Die Paid-Content-Pläne von Spiegel Online

Publishing Anfang der Woche ging Spiegel-Geschäftsführer Ove Saffe mit einer durchwachsenen Spiegel-Bilanz an die Öffentlichkeit. Am Donnerstag hat die Zeit dann aufgeschrieben, wie Online und Print beim Spiegel künftig zueinander finden sollen und wie Spiegel Online zusätzliche Bezahl-Inhalte einführen will. Google nutzt die Debatte um das Leistungsschutzrecht, um den gestressten Zeitungsverlagen anzeigentechnisch unter die Arme zu greifen und die FTD versteigert ihr Inventar auf eBay - für einen guten Zweck.

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Diese Woche hat Spiegel-Geschäftsführer Ove Saffe in Süddeutscher Zeitung und Horizont die nicht ganz so dollen Geschäftszahlen für 2012 verkündet. Es wird beim deutschen Nachrichtenmagazin Nr.1 und seinem Online- und TV-Ableger zwar noch mit ordentlich Gewinn gearbeitet aber alles sinkt – Umsatz, Gewinn, Rendite. Darum soll gespart und zusammengerückt werden. Das Zusammenrücken betrifft vor allem die sich traditionell eher verfeindeten Redaktionen von Spiegel Online und Print-Spiegel. Unter der vielsagenden Überschrift “Die Vernunftehe” hat die Zeit am Donnerstag aufgeschrieben, wie sich die Spiegel-Chefredakteure Mathias Müller von Blumencron und Georg Mascolo das neue Einerlei vorstellen. Begonnen wird das Experiment mit den drei Kern-Ressorts Deutsche Politik, Deutschland 2 und Ausland. Vor allem in der Haupstadt-Redaktion sollen die Onliner und Print-Leute nun an einem Strang ziehen – und zwar auch in eine Richtung. Zu Beginn der Woche sollen Print-Redakteure mehr als bisher bei Online mitarbeiten. Am Ende der Woche, wenn das Heft produziert wird, sollen dafür im Gegenzug die Onliner den Print-Kollegen “zuarbeiten” und “zugunsten des Magazins auf manchen konkurrierenden Beitrag verzichten”, wie es in der Zeit heißt. Das klingt freilich ein bisserl weltfremd. Spiegel Online kann ja nicht den Weltenlauf anhalten, weil gerade der Print-Spiegel produziert wird. Und wie das mit dem “zuarbeiten” der Onliner zu Print aussieht, muss sich gewiss auch noch zeigen. Die Onliner produzieren schließlich ständig. Auch freitags. Aber immerhin haben sie beim Spiegel nun endlich erkannt, dass es da zwischen Print und Online einen Graben gibt und damit begonnen, gegenzusteuern. Zeit wird’s.

Und Paid Content wollen sie bei Spiegel Online auch einführen. Das “normale” Spiegel Online soll freilich gratis bleiben. Geplant ist eine Art Online-Premium-Sektion mit ausgewählten Artikeln aus dem Print-Spiegel sowie hochwertigen und am besten exklusiven zusätzlichen Inhalten, die nur für dieses neue Bezahl-Modul produziert werden. Dieses Bezahl-Modul wird man dann abonnieren können, und zwar deutlich günstiger als das bisherige Voll-Abo, das jeweils mit rund 200 Euro pro Jahr zu Buche schlägt. Ob sich die Print-Redakteure des Spiegel nun bald darum reißen, ihre Hammer-Stories in einem neuen Bezahl-Bereich der Onliner unterzubringen? Warten wir’s ab.

Bleiben wir noch kurz beim Spiegel. Der Print-Spiegel hat diese Woche Telekom-Chef René Obermann interviewt und dabei erfahren, was für ein rhetorisch beschlagener Mensch der Telekom-Boss ist. Obermann parierte die durchaus kritischen Fragen zum teuren Telekom-Abenteuer in den USA und zum schleppenden Netzausbau stets geschickt und schaffte es, das Interview ganz am Ende mit einer lupenreinen Werbe-Message abzuschließen. Der Spiegel wollte wissen, was denn Obermanns Gegenleistung wäre, wenn seine Telekom erlaubt bekomme, eine umstrittene neue Breitband-Technik einzuführen, die dem Ex-Staatskonzern womöglich mehr Marktmacht verleihen würde. Darauf der Telekom-Chef: “Schnelle Leitungen für viele Haushalte, mehrere Milliarden für den Ausbau des Breitbandnetzes und ein wie bisher erstklassiger Service.” Die übliche Spiegel-Floskel “Wir danken für dieses Gespräch” zum Ende eines Interviews schenkte man sich hier wohlweislich. Obermann hatte zu danken gehabt für diese Gelegenheit zur Werbung.

Gelegenheit zur Werbung nutzte diese Woche auch Google, musste dafür aber zahlen. Das grässliche Hickhack um das Leistungsschutzrecht nahm Google zum Anlass, eine umfangreiche Anzeigenkampagne in Print und Online zu schalten, um seine Sicht der Dinge (Leistungsschutzrecht ist doof und gefährdet die Informationsfreiheit im Internet) darzustellen. Genau jene Zeitungsverlage, die sich in der Debatte bemühen, Google als böses Imperium darzustellen, nahmen gerne das Google-Geld und stellen die Anzeigen online auch ganz Zielgruppen-affin zu den jeweiligen Pro-Leistungsschutz-Artikeln. “Google soll zahlen”, textete beispielsweise Handelsblatt.com direkt über einer schicken Google-Anzeige. Google zahlt ja bereits: mit Anzeigengeld. War diese komische Idee mit dem Leistungsschutzrecht vielleicht nur ein Trick der Verlage, Google zur Anzeigenschaltung zu treiben? Das wäre in der Tat genial, ist aber eher unwahrscheinlich.

Das endgültige Aus für die Financial Times Deutschland rückt näher. Nächste Woche am Tag nach Nikolaus erscheint die letzte Ausgabe. Die Redaktion zeigt in diesen schweren Tagen Würde und Humor. So wurde bei eBay jetzt eine Art FTD-Räumungsverkauf gestartet. Der Erlös wird an Reporter ohne Grenzen gespendet. Zu haben sind u.a. die Urkunde und Trophäe “Wirtschaftsredaktion des Jahres 2011” (“Ein Muss für jeden, der bis heute nicht versteht, warum die Crème de la Crème des deutschsprachigen Wirtschaftsjournalismus demnächst nicht mehr existiert.”), diverse Heuschrecken (tot) im Schaukasten aus dem Besitz des Chefredakteurs sowie die künstlerisch wertvolle FTD-Couch mit lachsrosa Zeitungspapier beklebt. Das bislang höchste Gebot wurde übrigens für die FTD-Erstausgabe im Geschenkkarton (von “den Chefs unterschrieben”) abgegeben – 1.121,33 Euro.

Schönes Wochenende!

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