Gotteskrieger auf dem Medien-Kreuzzug

Publishing Vergangenen Montag setzte Frank Plasberg bei “Hart aber fair” das Thema Homo-Ehe. Es war eine turbulente Ausgabe der Talkshow, was daran lag, dass es über die Homo-Ehe hinaus um katholischen Glauben in entschiedenster Ausprägung ging. Eine Debatte, die derzeit Konjunktur entwickelt - auf allen Seiten: Die Entwicklung reicht von der Hochkultur bis zum jüngst stillgelegten Hetz-Portal Kreuz.net. Und mit Matthias Matussek und Franz Josef Wagner gibt es auch in Leitmedien glühende Papst-Fans.

Werbeanzeige

Gerade erleben wir, dass die Stimmen des Erz-Katholischen in den Medien lauter werden. In der “Hart aber fair”-Sendung vom vergangenen Montag propagierte der Chefredakteur des katholischen Fernsehsenders K-TV und der frühere Bild-Kolumnist Martin Lohmann, dass sich Homosexuelle “im Irrtum” befänden. Das Schwulsein könne seiner Ansicht nach daran liegen, dass Homosexuelle in ihrer Entwicklung keine erfüllenden heterosexuellen Erfahrungen gemacht hätten. Von solchen Aussagen ist es nicht mehr weit zur offenen Stigmatisierung von Homosexuellen als "Perverse", ein Rückfall in überwunden geglaubte Zeiten. Sexualität bezeichnete Lohmann wiederholt als etwas “Kostbares” mit dem Ziel, ein Kind zu gebären. Ansonsten verwies er beim Thema Sex auf das von der katholischen Kirche abgesegnete Verhütungsverfahren über den Zyklus der Frau – bekanntermaßen keine sehr zuverlässige Methode mit teils gravierenden Nebenwirkungen vor allem in der Dritten Welt. Ansichten von anno Tobak, möchte man meinen. Aber solches Gedankengut wird anscheinend wieder salonfähig.

Lohmann und seine weibliche Mitstreiterin bei “Hart aber fair”, die frühere Herausgeberin der christlichen Monatszeitung VERS1, Birgit Kelle, sind Vertreter eines neuen Typs in den Medien: offensive, lautstark eifernde Katholiken. Der wahrscheinlich prominenteste Vertreter dieser Gruppe ist der Spiegel-Autor und Papst-Benedikt-Fan Matthias Matussek. Peinlich und unvergessen, wie Matussek dem Papst bei dessen Deutschland-Besuch im vergangenen Jahr huldigte. Ein ebenso kritikloser Papst-Verehrer ist Bild-Briefeschreiber Franz Josef Wagner. Papst Benedikt XVI. gehört zu seinen Lieblings-Adressaten, stets sind diese Zeilen im demütigen Tonfall der Unterwerfung verfasst. Wenn Wagner aber Papst-Feinde wittert (Anne Will, die Titanic), schlägt sein Duktus sofort um, wird ätzend und vernichtend.

Intellektueller Wegbereiter des neuen Fundamental-Katholizismus ist der Schriftsteller Martin Mosebach (“Häresie der Formlosigkeit”). Der fiel jüngst dadurch auf, dass er forderte, dass Gotteslästerung wieder unter Strafe gestellt gehört. Die Schriftstellerin Sibylle Berg bezeichnete Mosebach treffend als “Gotteskrieger im Tweed-Jacket”. Was all diese medialen Glaubens-Ritter eint, ist der dringende Wunsch nach Orientierung, nach Ordnung und Strafe in einer verwirrenden Welt. Wo die Grenzen zwischen Religionen, politischen Überzeugungen, gesellschaftlichen Schichten und sexuellen Präferenzen zu verschwimmen drohen, ziehen sie neue geistige Schutzwälle mit altem Baumaterial ein. Ein neues “wir hier und die da drüben”-Gefühl macht sich breit – und für Berichterstatter wie Blattmacher stellt sich die mitunter heikle Frage: Wie geht man damit um? Was verdient den Schutz der Religionsfreiheit, wann ist die Grenze zum potentiell inquisitorischen Gedankengut überschritten?

Am untersten Ende dieser Strömung, wo man keinen der bisher Genannten verorten kann, befindet oder befand sich das extreme katholische Hetzportal Kreuz.net. Kreuz.net war eine Art anonymisierter Online-Pranger, wo katholisch verbrämte Hetz-Propaganda ungehemmt ihre hässliche Fratze zeigte. Offiziell distanzierte sich die katholische Kirche halbherzig von Kreuz.net. Aktiv wurde wenig bis gar nichts unternommen, um dem Treiben dort ein Ende zu bereiten. Da mussten erst der homosexuelle Theologe David Berger und der Bruno Gmünder Verlag kommen und mit der Aktion “Stoppt Kreuz.net” die Aufklärung vorantreiben. Anlass war die unsägliche Diffamierung des verstorbenen homosexuellen Schauspielers Dirk Bach bei Kreuz.net gewesen. Die Initiative sammelt Spenden und setzt Belohnungen für sachdienliche Hinweise aus, die zur Enttarnung von Kreuz.net-Aktivisten führen konnten. Innerhalb kürzester Zeit gelang es “Stoppt Kreuz.net” wertvolle Hinweise zu sammeln und der Staatsanwaltschaft zu übergeben. Heraus kam: Sehr wohl mischten katholische Geistliche und hochrangige katholische Laien bei Kreuz.net mit. Der entsprechende Beitrag dazu bei Spiegel TV ist überaus sehenswert.

Seit wenigen Tagen und ist Kreuz.net nun offline, nicht mehr erreichbar. Berger und “Stoppt Kreuz.net” vermuten, dass die Macher der Hetz-Seite den aktuellen Ermittlungsdruck durch die Behörden sowie die sensibilisierte Öffentlichkeit fürchten und sich darum zurückgezogen haben. Aber, so schreibt Berger auf der Website von “Stoppt Kreuz.net”: “Es ist durchaus möglich, dass sich die Hassseite strategisch für einige Wochen ins Off zurückzieht, um – wenn der sich in den letzten Tagen intensivierende Sturm vorüber ist – neu aufzutauchen.”

In der erwachenden Religiosität, die von einigen Medienvertretern schwärmerisch gefeiert wird, wird die hässliche Seite des religiösen Eifers gerne ausgeblendet. Dabei verrutschen dann auch schon mal journalistische Maßstäbe. So setzte der Papst-getreue Matussek im Spiegel vor knapp einem Jahr der christlichen Konvertitin Sabatina James als “Model Gottes” ein publizistisches Denkmal. Stellenweise liest sich der Text wie eine verzückte Liebeserklärung des Autoren von “Das katholische Abenteuer”. Nach ihrem Abfall vom Islam werde sie mit dem Tode bedroht, lebe unter Opferschutz. Sie habe sich “für das Christentum entzündet”, fabuliert Matussek, nachdem ein Freund ihr eine Bibel zugesteckt habe. Den Linken sei sie suspekt, weil sie “zu konservativ” sei, den Feministinnen sei sie “vermutlich zu schön”. Sex vor der Ehe lehnt sie selbstredend ab. In ihrer “nonnenhaft kargen” Wohnung liegen “Rosenblätter auf der Fensterbank, eine Kerze dazwischen mit Silberstaub und Sternchen.” Fehlt eigentlich nur noch, dass die Frau übers Wasser geht.
Das Problem: Sabatina James ist eine hoch umstrittene Figur. Das österreichische Magazin News recherchierte bereits 2003 zahlreiche Ungereimtheiten ihrer Biographie und auch im Netz finden sich zahlreiche plausible Hinweise, die zumindest eine kritische Anmerkung nötig gemacht hätten. Aber kein Wort davon in der Seligsprechung durch Matussek. Journalisten sollten eigentlich von Berufs wegen Zweifler sein und keine blind Gläubigen.

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige