Der Magazin-Doppelpass von SZ und Zeit

Publishing Schein-Duell der amüsanteren Art: Für eine Ausgabe haben die Magazin-Redaktionen der Zeit und der SZ beschlossen, zusammenzuarbeiten und sich gemeinsam dem Thema Konkurrenz zu widmen. Fast alle Geschichten beider Nummern beziehen sich nun auf einander. Ein Experiment, das inhaltlich funktioniert, in seiner praktischen Ausführung aber noch zu lieb und flauschig daherkommt. Wie schon die Cover-Stars "Spion und Spion" zeigen, ist Konkurrenz eigentlich ein hartes und brutales Business.

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Zum Start der Ausgabe erklären die vermeintlichen Rivalen in einem gemeinsamen Editorial die Logik des Projektes. "In diesem Heft ist alles anders. Es widmet sich von der ersten bis zur letzten Seite dem Thema ‚Konkurrenz’", versprechen Zeit-Magazin-Chef Christoph Amend und sein SZ-Kollege Timm Klotzek. "Was das Ganze einzigartig macht: Wir haben seit dem Sommer die Ausgabe gemeinsam mit unseren engsten Konkurrenten umgesetzt".

Praktisch bedeutet das: Fast jede Story aus dem einen Heft findet ihre Entsprechung im Konkurrenz-Produkt. So hat Hannes Heine für das Zeit Magazin die Hells Angels in Berlin besucht. Christoph Cadenbach hat Polizisten bei der Arbeit begleitet, die gegen die Rockerbande ermitteln.

Dem Thema Casting-Shows nähern sich beide Hefte, indem die Münchner ein Portrait von Juliette Schoppmann, der Finalistin der ersten "DSDS"-Staffel drucken. Die Berliner spiegeln das Stück mit einem Besuch bei Irmtraud Kampmeier. Sie gewann 1953 einen Talentwettbewerb.
Für den Leser sind diese Storys eine wunderbare Chance, wie unter einem Brennglas zu beobachten, wo die Unterschiede zwischen den Magazinen liegen. In der Wahrnehmung – selbst von Branchen-Insidern – werden die beiden Blätter gerne in einen Topf geworfen. Doch die Unterscheidungen – vor allem im Layout und in der Fotosprache – sind augenscheinlich. Besonders deutlich wird dies bei einem Interview mit der Fußball-Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus. Das Zeit Magazin druckte am Donnerstag ein Gespräch mit ihr und das SZ-Magazin konterte am Freitag in seiner Rubrik "Sagen Sie jetzt nichts", indem sie erst gar nicht zu Wort kam, sondern nur fotografiert wurde.

Alle diese Beispiele zeigen, dass die Konkurrenz-Situation in beiden Heften mehr Spiel als Ernst ist. In der Wirtschaft oder in der Politik wird zwischen Rivalen mit härtesten Bandagen gekämpft. Von dieser brutalen Ausprägung, die auch elementarer Bestandteil jeder Gegnerschaft ist, ist in den Heften nichts zu sehen. Statt einer ernsthaften Konfrontation, bewerfen sich die Redaktionen eher mit Wattebällchen oder passend zum Trägermedium mit Papierkügelchen.
Grundsätzlich haben Klotzek und Amend mit ihrer Zusammenarbeit die richtige Entscheidung getroffen. Die Hefte machen Spaß zu lesen, sind informativ und die publizistische Aufmerksamkeit der Gemeinschaftsausgabe ist groß. Zudem könnte die Kooperation ja auch die Chance auf einen weiteren Lead-Award verdoppeln.

Das größte Lob kommt allerdings von – wen wundert’s beim Thema der aktuellen Ausgabe – von der Konkurrenz. Denn ist es wirklich ein Zufall, dass gerade am Erscheinungstag des neuen Zeit Magazins die Frankfurter Allgemeine Zeitung via Pressemitteilung mitteilt, dass man im kommenden Jahr auch wieder mit einem Lifestyle-Magazin startet, das der Tageszeitung beiliegen wird und das in direkte Rivalität mit Zeit- und SZ-Magazin tritt? Eigentlich müsste man sich in Berlin und München über den neuen Rivalen mächtig freuen. Immerhin sollte ihre Kooperationsausgabe ja auch beweisen, dass Konkurrenz das Geschäft belebt. Zumindest in diesem Zeitungs-Segment lässt sich gerade deshalb wohl sagen: Print lebt.

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