Medien fallen auf geschönte Merkel-Wahl rein

Publishing So leicht lassen sich manche Journalisten täuschen: Die CDU braucht bloß zu verkünden, Angela Merkel sei mit 97,94 Prozent der Delegiertenstimmen als Parteichefin wiedergewählt worden - und schon übernehmen viele Medien diese Angabe. Dabei ist die Zahl geschönt: Sie lässt die Enthaltungen unter den Tisch fallen. Die Deutsche Presseagentur hat in ihrer Parteitags-Berichterstattung ausdrücklich auf dieses Problem hingewiesen. Dennoch verwendeten viele Medien undifferenziert die Parteiangaben.

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CDU und CSU sind die einzigen Bundestagsparteien, die bei Vorstandswahlen auf allen Parteiebenen die Enthaltungen nicht in die Prozentzahlen einrechnen. Zählt man sie mit, kommt Merkel „nur“ auf 96,99 statt auf fast 98 Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen. Der Unterschied ist marginal. Aber die journalistische Sorgfaltspflicht würde eigentlich verlangen, mit korrekten Angaben zu arbeiten – auch deshalb, weil sonst die CDU-Zahlen nie fair mit den Vorstandswahlergebnissen der SPD verglichen werden können. Und wenn es mit Merkels Beliebtheit so weitergeht, wird sie irgendwann womöglich behaupten können, sie sei mit 100 Prozent gewählt worden – auch wenn es in Wirklichkeit ein paar Prozent Enthaltungen gab…
Die dpa informierte ihre Kunden kurz nach der Wahl mit den Worten, Merkel habe "nach CDU-Angaben 97,94 Prozent der Stimmen" erhalten. Und weiter: "Die CDU wertet allerdings anders als andere Parteien die Enthaltungen als ungültige Stimmen. Nach der allgemein üblichen Zählung kommt Merkel auf 97 Prozent."
Einige Medien übernahmen diesen Hinweis wörtlich. Zum Beispiel Zeit Online in einer ersten Meldung. In einem späteren Feature war dort aber nur noch von "98 Prozent Zustimmung" die Rede. Ziemlich unentschieden auch Die Welt: Ihr Aufmacher verwendet zwar im ersten Absatz die differenzierende dpa-Formulierung, doch die Schlagzeile lautet: "Merkel wiedergewählt – mit 97,94 Prozent". Ein bisschen wie im Märchen, wo sich niemand traut, laut zu rufen: "Der Kaiser ist nackt." Die FR macht es ähnlich: Text im Innenteil korrekt, Schlagzeile und Anreißer auf Seite 1 übertrieben. 
Die FAZ erwähnt in ihrem Aufmacher nur die geschönte Zahl. Auf Seite 3 dann eine kryptische Darstellung, aus der allenfalls Rechenkünstler herauslesen können, dass die Enthaltungen nicht in den Prozentsatz eingegangen sind.
In der Fernausgabe der SZ, wie sie MEEDIA vorliegt, taucht in allen drei Merkel-Artikeln nur die erhöhte Zahl auf. Laut Datenbank „Genios“ wird aber auch auf das Problem der Enthaltungen hingewiesen – offenbar in späteren Ausgaben.
Ganz einfach macht es sich die Bild-Zeitung. Ihre Leser erfahren lediglich die offizielle CDU-Version. Die wird nicht mal von der taz in Frage gestellt. So haben es am Vorabend auch ARD und ZDF praktiziert. Die Tagesschau-Hauptausgabe sprach von "mehr als 97 Prozent", und auch die heute-Sendung um 19 Uhr ließ die Enthaltungen außen vor.
Eine der wenigen Zeitungen, die am Mittwoch schon in der Schlagzeile die korrekte Zahl präsentierten, ist der Wiesbadener Kurier. Er titelte: "97 Prozent für Merkel".
Sogar die wachsame dpa vergaß am Dienstag zeitweilig ihre eigenen Erkenntnisse: In der Meldung "Die wichtigsten Zitate vom CDU-Parteitag in Hannover" nannte die Agentur nur noch die offiziellen 97,94 Prozent.
Auch in einem anderen Punkt war dpa nicht ganz korrekt: Nach ihrer Darstellung bewertet die CDU Enthaltungen als ungültige Stimmen (und zählt sie deshalb nicht mit). Das ist aber nur bei der CSU so. Das CDU-Statut dagegen kennt Enthaltungen und ungültige Stimmen. Beide "zählen für die Feststellung der Beschlussfähigkeit mit, jedoch nicht für die Ermittlung der Mehrheit". 
Rein formal gesehen, ist es aus CDU-Sicht also durchaus korrekt, nach Wahlen nur die günstigeren Prozentsätze ohne Enthaltungen zu verkünden. Aber Journalisten sollten sich auf die Rechenkünste der Christdemokraten lieber nicht verlassen, sondern zum nächsten Parteitag einen Taschenrechner mitnehmen.

NACHTRAG FÜR GESCHICHTSINTERESSIERTE: Laut dpa wurde Konrad Adenauer auf den CDU-Parteitagen 1954, 1956 und 1958 „mit jeweils 100 Prozent“ als Parteichef wiedergewählt. Das ist nicht hundertprozentig korrekt. Ein Blick in die damaligen Parteitagsprotokolle, die von der Konrad-Adenauer-Stiftung archiviert werden, zeigt, dass 1954 lediglich eine Verschiebung der Vorstandswahl und damit eine Verlängerung der Wahlperiode einstimmig beschlossen wurde. 1956 fand die Wiederwahl per Akklamation statt; vorsichtshalber fragte der Versammlungsleiter nach Gegenstimmen und Enthaltungen: Nur Adenauer selbst enthielt sich. Der Parteitag 1958 stimmte offen per Handzeichen ab. Wieder enthielt sich Adenauer. Also mehrfach breite Zustimmung – aber wegen des Gruppendrucks, der bei offenen Voten herrscht, lassen sich solche Ergebnisse kaum mit den geheimen Vorstandswahlen von heute vergleich

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