesichert sind, oder zur richtigen Zeit den richtigen Riecher hatten, haben es an mehreren Stellen geschafft, zu publizistisch relevanten Stimmen ihrer Region zu werden oder die Berichterstattung in ganzen Themenfeldern umzukrempeln. Sie dienen darüber hinaus als möglicher Innovationsmotor, warten mit ungewöhnlichen Themenmischungen oder Darstellungsformen auf. Es sind nicht immer nur Blogger, die verantwortlich sind: Auch in den Verlagen und den Ausbildungsstätte des Journalismus entstehen möglicherweise wegweisende Projekte. Darum soll es in Teil zwei der Mini-Serie gehen.

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