Belgiens Google-Deal: der labile Burgfrieden

Publishing In Belgien wollen Verleger und Google künftig gemeinsam die Zukunft angehen, statt sich vor Gericht zu streiten. Beide Seiten fühlen sich dabei als Sieger. Auch wenn besonders die finanziellen Details unklar bleiben und die meisten Punkte eher schwammige Absichtserklärungen sind, könnte die Entscheidung wegweisend sein. Verlegersprecher Francois Le Hodey betont: Zur Lösung der Herausforderungen, vor denen die Medienbranche steht, müssten alle großen Akteure eingebunden werden.

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Wer geht als Sieger aus den seit 2006 andauernden, nun offiziell beigelegten Streit zwischen den französischsprachigen Zeitungen Belgiens und Google hervor? Der eine Sieger heißt Google: Die Zeitungen werden freiwillig wieder Google News beitreten, wie Francois Le Hodey, Sprecher des Verbands Copiepresse, und Belgiens Google-Manager Thierry Geerts in einer Telefon-Pressekonferenz durchblicken ließen. Die Unterstützung, die der US-Konzern beim Bestreben nach neuen gewinnbringenden Partnerschaften den Verlegern bietet, kommt auch Google zugute.
Geerts nannte zum Beispiel die Möglichkeit, mit Google Hangouts in den Kontakt zu Lesern zu kommen. Auch könnten verstärkt YouTube-Channels genutzt werden. Dadurch könnte sowohl die Reichweite erhöht werden, als auch die Server der Medienanbieter entlastet werden. Zu bedenken hierbei ist freilich: So wertet Google auch seine eigenen Dienste weiter auf. Der US-Konzern hat an dieser "Unterstützung" also selbst Interesse 
Ansonsten heißt es vor allem: Google soll helfen, Reichweite aufzubauen – auch für Bezahlinhalte. Haben die Verleger sich also eingestehen müssen, auf Dauer nicht ohne Google zu können? Das will Le Hodey so nicht sagen, stellt aber fest: Die Herausforderungen, vor denen die Beteiligten stünden seien so hoch, dass alle großen Akteure eingebunden werden müssten und man zusammen arbeiten müsse. Das betreffe auch Google, aber auch die Regierungen.
Gemeinsam wolle man im kommenden Jahr verstärkt auf bezahlte Premium-Inhalte setzen und hierfür funktionerende Modelle entwickeln. Gelingt das – womöglich durch logistische Unterstützung von Google – wären die Verleger der zweite Gewinner des Deals. Die Verleger sehen sich ihn ihrem Vorgehen auch dadurch bestärkt, dass Google zur Beendigung der gerichtlichen Auseinandersetzungen sogar bereit ist, die juristischen Kosten des Konflikts zu übernehmen. 
Le Hodey betont aber, dass Paid Content nur funktionieren könne, wenn man gemeinsam mit allen Zeitungen diesen Schritt ginge. Darin sei man sich in seinem Verband einig. Aber es befänden sich auch andere Akteure auf dem Markt der Internet-Nachrichtendienste, wie die TV-Sender. Diese müsse man ebenfalls ins Boot holen. 
Wie bekannt gegeben wurde, werden als weitere Abmachung der Kooperation sowohl Google als auch die Verlage beim jeweils anderen Anzeigen schalten. Über die genauen Details zu diesem Aspekt des Deals wollen Verlage wie auch Google aber wenig bekannt geben. So bleibt zum Beispiel der finanzielle Umfang, zu dem Anzeigen gekauft werden, intern. Es gäbe zudem nur einen festgelegten Betrag für den Start. Eine Übereinkunft, dass man nun jedes Jahr Betrag X zahlen würde, habe man nicht getroffen. Wie in den kommenden Jahren in diesen Punkt weiter verfahren würde, müsse sich noch zeigen.
Das Konstrukt der belgischen Vereinbarung ist also zunächst einmal recht labil. Beide Seiten schauen offenbar erstmal, wie weit man gemeinsam kommt, die genannten Ziele sind – zumindest nach außen hin – wenig konkret. Die Konflikte der Vergangenheit sind auch nicht völlig ausgeräumt. Man betont in Hinblick auf die juristische Auseinandersetzung, die zurückliegt: "Wir sind uns darüber einig, dass wir uns uneinig sind."
Kann Belgien dennoch als Blaupause auch für andere Länder, darunter Deutschland, dienen? Thierry Geerts hofft, dass andere Länder dem Beispiel folgen werden. Das Beispiel zeige, dass es gewinnbringender sei, zusammen zu arbeiten, statt sich zu bekämpfen. Francois Le Hodey betont jedoch, der Fall Belgien sei deutlich anders als der in anderen europäischen Ländern. So seien die Zeitungen in dem kleinen Land beispielsweise zuletzt eben nicht bei Google News gelistet.
Die belgische Lösung könne auch ein Modell für Deutschland sein, meint hingegen Frank Rieger. Der Sprecher des Chaos Compuer Club hat vor kurzen in einem Beitrag in der FAZ angeregt, Google könne Werbung in Google News einbringen und die dadurch gewonnenen Einnahmen mit den Verlegern teilen. Das Konzept aus Belgien nun, weise in die richtige Richtung, sagt er MEEDIA: "Eine solche kooperative Lösung ist definitiv einem verkorksten Gesetz wie dem LSR vorzuziehen, das die Blogosphäre gefährdet und auf Jahre die Gerichte und Anwälte beschäftigen wird."
Die spannende Frage werde sein, "inwieweit die Einnahmen für die Verlage aus derartigen Modellen nach ein oder zwei Jahren als ausreichend empfunden werden." Rieger betont zudem: "Ungeklärt bleibt natürlich weiterhin, welche Verpflichtungen sich aus der marktbeherrschenden Stellung Googles ergeben, aber diese Frage sollte auch nicht in einem LSR geklärt werden."

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