„Qualität nicht an Zahl der Klagen messen“

Publishing Spitze Feder statt Holzhammer - und eine echte Titelgeschichte statt eines möglichst provozkanten Covers: Das ist der Anspruch von Pardon. Am 6. Dezember kommt die erste Ausgabe des neu gestarteten Satire-Klassikers Pardon auf den Markt. Im Auftrag von Verleger Wolfram Weimer durften die Clap-Club-Macher Peter "Bulo" Böhling und Daniel Häuser ein Magazin entwickeln, das auf intelligenten Witz statt derber Zoten setzt. MEEDIA hat die Blattmacher interviewt.

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Wie ernst muss man sein, um ein lustiges Heft zu machen?
Häuser: Es ist nicht so, dass wir den ganzen Tag vor Lachen unter dem Tisch liegen.
Bulo: Die Sage, dass lustig zu sein, harte Arbeit sei, mag zum Teil stimmen. Aber es muss trotzdem auch beim Machen Spaß machen. Allerdings wollten wir auch kein albernes Magazin produzieren, sondern mit spitzer Feder Menschen, Politik und Wirtschaft beschreiben.
Wie lustig war denn die Zusammenarbeit mit Wolfram Weimer?
Bulo: Ach, das war kein Problem. Wir haben ihn einfach in den Keller gesperrt.
Häuser: Müssen ihn unbedingt wieder rauslassen.
Bulo: Oh ja, stimmt. (Ruft: "Wolfram, kannst rauskommen!")
Häuser: Jetzt mal Spaß beiseite: Er hat uns machen lassen, uns vertraut und dort, wo er konnte, unterstützt. Er ist zwar Herausgeber und Verleger, aber das Konzept kommt von uns. Natürlich standen wir in ständigem Kontakt. So haben wir uns ergänzt. Es ist ja so, dass Wolfram Weimer aus einer anderen Lebenswelt kommt als wir. Das sorgte für Zündstoff und Ideen. Er schlug einen Text von Woody Allen vor. Wir haben ihn ungewöhnlich illustrieren lassen.
Bulo: Überhaupt haben wir Karikaturen und Zeichnungen sehr bewusst eingesetzt, also besonders auf eine ausgewogene Text-Bild-Mischung geachtet.
Meinen Sie, er hat schon bereut, gerade in diesen Tagen ein neues Print-Projekt zu starten? Ist das überhaupt ein guter Zeitpunkt für ein neues Satireheft?
Bulo: Es ist genau die richtige Zeit, ein neues Heft zu machen. Gerade jetzt haben wir die Chance zu zeigen, was für spannende Sachen man mit gedruckten Magazinen machen kann, wenn Print erbarmungslos tot gesagt wird.
Häuser: Und das ohne Auflagendruck. Außerdem mussten wir keine Rücksicht auf Vermarktung und Anzeigenkunden nehmen.
Sind denn überhaupt Anzeigen in dem Heft?
Bulo: Sogar bezahlte.

Wie viele Hefte werden denn gedruckt?
Häuser
: 70.000.

Und was muss passieren, dass Sie beide sagen, "die Neuauflage von Pardon war ein Erfolg"?
Häuser: Der Schampus fließt jetzt schon, aber die Puppen tanzen, wenn wir nachdrucken müssen.
Dann packen Sie doch einfach Urzeitkrebse auf das Cover.
Bulo:
Die sind tatsächlich drauf, irgendwie … Nein, ich persönlich bin schon dann zufrieden, wenn jemand am Kiosk steht und sich denkt: "Dieses Magazin sieht aber spannend aus." –  Also wenn er nicht aus der Medienbranche kommt oder eine Werbung gesehen hat, sondern nur von dem Produkt überzeugt wurde.
Was haben Sie sich denn für die erste Ausgabe überlegt, um – ähnlich wie die Titanic – eine medienwirksame Unterlassung zu kassieren oder vor dem Presserat zu landen?
Bulo
: Interessant, dass die Qualität von Satire-Magazinen offenbar immer öfter an der Zahl der Klagen gemessen wird.
Häuser: Unser Konzept unterscheidet sich grundsätzlich stark von der Titanic. Vor allem durch die Art der Textbeiträge.
Bulo: Es geht nicht nur um die Provokation und das Cover.
Häuser: Natürlich soll es auch Spaß machen, das Heft zu lesen.
Bulo: … Oder anzuschauen. So haben wir zum Beispiel Alltagsgegenstände aus Plastik getoastet und dann fotografiert.
Wie zum Beispiel?
Bulo: Wie zum Beispiel eine Barbie. Armes Ding!
Häuser: Zudem haben wir Ressorts, die eigentlich eher zu einem klassischen Nachrichtenmagazin gehören. Nur, dass sie passend zur Pardon-Historie eher altertümliche Namen wie Gassenhauer, Herrschaften, Moneten, Dampfmaschinen, Turteleien oder Mumpitz tragen.
Erzählen Sie uns doch einmal ein wenig über den Inhalt.
Bulo: Da wollen wir nicht zu weit vorgreifen. Nur so viel: Wir haben in der Geschichte "Was würde Kinski sagen?" den Vorzeige-Ausraster zu Wort kommen lassen. Wahnsinnig aufgebracht äußert er sich darin zu aktuellen politischen Personen.

Müssen Sie uns Deutschen mit der neuen Pardon auch ein wenig Humor-Unterricht geben oder ist es mit der Komik-Kompetenz der Deutschen besser bestellt, als man allgemein meint?

Häuser
: Wir leiden schon darunter, dass lustige Storys immer als flacher angesehen werden als ernste Geschichten. Deshalb haben wir auch versucht, uns stets an den Wilhelm-Busch-Spruch zu halten: "Was man ernst meint, sagt man am besten im Spaß."

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