“Weiße Ritter der Druckerschwärze”

Publishing Am heutigen Freitag, dem finalen Erscheinungstag der Financial Times Deutschland, treffen sich in Hamburg die Mitarbeiter des nach langem unternehmerischen Siechtum eingestellten Wirtschaftstitels zur "Trauerfeier" für das Blatt. Nicht wenige von ihnen stoßen sich an der Kollegenschelte, die in diesen Tagen publik wurde und ein Ende der Jammerei über das Zeitungssterben forderte. MEEDIA veröffentlicht die Gegenrede eines FTD-Redakteurs.

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Von Joachim Zepelin, Financial Times Deutschland
Seit Wochen jammert die Zeitungsbranche über ihren Untergang, und wie sich an unserem Beispiel der "Financial Times Deutschland" zeigt, gibt es Anlass genug dafür: Wir haben die letzte Ausgabe produziert, heute gibt es nur noch die Trauerfeier, dann ist Schluss. Alexander Kissler beschwert sich nun in Cicero, dass wir unseren Untergang zu larmoyant beklagen. "Etwas weniger Besserwisserei" überschreibt er seinen Text, in dem es heißt: "Zeitungsjournalisten sind Meister der eigenen Apokalypse, vernarrt in das Untergehen, als habe sie ein Thomas Bernhard ersonnen." Ganz ähnlich fragt stern-Autor Arno Luik in dieser Woche: "Sind die denn durchgeknallt?" und diagnostiziert: "Ohne Unterlass beschwören Zeitungsmacher den Tod ihres traditionsreichen Gewerbes. Für den angekündigten Selbstmord gibt es keinen Grund." Das Ganze soll ein "Weckruf" sein. Es ist allerdings eher das Piepsen eines Ewiggestrigen. An Diagnosen der beiden Dinosaurier Kissler und Luik lässt sich eher etwa über die Krise der Branche als deren potenzielles Überleben lernen.
Glaubt wirklich jemand, dass ein Leser die Zeitung abbestellt, weil die Zeitungsmacher klagen, dass ihr Geschäft nicht mehr so geschmiert läuft wie früher? Und die Anzeigenkunden rennen weg, weil die Autoren unentwegt ein Negativimage produzieren, in dessen Umfeld die PR-Experten ihre Anzeigen nicht mehr platzieren wollen? Das angebliche Henne-und-Ei-Problem ist doch wohl ziemlich offensichtlich aufzulösen: Das Netz bietet vielleicht nicht unbedingt Besseres, aber sicher mehr, als Zeitungen je könnten. Werbetreibende können mit weniger Streuverlusten annoncieren, Leser finden einen Ozean von frei verfügbaren Inhalten, die sich in Text, gesprochenem Wort oder Video präsentieren lassen. Zeitungen können sich nur behaupten, wenn Sie etwas bieten, das es nirgendwo sonst gibt. Arno Luik hat da auch etwas parat: Mit Zeitungen kann man Wespen tot hauen und Erpresserbriefe schreiben. Mehr fällt dem Weißen Ritter der Druckerschwärze tatsächlich nicht ein.
Um Inhalte soll es gehen, schlägt Kollege Kissler vor: „Sie (die Zeitung) muss aufschreiben, wie es früher hieß, was „über den Tag hinaus“ von Belang ist – Geschichten mit origineller Perspektive, Zusammenhänge kaum bekannter Art. Sie muss stärker als bisher den durch die neuen Medien angewachsenen Hunger des Lesers nach Information und Analyse berücksichtigen, staatskritisch, ökonomiekritisch, selbstkritisch.“ Das klingt so wie: „Besser werden!“ Aber auch dieses Rezept hat wenig mit Zeitung und Journalismus zu tun. Anders als Kissler glaubt, waren JOURnalisten getreu ihres Namens im Tagesgeschäft unterwegs. Keine Frage, Unterhaltungswert und der Gedankenreichtum sind immer wichtiger geworden, doch am Abend landet das Blatt im Altpapier – irgendwann auch die ausgerissenen und dann nie gelesenen Ganzseiten-Geschichten. Vor allem aber spricht Kisslers Argument in keiner Weise für eine gedruckte Zeitung. Welchen inhaltlichen Vorteil soll es haben, eine Analyse und eine originelle Perspektive auf Papier zu drucken? 
Es gibt viele gute und objektive Gründe dafür, dass die Zeitung verschwindet. Sie wird nur in der Nische überleben, in der jemand bereit ist, Premium fürs Gedruckte zu bezahlen – abgesehen von denjenigen, die im Wespennest wohnen. Im Internet werden vor allem zwei wichtige Beschränkungen aufgehoben, die jeden Journalisten das Geschäft schwer machten: Es gibt potenziell unendlich Platz, und es gibt keinen Redaktionsschluss mehr. Als wir die FTD gegründet haben, dachten wir daran, die erste Wirtschaftszeitung der Welt zu werden, die keinen Kursteil mehr druckt, denn nichts ist falscher als der Aktienkurs von gestern. Nun habe ich mit dem Internet ein Medium, das ich im Tagesgeschäft jederzeit aktualisieren kann und in dem ich in meiner Analyse nicht die Argumente weglassen muss, weil das Kästchen auf dem Layout voll ist.
Es kommt ein dritter Grund hinzu, der ökologisch und ökonomisch zugleich ist: Warum soll ich jede Nacht Tonnen von Druckerschwärze und Papier vereinen, sie auf Lastwagen durch das Land kutschieren, von Austrägern mit laufendem Motor von Tür zu Tür bringen lassen, um sie Abends in die Tonne zu werfen? Absurd!  Die ökologischen und ökonomischen Kosten von Druck und Vertrieb sind in Zeiten des Internet nur noch zu rechtfertigen, wenn das Produkt aus inneren Gründen den Druck verlangt. Doch selbst Kunstdrucke sind heute im Netz viel höher aufgelöst darstellbar als in gedruckter Form.
Die Kosten der Zeitungsproduktion leiten zu einem wichtigen Punkt in der Debatte, die Kissler und Luik in gleicher Weise missverstehen. Was wir derzeit erleben, ist in erster Linie eine Verlagskrise. Bislang konnten es sich nur sehr kapitalstarke Unternehmen leisten, überregionale Zeitungen herauszubringen. Wer kann schon wie Gruner und Jahr 250 Millionen Euro in einem Produkt wie die FTD versenken? Diese Eintrittsschwelle ist gefallen, das Geschäftsmodell ist damit obsolet. Für die Verlage heißt das: Kosten runter, rein ins Netz, neue Erlösmodelle finden. Für Neueinsteiger heißt das: Mit vergleichsweise wenig Geld kann ich den alten Branchengrößen Paroli bieten.
Diesen wichtigen Unterschied ignorieren Kissler und Luik vollkommen: Eine Nachricht zu einem Leser zu bringen, ist dramatisch billiger geworden. Aber eine Nachricht zu produzieren, kostet heute nicht viel weniger als früher. Wenn die beiden selbsternannten Branchenretter also beklagen, dass Journalisten das Schicksal ihres Geschäfts bejammern, dann mag das auf unsere individuellen Berufsaussichten zutreffen, weil im aktuellen Geschäftsmodell weniger Platz für uns ist. 360 meiner Kollegen suchen gerade einen Job, den es für sie derzeit nicht gibt. Trotzdem sind die Zukunft der Zeitung (schlecht) und die Zukunft des Journalismus (gut) zwei vollkommen verschiedene Dinge. Zeitungen und verschlafene Verlage werden sterben. Journalismus wird diese Umbruchkrise überleben, und am Ende wird er besser und reicher sein als je zuvor. Sicher, wir haben ein paar sehr schwere Jahre vor uns, bis neue Geschäftsmodelle entstanden sind. Aber mit jedem verkauften iPad sieht die Zukunft rosiger für uns aus – meinetwegen auch für die Demokratie, die durch den Tod der FTD nicht gleich in Lebensgefahr schwebt. Weil Texte nicht mehr auf Papier stehen, weil die Produktion billiger wird, weil Nachrichten aktueller werden, weil es keine Platzbeschränkungen mehr gibt, soll der Journalismus sterben? Auch das scheint mir eine These aus dem Wespenkuckucksheim zu sein.
Von dort berichtet uns Luik, dass es mit den Zeitungen wie mit dem Filterkaffee gehen wird. Der war auch mal aus der Mode, sei jetzt aber wieder total in. Nicht Zeitung zu lesen, sondern ins Netz zu gehen, soll eine Modeerscheinung sein, die schon wieder verschwindet? Mal davon abgesehen, dass der Filterkaffee bei einer eher kleinen Gruppe aus der Mode kam und bei einer noch viel kleineren wieder in Mode kam, ist es ein vollkommen falsches Bild. Ich denke eher an Inkunabeln und Gutenberg. Warum um Himmels Willen sollen Mönche weiter Bibeln abschreiben, wenn man sie drucken und damit viel schneller und billiger verbreiten kann.
Als Zeitungsleser – und erst recht als Schreiber, der demnächst um seinen Aufhebungsvertrag verhandeln darf – würde ich auch gern eine andere Zukunft sehen. Sehe ich aber nicht. Und damit da kein Missverständnis aufkommt: Ich lese und sammle Erstausgaben, ich bin zeitungssüchtig, aber ich bin nicht so verbohrt selbstverliebt wie einige meiner Kollegen, die ihre Liebe zum Objekt mit der Wirklichkeit verwechseln.

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