Freizeitkicker als lokale Medienchance

Publishing Innovationstreiber Lokaljournalismus: Immer seltener haben die großen Nachrichtenportale die besten Ideen. Die Zahl der spannenden Web-Projekte, die aus der Regionalberichterstattung heraus entstehen, steigt. Wie Teil 2 des MEEDIA-Reports zeigt, wird immer deutlicher: Wenn konventionelle Medien den Nährboden für Quereinsteiger und Nachwuchs bieten, kann im Regionalen-Web Großes entstehen. Doch der Motor können auch andere sein: Väter von Fußball spielenden Kindern etwa.

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Wie im ersten Teil dieser Serie beschrieben, können Autoren von ihrer Arbeit an und bei Lokaljournalistischen Internet-Projekten kaum leben. Rein journalistisch kann die Tätigkeit für sie aber sehr lohnend sein: Bei einigen Seiten fällt ihnen eine publizistische Relevanz wie in einer Tageszeitung zu. Die Portale bieten ihnen darüber hinaus mehr Freiheiten, als sie sie bei konventionellen Medienhäusern hätten. Freiheiten, die zum Teil zu journalistischen Experimenten genutzt werden.
Die Ruhrbarone nutzen zum Beispiel sehr viele Videos, nicht nur eigene. Die Art, zwischen teils längeren, teils umfangreich recherchierten Beiträgen, kurze Webvideos zu streuen, kommt an – wäre auf einer gewöhnlichen Nachrichtenseite aber höchst ungewöhnlich. Auch anderswo ist die Themenmischung unorthodox, aber trotzdem – oder gerade deshalb – erfolgreich. Streng nach dem Motto: Erlaubt ist was gefällt. 
Das Pottblog etwa verbindet lokale Geschichten aus dem Ruhrgebiet mit Technik-Themen, auf wendland-net.de gibt es zwischen typischen lokal-Geschichten und den Atommüll-Endlager-spezifischen Inhalten des Wendlands auch Filmkritiken zu aktuellen Kinostreifen. Auch in der Herangehensweise wird mitunter experimentiert. Das Hamburger Blog Elbmelancholie versucht Lokaljournalismus narrativ anzugehen (Disclaimer: Der Autor ist am Projekt beteiligt).
Parallelwelt: Untere Fußball-Ligen
Ein Feld, in dem sich Lokalblogs bereits etabliert haben ist der Fußball. Wer in den unteren Ligen und im Nachwuchsfußball schnell und verlässlich alle Ergebnisse auf seiner Seite hat, dem sind ansehnliche Zugriffszahlen sicher – inklusive einer für Werbekunden attraktiven Zielgruppe. Wer sich früher für die Ergebnisse seiner Liga interessierte, musste mitunter bis zur Zeitung am nächsten Werktag warten. In Zeiten von Internet und Smartphones will aber keiner so lange warten. 
Das haben einige Fußballbegeisterte entdeckt und reagiert. Häufig haben die Vereine selbst Interesse daran, in der Berichterstattung vorzukommen. Stolze Eltern oder ehrenamtliche Pressewarte liefern den Seitenbetreibern Ergebnisse und weitere Infomaterialien – teilweise noch vom Spielfeldrand. 
Mit Spielberichten, zum Teil sogar Interviews und Hintergründen, lässt sich die Berichterstattung anreichern. So hat es auch fupa.net gemacht. Das Angebot bekam bereits 2010 einen Grimme Online Award verliehen. Mittlerweile gibt es nicht nur für Niederbayern, wo fupa.net seinen Ursprung hat, lokale Fußball-Seiten.
Einige davon haben eine ähnlich lang zurückreichende Geschichte, wie blog-trifft-ball.de, das genauso wie sportnord.de besonders den Norden Deutschlands im Blick hat oder amateurkick.de, welches sich besonders auf den Westen konzentriert. Andere sind noch recht jung, verfolgen aber ein vergleichbares Konzept: Hessenkicker.de etwa startete erst in diesem Jahr.
Auch die Verlage investieren
Doch auch die professionellen Verleger experimentieren weiter: Vor kurzem fiel zum Beispiel das Hamburger Abendblatt mit einem interessanten Projekt auf, dem Straßentest. Jede Straße Hamburgs ist darin nach verschiedenen Kriterien bewertet. Chefredakteur Lars Haider kündigte zudem an, man werde das Konzept ausbauen. Künftig sollen zu den Straßen auch passende Lokal-Artikel zu finden sein. Das Abendblatt würde somit auch in das Hyperlokale eintauchen, den Lesern die Möglichkeit geben, sich konkret über das neuste aus der Nachbarschaft zu informieren.
Auch der Tagesspiegel experimentiert: In Zusammenarbeit mit dem Gelbe Seiten-Verlag BFB BestMedia4Berlin und weiteren Zeitungen betreibt man Qiez.de. Das auf Berlin ausgerichtete Stadtteilportal bindet neben klassischen journalistischen Inhalten, die nach Stadtteilen ausgewählt werden können, auch Beiträge von Blogs an und ruft auf, sich als Leserreporter selbst zu beteiligen. Darüber hinaus bindet es in Synergie zu den Gelben Seiten Informationen zu Berliner Unternehmen ein.
Im Westen gibt es das Portal Lokalkompass.de. Hinter der Bürger-Community stehen die Ruhrnachrichten und die WAZ-Mediengruppe über ihre Anzeigenblätter. Moderiert wird die Seite von den Lokalredaktionen, Inahlte liefern sollen aber vor allem auch Bürger-Reporter. Wie der Verlag mitteilt haben seit dem Start 2010 Bürger-Reporter und Redaktionen über 240.000 Beiträge und rund 1.250.000 Bilder hochgeladen.
Diese Ideen haben Potential, weil sie sehr Kleinteiliges mit Stadtweiten Themen verbinden, Journalismus mit Service. Freilich heißt es auch hier: Zeit, Geld und Personal investieren. Im Gegensatz zu privaten Bloggern dürfte dies etablierten Medienhäusern jedoch leichter Fallen. 
Innovationsmotor: Journalisten-Nachwuchs
Als Innovationsmotor dürfen da gerne auch mal die Nachwuchskräfte aus dem eigenen Haus ran, wie geschehen beim Projekt Zoom Berlin. Auch hier sind es wieder Straßen, die im Mittelpunkt stehen. Besser gesagt: Eine Straße, die im Mittelpunkt steht. Zoom Berlin ist ein hyperlokales Projekt der Axel Springer Akademie. In verschiedenen Formaten – Text, Video, Slideshows – werden Geschichten rund um die Oranienstraße in Berlin erzählt. Auch die Navigation auf der Seite kann über eine Luftaufnahme der Straße erfolgen.
Verantwortlich für die Umsetzung war ein zwanzigköpfiges Team junger Journalisten der Axel Springer Akademie. Der Lohn für Ausbilder und Ausgebildete: Zoom Berlin wurde mit dem European Newspaper Award ausgezeichnet. Ein klares Zeichen dafür, dass Innovation durch den (eigenen) Nachwuchs möglich ist – und zumindest publizistisch gewinnbringend ist.
Das durfte auch der Hessische Rundfunk in einem ähnlichen Projekt feststellen: Gemeinsam mit Online-Journalismus-Studierenden der Hochschule Darmstadt verwirklichte die Online-Börsen-Redaktion der ARD das Projekt "Eurozone Ostend" (Disclaimer: Der Autor war am Projekt beteiligt). Auch hier wurden Texte ebenso wie Videos und Slideshows verwendet und auf einer Karte angeordnet.
Verlage und Jungkräfte müssen zusammen finden
Hyperlokaler Journalismus traf dabei ein internationales Thema: Das Dossier beschreibt die Veränderung, die der Frankfurter Stadtteil Ostend erlebt, insbesondere seit dem Bau des neuen EZB-Hauptsitzes dort. Wie Zoom Berlin wurde auch Eurozone Ostend ausgezeichnet, in diesem Fall mit dem Ernst-Schneider-Preis für Wirtschaftsjournalismus.
Die genannten Projekte zeigen, dass es im Lokaljournalismus im Web durchaus Bewegung gibt. Sind die nötigen Ressourcen vorhanden, entstehen Projekte, die zu Recht für ihre Innovationskraft ausgezeichnet werden. Viele der privat initiierten Projekte beweisen zudem, dass für lokale Berichterstattung im Web eine Nachfrage besteht. Das Problem ist vielerorts weniger die Qualität, als die Quantität. Sicher wäre für weitere Projekte Platz. Doch gerade in der Startphase verschlingen die Lokalportale viel Zeit und bringen kaum Geld.
Eine Lösung könnte es sein, dass Verleger und Jung- und Hobby-Journalisten verstärkt zusammen finden. Die Nachwuchskräfte und Quereinsteiger bringen die fischen Ideen, das Engagement und die Mannstärke ein, die Verlage steuern die Anschubfinanzierung und mögliche weitere Ressourcen bei. Gewinnen könnten am Ende alle.

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