Schneefieber: wenn Medien weiß sehen

Publishing Der Winter und die deutsche Medien - das ist eine heißkalte Liebe. Jedes Jahr kurz vor Weihnachten sehen die deutsche Medien kollektiv weiß. Die Rede ist vom Schnee-Chaos, vom Russen-Winter und über allem wabert die vage Hoffnung auf die ersehnte weiße Weihnacht. Der Schneefall Anfang Dezember dieses Jahr sorgte für einen besonders heftigen Ausbruch des medialen Schneefiebers. Vor allem die Bild-Zeitung neigt zu heftigen Anfällen. Es gibt aber auch zwei Ausnahmen.

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Schon vor Tagen kündigte Bild mit wohlig, masochistischem Schaudern an, dass wir alle die “Russen-Peitsche” zu spüren bekommen. Gemeint war ein Tiefdruckgebiet aus dem Osten, dass kalte Temperaturen, Schnee und Eis bringen sollte. Die gefürchtete “Russen-Peitsche” war dann vielerorts freilich doch eher milde. Ein, bis zwei Grad über oder unter Null, ein bisschen Gefinkel – das war’s dann schon.

Die Schneefälle der vergangenen Tage heizten die Wetter-Schlagzeilenmaschine bei Bild dann so richtig an. “Deutschland, ein Wintermärchen – Oh wie Sch(n)ee!” titelte die Online-Ausgabe und prognostizierte “Und es schneit weiter”. Kaum kletterten die Temperaturen – wie vorhergesagt – am Montag wieder über Null, zeigte sich Bild naturgemäß mächtig überrascht und schimpfte: “So matscht der Winter keinen Spaß”. Die Rede ist von Zugverspätungen, Flugausfällen und – Achtung – Straßensperrungen. Same procedure as every year.

Aber die Bild-Zeitung ist nicht alleine auf weiter, weißer Flur. Fast alle deutschen Medien lassen sich vom Schneefieber anstecken. Sueddeutsche.de konstatiert, Europa ächze unter Schneemassen. Spiegel Online meldet “Der Winter ist da – und er bleibt”. Auch Zeit Online bibbert schon mal vorauseilend wegen der Meldung des Deutschen Wetterdienstes, dass ab Mitte der Woche zweistellige Minusgrade zu erwarten seien und macht den Winter gar zum Thema im Fahrrad-Blog. Frostige Erkenntnis: Im Winter macht Radfahren nicht so wirklich Spaß. Ach was!?

Es gibt da scheinbar eine tief sitzende Sehnsucht in der Deutschen Seele nach Eis, Schnee und Väterchen Frost. Da wir aber leider, leider in gemäßigten Breitengraden leben, müssen wir uns die große Kälte Jahr für Jahr eben herbeifantasieren. Ungeachtet der wirklichen Wetterlage. Ein, zwei Schneeflöckchen am Himmel reichen in der Regel aus, um in deutschen Innenstädten den Verkehr lahmzulegen. Der Durchschnitts-Autofahrer bremst dann sofort auf 15 km/h Höchstgeschwindigkeit runter. Die Bahn hat das ihr mögliche getan, um den Reisenden das ersehnte Winter-Katastrophen-Feeling zu vermitteln und über Jahre hinweg konsequent auf überempfindliche Technik umgestellt, die auch bei einstelligen Minustemperaturen zuverlässig ausfällt.

Ein paar Ausreißer gibt es freilich in der allgemeinen Winter-Euphorie. Wetter-Experte Jörg Kachelmann wird auf seiner Facebook-Seite nicht müde, gegen die “Gleichschaltung” der Medien in Sachen Winter zu wettern, bzw. zu “kacheln”, wie Bild schreiben würde. Zitat: “Seit Wochen versucht uns die dümmste anzunehmende Zeitung beizubringen, dass bei uns ein furchtbarer Winter herrsche. Immerhin sind zur Zeit drei Viertel des Landes mit Schnee bedeckt, was aber für Dezember alles andere als sensationell ist. Obwohl, wie schon am Freitag auf Youtube angekündigt, der Beginn des Tauwetters absehbar ist, verfassen die Durchgeknallten vom Dienst Durchhalteparolen für den Winter.” Und noch jemanden lässt der Winter kalt. Online und in Print finden sich am Montag bei der FAZ keine Winter-Chaos-Berichte. In Frankfurt droht laut Kachelmann am kommende ja auch eher Hochwasser statt Schnee.Chaos. Aber wenn wir alle die Augen zu machen und ganz fest dran glauben, dann schneit es vielleicht weiter und wir bekommen unsere weiße Weihnachten. So wie jedes Jahr halt.

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