Print wird zum Vintage-Sammelobjekt

Publishing Der Run auf die letzte Ausgabe der FTD hat wieder gezeigt: Print ist kein Nachrichtenmedium mehr. Print ist ein Sammelobjekt. Ein Medium für Jäger. Ein Produkt mit demselben Bindungswert wie es sonst Souvenirs haben. Es weckt Gefühle von Zugehörigkeit. Es konserviert Erinnerungen. Es mahnt der Vergänglichkeit – wie ein Kunstwerk von Christo. Erste und letzte Ausgaben von Zeitungen sind beliebte Mahner der Zeit. Unser Gastautor Peter Littger glaubt: Print ist tot, es lebe Print!

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Alle Zeitungsverlage werden gezwungen sein, sich in den nächsten Jahren auf die besondere Bedeutung von Print zu besinnen. Sie werden  – nach langen Jahren des Zögerns – ihre Formate, Ressorts und vor allem Erscheinungsfrequenzen in Frage stellen und letztendlich verändern müssen. Natürlich können (sollten!) Verlage den Erfolg der letzten FTD-Ausgabe nicht einfach kopieren und finale Ausgaben ankündigen – schließlich sind sie keine Teppichhändler, die in großer Regelmäßigkeit Räumungsverkauf machen.
Doch sie müssen ihren gedruckten Ausgaben mehr Bedeutung geben und sich deutlicher voneinander unterscheiden als heute: So wie es der taz oder dem SZ-Magazin gelegentlich gelingt. So wie die Bild-Zeitung mit der Schlagzeile "Wir sind Papst". So wie die Gerhard Richter-Sonderausgabe der Welt. So wie Sonderhefte von GEO. So wie das Handelsblatt es jeden Freitag wenigstens versucht. So wie die FAZ vom 1. Juli 1984 – es war die erste und einzige Tabloid-Ausgabe der Zeitung! Und so wie das aktuelle und schöne Doppelspiel von Zeit- und SZ-Magazin. (Obwohl sie Anzeigenkunden das gefährliche Signal senden, dass ihre Profile so ähnlich sind, dass es eigentlich nicht zwei Magazine erfordert.)
Amerikaner nennen Souvenirs auch "Keepsake" – man will sie haben und behalten. Und vielleicht will man sie rahmen – und siehe da: Eine kleine Branche, die von der Einstellung der FTD auch ein wenig profitieren wird, ist die der Rahmenmacher. Zu regulären Zeiten der FTD waren es bloß die Papierentsorger.
Für Souvenirs haben wir auch das Wort "Andenken". Über Andenken und die Erinnerungskultur ist viel geforscht worden. Ein wichtiges Fazit: Der Mensch braucht sie. Und jeder Mensch erinnert anders, nämlich in unterschiedlichen kulturellen Chiffren: Während der eine aus New York ein kleine Freiheitsstatue mitbringt, mopst der andere einen Aschenbecher, eine Menükarte oder ein Straßenschild. Der Dritte wird sich vielleicht an eine Melodie oder einen Duft erinnern, immer verbunden mit einem Ort oder anderen Menschen.
Zwar können wir auch digitale Erinnerungen speichern – Fotos und Musik zum Beispiel. Echte Andenken sind diese Digital-Codes aber nicht. Erst ausgedruckt und verpackt sprechen sie uns wirklich an. Die Haptik des Papiers ist den Menschen viel wert.
Wer diesen Gedanken zu Ende denkt, versteht die starke Bedeutung von Print. Der Wert von Papier hat mehr mit Lifestyle und Emotionen zu tun als mit Aufklärung. Wer vom Journalismus verlangt, er solle die vierte Gewalt im Staat sein, darf sich ruhig den digitalen Medien zuwenden. Jill Abramson, Chefredakteurin der New York Times, betont, wie wichtig gerade die digitalen Methoden der Speicherung und Verbreitung für aufwändig recherchierte Themen sind.
Eine gedruckte Zeitung zu lesen, ist genauso altmodisch wie einen Strickschal zu tragen, von der "Mark" zu sprechen oder von der "Platte" eines Sängers. Wer Print mag, der bringt eine bewusste Haltung zum Ausdruck – Druckerschwärze als Zeichen der Distinktion. Als Ausdruck eines kulturellen Trends gegen die glatte, perfekte Ästhetik der digitalen Welt, die sich in Apple und jedem Kleinwagen-Cockpit spiegelt. Wolfgang Joop und Richard Sennett loben seit Jahren das Handwerk. Der Versandhandel Manufactum lebt gut davon. Und der Handel mit Vintage-Objekten boomt. Keine Massen-Produkte sind gefragt, sondern Einzelstücke. Sie dürfen teuer sein – teurer jedenfalls als die Masse.  
Deshalb darf allen Verlagen der 7. Dezember 2012 ein Zeichen sein: Print ist tot, es lebe Print! 
Als tägliches, relativ billiges Massenprodukt wird die Zeitung untergehen. Als Premiumprodukt zu einem höheren Preis und zu besonderen Anlässen wird sie eine Berechtigung haben.  

Peter Littger ist Deutschland-Direktor der Beratungsunternehmens Innovation Media Consulting (www.innovation-mediaconsulting.com).

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