Peter Löw und das dapd-Wolkenschloss

Publishing Am 12. September feierte die Nachrichtenagentur dapd ein Sommerfest. Zahlreiche Promis aus Politik, Wirtschaft und Unterhaltung waren der Einladung gefolgt. Eigentümer Peter Löw beschrieb in einer Rede die Zukunftsvision von dapd als einer "mitteleuropäischen Gesamtagentur" mit Ablegern in Frankreich, Italien, Spanien und Polen. Wie sich kurz darauf zeigen sollte, bleiben Löws Pläne Wolkenschlösser. Die Rede verstärkt die Frage: Warum wurde dapd in die Insolvenz befördert?

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Gerichtet an die "lieben Freunde des Hauses" sagte Löw, der bis heute Mehrheitseigentümer der Nachrichtenagentur dapd ist: "Wir blicken auf das erfolgreichste Jahr unserer Geschichte zurück." 50 Millionen Euro seien für 2012 angepeilt. Diese Summe nannte Löws Kompagnon Martin Vorderwülbecke auch in einem Interview mit MEEDIA. Mehr als 100 neue Kunden seien gewonnen worden, darunter das Auswärtige Amt, die SWMH, Madsack und Daimler-Benz ("der größte Agenturdeal aller Zeiten").

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Entsprechend erfahre dapd eine "erhöhte Wahrnehmung in der Öffentlichkeit" und habe sich "fest etablieren können". Dapd sei einer "der größten Jobmotoren" der Medienbranche, allein in den vergangenen zwölf Monaten seien 150 Journalisten angestellt worden. Die teilweise von der Konkurrenz abgeworben worden seien. "Sind die alle verrückt, durchgeknallt?", fragt Löw selber. Nein, sie "wollen an der Nachrichtenagentur der Zukunft mitarbeiten".

Und da wurde Löw politisch. Denn nicht nur trage dapd zum Pluralismus in Deutschland bei. Auch in Europa und darüber hinaus. Viele "kleine Piepsstimmen" sollten "zu einer großen Stimme" werden. International gehe es voran, "immer mehr ausländische Medien" würden auf die Agentur und ihre Dienste aufmerksam. Und: "Am Montag hat uns die Regierung empfangen", erzählte Löw über die Fortschritte in Frankreich. Bei allen Erfolgen sei es aber wichtig, "zur Bescheidenheit zu mahnen". Denn eine Nachrichtenagentur wolle keine Schlagzeilen produzieren, sondern die Realität abbilden. Mehr nicht.

Anfang Oktober war der Traum von der europäischen Nachrichtenmacht dapd geplatzt. An diesem Mittwoch wurden 98 Mitarbeiter der Agentur entlassen. Wie es im Dezember weitergeht – unklar. Peter Löw ist weiter Hauptgesellschafter der acht Firmen, die beim Amtsgericht Charlottenburg einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gestellt hatten. Martin Vorderwülbecke hatte kurz darauf in einer Ansprache an die Mitarbeiter gesagt, die Eigentümer könnten nicht mehr wie bisher jeden Monat eine Million Euro aus ihren Privatmitteln in die Agentur stecken.

Dieser Grund wird im Allgemeinen akzeptiert. Doch neu oder überraschend dürften die Summen, die monatlich in den Aufbau von dapd flossen, für Löw nicht gewesen sein, erst recht nicht für Vorderwülbecke. Und angesichts der hochfliegenden Pläne für die Agentur, die der Finanzinvestor in seiner Ansprache skizzierte, stellt sich die Frage nach den wahren Gründen für das jähe Ende der Expansionspolitik um so mehr. Schließlich hatte das Unternehmen durchaus Erfolge vorzuweisen, war dapd kein Potemkinsches Dorf. Doch der sprichwörtliche lange Atem fehlte letzten Endes. Ob ein Neuanfang gelingt, ist offen. So strahlen wie in der Rede Löws wird dapd nie wieder.

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