Pardon: zu viel Feinsinn, zu wenig Unsinn

Publishing Ohne Gotteslästerung scheint es in der Satirelandschaft kaum zu gehen - nicht mal, wenn der Verleger gläubiger Katholik ist. Und wohl deshalb kommt der Satire-Klassiker Pardon in seiner Neuauflage von Wolfram Weimer mit einem überirdischen Cover-Motiv. "Das geheime Tagebuch von Gott" lautet die Headline, die Leute am Kiosk neugierig machen soll. Die Titelstory selbst gerät arg albern und schafft damit immerhin, was dem insgesamt zahmen Blatt häufig fehlt: der nötige Biss.

Werbeanzeige

Mit der Schlagzeile bewegt sich die Chefredaktion exakt in dem von ihr abgesteckten Rahmen. Denn für ihre Ausgabe des Satire-Klassikers, der passenderweise gerade seinen 50. Geburtstag feiert, haben sich die beiden Blattmacher Peter „Bulo“ Böhling und Daniel Häuser, sowie ihr Verleger, der ehemalige Focus- und Cicero-Macher Wolfram Weimer vorgenommen, mit „spitzer Feder“, statt mit dem „Holzhammer“ vorzugehen. „Der nämlich haut auf alles mit der gleichen Rücksichtlosigkeit und Kraft“, heißt es im Editorial. „Übrig bleibt – richtig – unappetitlicher Matsch.“ Ein Seitenhieb auf die Kollegen der Titanic?

Passend dazu lautet der Claim „feinsinn. unsinn. hintersinn“. Beim Durchblättern der ersten Ausgabe wird allerdings schnell klar, dass es viel Feinsinn, einigen gut gemeinten Hintersinn, aber leider viel zu wenig Unsinn gibt. Zudem wünscht man sich trotz aller spitzen Feder an einigen Stellen doch mehr rohe Humor-Kraft. Statt dem Florett, hätten die Macher ruhig öfter die Bazooka auspacken können. Möglicherweise funktioniert im Jahr 2012 gedruckte Satire dann man besten, wenn sie mit viel Wut und brachial serviert wird.

Im Interview mit MEEDIA verriet Titanic-Chefredakteur Leo Fischer bereits, dass er glaubt, dass man "an der WElt leiden" muss, um Satire machen zu können. "Glückliche Menschen können keine Satire machen: Je zufriedener, je persönlich erfolgreicher man ist, um so mehr wird es dann Humor statt Satire. Also Belustigung in schlechtem Sinne. Satire soll schmerzhaft sein, soll stören, irritieren und darüber zum Lachen bringen. Das gelingt meines Erachtens nur, wenn der Schmerz echt ist und man selbst tatsächlich leidet."

So radikal ist Pardon bei weitem nicht. Das würde auch gegen das Selbstverständnis des Heftes verstoßen. Es setzt auf Autoren. Das hat es immer schon getan. Das Magazin hatte schon früher keine „Witzemacher als schreibende, collagierende oder zeichnende Satiriker, sondern Publizisten ersten Ranges“, schreibt Pardon-Erfinder Hans A. Nikel in einem kurzen "Geleitwort" zum Hefteinstieg. Die Neuauflage wollte er nun nicht mehr machen, weil er heute zurückgezogen lebt und als Bildhauer („nicht ohne Zeitbezüge“) arbeitet. Zu seiner Zeit schrieben Erich Kästner, Loriot oder Werner Finck für Pardon.

In der Comeback-Ausgabe sind es nun Harald Martenstein, Hellmuth Karasek, Eckhard von Hirschhausen oder Woody Allen. Bezeichnenderweise schmücken – neben der Aufmacherstory – die Namen der Autoren das Cover und nicht die Themen der Ausgabe, wie es sonst üblich ist. 
Mit Clap, einem People-Magazin für die Medienbranche, unterhalten Böhling und Häuser regelmäßig die Zeitungs- und TV-Macher. Allerdings wird in dem Magazin auch gerne gewitzelt, ohne wehzutun. Diese Tendenz ist auch bei Pardon zu beobachten. In seiner Spiegel Online-Kritik sprach Martin U. Müller spitz von den üblichen Bedächtigen aus dem Humorgewerbe, die an der neuen Pardon mitgearbeitet hätten.

Die Vielzahl der Autoren und Meinungen, sorgt für eine hohe Text-Qualität, aber nur für einen geringen Wut-Pegel innerhalb des Heftes. Die meisten Humoristen, die ja oft auch große Moralisten sind und waren, wissen aber, dass Ärger eine gute Antriebsfeder ist, um lustig zu sein. Ein bisschen Wut, sorgt für einen klaren Standpunkt. Für die neue Pardon wäre mehr klar Kante schön gewesen.  

Das zeigt sich schon beim Einstieg. Er ist mit einem kleinen Text von Matthias Matussek und ein paar Meldungen arg lahm geraten. So sollen beispielweise Familienministerin Kristina Schröder und Günter Netzer äußerliche Ähnlichkeiten haben, so dass eine Familienzusammenführung überfällig wäre. Immerhin: Wirklich nett wird es auf Seite zehn. Sie bietet eine Guido-Knopp-Maske zum selbst ausschneiden. Mit Hilfe des „Knopp-Kopp“ soll man auf Empfängen mitreden und sich selbstbewusst unter die Gäste mischen können.

Genau hier zeigt sich: Das neue Pardon ist immer dann stark, wenn es optisch überzeugen darf. So gehören drei größere Strecken zu den Highlights des Heftes. In der einen werden Promis vor Fototapeten gestellt, die das Muster ihrer Oberbekleidung haben. Hunde werden als bekannte Persönlichkeiten abgelichtet und Alltagsgegenstände aus Plastik (Barbie, Becher, Wäscheklammer) erst getoastet und dann fotografiert.

Allerdings ist der satirische Aspekt bei allen drei Storys recht gering. Sie würde bestens auch in Lifestyle-Heften wie GQ oder der alten Max funktionieren. Tatsächlich ist das neue Pardon immer dann besonders gut, wenn es die spitze Feder und den eigenen Anspruch vergisst und einfach nur unterhalten will. So hat die Titelgeschichte durchaus ihre Momente, auch wenn sie weder feinsinnig noch großartig hintersinnig ist. Im Grunde ist sie nur albern. So besteht das „geheime Tagebuch von Gott“ überwiegend aus Promi-Bildern, die der Schöpfer handschriftlich kommentiert. So schreibt er, dass ihm Daniela Katzenberger „eigentlich ganz gut gelungen sei“. „Sogar ein bisschen besser noch“ als Pam Anderson. Mario Barth dagegen „hat meine Schöpfung nun gar nicht verstanden. Merke: Rückrufaktion einleiten! Obwohl ich dann nicht mehr so gut vor der Glotze einschlafen kann“. Von Rammstein ist Gott begeistert. Vor allem die Zeilen „Ich will, dass ihr mir vertraut, Ich will, dass ihr mir glaubt“ gefallen ihm.

Satire vom Schlage der Titanic ist bisweilen grell, geschmacklos, laut, aber immer auch leidenschaftlich, verzweifelt, wütend – das polarisiert, aber es hat dem Heft über Jahrzehnte eine fast bedingungslos treue Leserschaft verschafft. Die Salon-Satire von Pardon kommt gefälliger, ausgefeilter und – scheinbar – mehrheitsfähiger daher. Aber sie läuft viel eher Gefahr, beifällig übergangen zu werden. Ob es dem Heft mit diesem Konzept gelingen wird, eine ähnliche Bindungstiefe bei der angepeilten Klientel zu finden, bleibt abzuwarten.
Die neue Pardon erscheint am 6. Dezember und kostet 5 Euro.

Mehr zum Thema

Mehr Stil, Wissen und Kultur: WamS baut Blattstruktur um

Kermit statt Steve McQueen: Zeit bringt neues Männermagazin

“Tierquäler”-Anzeige: Uni wirft FAZ & Co. Verletzung der Menschenwürde vor

Kommentare