„Dass YouTube jetzt TV macht, ist falsch“

Fernsehen Ist der Launch der neuen YouTube Original Channels der Beginn einer neuen medialen Ära? MEEDIA sprach mit den Machern. Heute: Georg Ramme, Geschäftsführer von Endemol beyond, der mit "They call us Candy Girls" und "Deer Lucy" Web-Serien in Deutschland überhaupt etablierte. Eine TV-Zukunft ohne Fernseher sieht der Web-TV-Pionier allerdings nicht. Der 38-Jährige glaubt an die ungeminderte Kraft des Fernsehens und sieht Web-Aktivitäten und -Angebote lediglich als Ergänzung.

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Mit "They call us Candy Girls" haben Sie, damals noch bei MME, im Mai 2008 auf MySpace eine der ersten Web-Serien gelauncht. Was hat sich seitdem in diesem Bereich geändert?
"They call us Candy Girls" war eine der ersten Webserien und Pionierarbeit in Deutschland. Damals war das noch ein Probieren, der Markt hat sich seitdem jedoch enorm weiterentwickelt. Nicht nur durch die YouTube-Initiative ist viel Bewegung im Digital Markt. Es entwickelt sich insgesamt ein vielversprechendes neues Geschäftsfeld.
Auch Endemol hat sich als Unternehmen schon lange im Digital Bereich engagiert: Nicht nur bei der Verlängerung von TV-Formaten wie "Big Brother" ins Netz, sondern auch mit reinen Web-Formaten. Letztes Jahr haben wir beispielsweise mit großem Erfolg das web only Format Secret Talents produziert.
YouTube gewährt den Channel-Produzenten eine Anschubfinanzierung. In welchem Rahmen spielt sich diese ab? Können Sie nähere Angaben zum Werbe-Share machen?
YouTube betrachtet sich als eine technische Plattform. Um mehr professionellen Content auf die Plattform zu bekommen, unterstützen sie die Partner durch eine Art Vorschuss auf künftige Werbeeinahmen. Redaktionell liegt die Hoheit aber komplett beim Produzenten. So liegt auch das wirtschaftliche Risiko beim Produzenten. Insofern ist die gerne kolportierte Darstellung, YouTube mache jetzt Fernsehen, falsch.
Können Sie Näheres zu den Inhalten der Formate sagen? Auf welchen Fakten oder/und Erkenntnissen basieren die beiden Channels? Beschreiben Sie bitte, was Sie vorhaben!
Zunächst werden wir drei Online Channel produzieren – zwei davon selbst betreiben, den „Survival Guide for Parents“ und „Shortcuts – Movies in your Face!“, und der dritte Channel „What’s for (b)eats?“ entsteht in Kooperation mit Sony Music Entertainment (Format-Konzept und Betreuung des Channels) und Endemol beyond (Produktion des Content). Der „Survival Guide for Parents“ ist der tägliche Begleiter für das Abenteuer Familie. Wir zeigen kreative Ideen für gemeinsame Aktivitäten, die sowohl den Eltern als auch den Kids Spaß machen. „Shortcuts – Movies in your Face!“ richtet sich an ein cineastisch interessiertes Publikum. Wir wollen die besten Kurzfilme zeigen, die interessantesten Macher und Events und alles Wissenswerte rund um Filme und Kino. Wir produzieren „Shortcuts – Movies in your Face!“ gemeinsam mit Wiedemann & Berg Television, unserem Joint Venture für alle fiktionalen Produktionen mit den Produzenten Quirin Berg und Max Wiedemann. Bei „What’s for (b)eats?“ lädt Starkoch Steffen Henssler in sechs verschiedenen Formaten Bands und Künstler zum Kochen und Plauschen ein – dabei spielen sie ihre Hits und verraten ihre Lieblingsgerichte.
Das Webserien-Portal 3min. wurde im Mai 2011 nach zwei Jahren mangels Erfolg eingestellt. Was glauben Sie, warum hat 3min. nicht funktioniert? Was kann man daraus lernen?
3min. war ein visionäres Projekt mit tollen Inhalten. Vielleicht waren die Inhalte manchmal etwas spitz und die Reichweite etwas gering. Die genauen Beweggründe, warum es eingestellt wurde, kenne ich jedoch nicht.

Mit Internet-TV Geld zu verdienen, ist derzeit (noch) schwierig. Wann glauben Sie, den Break-even zu erreichen?
Neue Märkte haben ihre Eigendynamik. Die Phantasie und Euphorie sind meistens größer als die Budgets. Prognosen sind daher schwierig. Eins ist aber sicher, die Nutzung und Bedeutung von Videos im Netz steigt kontinuierlich und wir sind schon in einer Zeit, mit einem tragfähigen Geschäftsmodell.
Legen Sie als Produzent zukünftig den Schwerpunkt mehr auf eigene Web-TV-Marken, wie Sie sie jetzt für YouTube produzieren, oder spielt TV-Markenverlängerung ins Internet die Hauptrolle?
Die YouTube-Kanäle sind eine Ergänzung zu unserem Kerngeschäft TV und deren Markenverlängerung. Wir wollen die Kanäle zu einem wirtschaftlich relevanten Geschäftsmodell führen. Langfristiges Ziel ist es, ein Channel-Netzwerk mit Endemol Channels und anderen Channels aufzubauen. Schon jetzt machen wir das Channel-Management und Audience Development für andere Content Owner.
Internet und Mobile eröffnen Nutzern – auch im Bewegtbildcontentbereich – Möglichkeiten, die das klassische TV nicht bieten kann. Muss sich dieses ändern, um den veränderten Nutzungsgewohnheiten stand bzw. mit den neuen Medien mithalten zu können? Wenn ja, wie kann das TV der Zukunft aussehen?
Die Diskussion, ob das Fernsehen jetzt unschlagbare Konkurrenz erhält und aussterben wird, ist konstruiert. Fernsehen lebt und ist erfolgreicher denn je. Die Original Channels sind eine Ergänzung zum normalen TV-Programm und es geht nicht um Verdrängung. Im Netz hat der Content eine andere Funktion als im TV, die das klassische TV nicht unbedingt adaptieren muss.
Ich glaube jedoch, dass das Thema On-Demand eine noch größere Rolle spielen wird, Programm-Marken wichtiger werden und Marken auf allen relevanten Plattformen mit unterschiedlichen Content-Angeboten präsent sein müssen.

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